Der neue Opel-Chef greift knallhart durch: Der Sanierungskurs trifft zuerst die 2600 Beschäftigten des Opel-Werks in Antwerpen. Bis Mitte des Jahres will Nick Reilly die Autofabrik in Belgien dichtmachen.

Antwerpen/Rüsselsheim - Der neue Opel-Chef greift knallhart durch: Der Sanierungskurs trifft zuerst die 2600 Beschäftigten des Opel-Werks in Antwerpen. Bis Mitte des Jahres will Nick Reilly die Autofabrik in Belgien dichtmachen.

Die Schließung würde Druck von dem Opel-Werk in Bochum nehmen, in dem ebenfalls der Astra gebaut wird. In Deutschland sollen im Zuge des Sparkurses etwa 4000 Arbeitsplätze abgebaut werden, in ganz Europa rund 8300, sagte Reilly am Donnerstag in Brüssel. Es gebe reichlich Überkapazitäten in Europa, die abgebaut werden müssten.

Die Entscheidung verursachte bei dem Autobauer einen offenen Bruch zwischen Management und Betriebsrat. Man werde keinen Cent Arbeitnehmerbeiträge für die Schließung des Werkes leisten, erklärte der europäische Betriebsratschef Klaus Franz in Rüsselsheim. Er warf Reilly wirtschaftlich unsinniges Handeln und offenen Vertragsbruch vor. Der von der Opel-Mutter General Motors (GM) im Januar an die Opel-Spitze entsandte Manager gilt als harter Sanierer.

Opel ringt seit mehr als einem Jahr ums Überleben. Das Werk in Antwerpen stand bereits auf der Streichliste des Opel- Kaufinteressenten Magna, der später von GM abgelehnt wurde. Der neue Opel-Chef setze mit der Schließung von Antwerpen seine Ankündigungen um. "Wir sind froh, dass der Standort Bochum gesichert bleibt", sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) dem Fernsehsender SAT.1.

Die Produktion in Antwerpen solle nun bis Mitte des Jahres auslaufen, ein genauer Termin stand zunächst nicht fest. Ein eigentlich für Antwerpen vorgesehener Klein-Geländewagen der Marke soll künftig wie der größere Antara bei General Motors in Korea produziert werden. Opel sucht laut Reilly einen Investor für das Werksgelände.

Reilly begründete die Schließung mit der Überproduktion in Europa. Opel müsse seine Kapazität um 20 Prozent verringern. Antwerpen sei die "erste Etappe eines Sanierungsplans, der alle Werke betreffen wird". Das Ende habe nichts zu tun mit der Leistung der Mitarbeiter. "Das ist eine sehr verantwortungsvolle Gruppe von Leuten." Eine weitere Komplettschließung sei nicht geplant. Der Autobauer beschäftigt nach früheren Angaben rund 48.000 Menschen in Europa. Der Rückzug von Opel weckte in Belgien schmerzliche Erinnerungen an die Schließung des Renault-Werkes in Vilvoorde nördlich Brüssels 1997. Damals hatten 3100 Menschen ihren Job verloren.

"Wir sind uns der Tragweite bewusst, die diese Ankündigung für die Beschäftigten in Antwerpen und ihre Familien hat und fühlen mit ihnen", erklärte Reilly. Er strebe eine sozialverträgliche Lösung mit den Arbeitnehmervertretern an.

Nach belgischen Vorschriften ist eine Schließungsankündigung nötig, um Verhandlungen mit den Arbeitnehmern zu beginnen. Es gilt als unwahrscheinlich, dass das Ende von Antwerpen doch noch abgewendet werden kann.

Reilly sagte, er spreche mit Regierungen über staatliche Hilfen. Nach früheren Angaben strebt GM an, dass die Regierungen, in deren Ländern Opel Standorte hat, rund 2,7 Milliarden Euro aufbringen.

Rüttgers (CDU) forderte erneut ein Sanierungskonzept für die deutschen Standorte. "Es ist jetzt höchste Zeit, dass General Motors die konkreten Pläne zur Umstrukturierung vorlegt. Es muss jetzt endlich Butter bei die Fische", sagte Rüttgers nach Angaben der Staatskanzlei dem Sender SAT.1. Auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) dringt darauf. Erst auf der Basis eines detaillierten Konzepts für Deutschland lasse sich auch die Frage einer möglichen Bürgschaft durch Bund und Länder beantworten, sagte er.

In Antwerpen wird nur noch der Astra in drei Varianten gebaut. Das Bochumer Opel-Werk, wo auch der Astra von Band läuft, wird nach Ansicht des dortigen Betriebsratschefs Rainer Einenkel nicht von der Schließung der belgischen Schwesterfabrik Nutzen ziehen. Natürlich werde im Falle einer Schließung zunächst die Produktion auf andere Werke verteilt, sagte er der dem Audiodienst der Deutschen Presse- Agentur dpa. In einem gewissen Zeitraum könnten aber auch die anderen Werke betroffen sein. "Profitieren wird kein einziges Werk. Im Gegenteil: Das ist eine Niederlage für uns alle."

Nach Einschätzung des Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer riskiert GM mit einer harten Sanierung, die Sympathie der Kunden für die Marke Opel zu verspielen. Mit der Schließung des Werks stelle sich GM in Europa in die "Cowboy-Ecke", sagte der Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen der dpa.

General Motors Belgium und Opel bauen in Antwerpen seit 1925 Autos. Mehr als 13 Millionen Autos wurden dort bislang produziert. Das erste Modell lief noch unter der Marke Chevrolet vom Band.

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