Der Impfstoff wird demnächst in die Region geliefert – und es gibt schon Pläne, wie man das Vakzin möglichst gerecht verteilt. Doch wer wird überhaupt geimpft?
Stuttgart - Am Montag hat die Bundesrepublik die ersten 1,4 Millionen Dosen des neuen Impfstoffs Novavax erhalten. Weil es sich dabei um einen sogenannten Totimpfstoff handelt, setzen viele Verantwortliche darauf, dass sich die Impfbereitschaft bei Skeptikern mithilfe von Novavax steigern lässt. Bis die Impfdosen allerdings auf die Bundesländer verteilt sind, werden noch ein paar Tage ins Land gehen. Wie bereiten sich das Land Baden-Württemberg, die Landkreise in der Region Stuttgart und die Landeshauptstadt auf die neue Impfaktion vor? Und wo wird Novavax in der Region zuerst gespritzt?
Das plant das Land
„Wir wissen noch nicht genau, wie auch die anderen Bundesländer, an welchem Tag der Impfstoff in Baden-Württemberg eintrifft“, erklärt Pascal Murmann, der Sprecher des baden-württembergischen Sozialministeriums. Angekündigt ist, dass das Land – verteilt über mehrere Wochen – insgesamt 500 000 Impfdosen erhält. Das Land wiederum verteilt dann die Dosen entsprechend der Einwohnerzahl an die Kreise und kreisfreien Großstädte. Dabei sollen diese darauf achten, dass die zunächst begrenzte Impfstoffmenge gerecht aufgeteilt wird. Murmann dazu: Auch „andere Leistungserbringer wie die niedergelassene Ärzteschaft oder Krankenhäuser“ müssten „bedarfsgerecht berücksichtigt werden“. So soll gewährleistet werden, dass im regionalen Bereich ausreichend niederschwellige Angebote vorhanden sind. 50 Prozent der gelieferten Impfdosen sollen explizit für Personen reserviert werden, die der einrichtungsbezogenen Impfpflicht unterliegen, so dass diese Gruppe vorrangig zum Zug kommt.
Ob sich die Impfquote tatsächlich signifikant steigern lässt, dazu wagt das Ministerium keine Prognose: „Die Nachfrage ist durchaus da, und wir hoffen natürlich, dass sich möglichst viele Menschen durch den Impfstoff noch überzeugen lassen. Denn eine hohe Impfquote ist nach wie vor entscheidend für die Bekämpfung der Pandemie“, sagt Pascal Murmann.
So sieht es in der Region aus
Der Landkreis Ludwigsburg rechnet zunächst mit 9000 Novavax-Impfdosen. Die Hälfte geht an die niedergelassenen Ärzte, die bereits angeschrieben worden sind. „Bisher haben wir jedoch noch keine Rückmeldung“, sagt Kreissprecher Frank Wittmer. Die restlichen 4500 Dosen können im Kreis verimpft werden. Allerdings werden 2250 für die Zweitimpfung, die drei Wochen nach der Erstimpfung erforderlich ist, zurückgehalten. Mit den restlichen 2250 Impfdosen sollen priorisiert die von der Impfpflicht betroffenen Berufsgruppen – also vor allem Pflegekräfte – versorgt werden. Zusätzlich wolle man in allen sechs Impfstützpunkten in Ludwigsburg, Bietigheim-Bissingen, Kornwestheim, Remseck, Ditzingen und Vaihingen/Enz Novavax anbieten.
Ähnlich wollen die anderen Kreise vorgehen. Böblingen plant zunächst mit 6500 Impfdosen, der Rems-Murr-Kreis mit 7000, der Landkreis Esslingen mit knapp 9000 und der Kreis Göppingen mit 4400.
Wann man sich impfen lassen kann
Der Rems-Murr-Kreis und Stuttgart preschen vor: „In unserem Impfstützpunkt in Winnenden können ab sofort Termine mit Novavax gebucht werden – zentral über das kreisweite Buchungsportal für Impftermine unter www.rems-murr-kreis.de/kiz“, erklärt die Kreissprecherin Martina Keck. Die ersten Impftermine gibt es am 7. März. Ähnlich ist es in Stuttgart: Unter www.klinikum-stuttgart.de/impfen oder www.klinikum-stuttgart.de/aktuell-im-klinikum/presse/infoseite-corona-virus/impfstationen bietet das Klinikum Stuttgart bereits jetzt eine frei zugängliche Vorabregistrierung und spätestens ab Donnerstag – vorbehaltlich der rechtzeitigen Auslieferung des Vakzins – auch Termine an. „Wir haben bisher etwa 700 Registrierungen von Personen überwiegend nicht aus dem Klinikum Stuttgart“, sagt der Klinikdirektor Jan Steffen Jürgensen.
Etwas zurückhaltender planen die anderen Kreise: „Termine im Kreisimpfstützpunkt werden wir frühestens in Kalenderwoche 9, eventuell auch erst in KW 10 einstellen“, heißt es zum Beispiel in Böblingen. Auch in Ludwigsburg kann man momentan noch keinen genauen Impftermin mit Novavax über die Homepage des Kreises reservieren. In Göppingen wiederum steht schon fest, dass Novavax in der Bless-you-Impfstelle in Göppingen, im City-Outlet in Geislingen und in der Impfstelle in Eislingen angeboten werden soll.
Das sagen die Kliniken
Mark Dominik Alscher, der Chef des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses, hat bereits Impfdosen angefordert und hofft darauf, mit dem Novavax-Angebot noch einige der wenigen verbliebenen Nichtgeimpften im Pflegeteam des Krankenhauses überzeugen zu können. Auch Matthias Orth, Ärztlicher Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin im Marienhospital, erwartet keinen riesigen Impfsprung: „Novavax ist ein weiteres Puzzlesteinchen, um die Pandemie zu beenden. Aber es wird kein Riesendurchbruch sein. Wir sind aber froh und brauchen wirklich jeden, der geimpft ist, für die Versorgung unserer Patienten.“
Was Lebend- von Totimpfstoffen unterscheidet
Lebendimpfstoffe
Das Coronavakzin Novavax wird oft als Totimpfstoff bezeichnet. Dabei ist, darauf macht Werner Ludwig vom Ressort Leben unserer Zeitung aufmerksam, nur ein Vakzin mit abgetöteten Krankheitserregern ein „echter“ Totimpfstoff. Tatsächlich gebe es selbst in Fachkreisen keine einheitliche Namensgebung. Ludwig: „Die einfachste Einteilung umfasst zwei Kategorien: Lebendimpfstoffe und Totimpfstoffe. In Lebendimpfstoffen befinden sich vollständige, aber abgeschwächte Krankheitserreger, die für immungesunde Menschen ungefährlich sind. Bei einer Immunschwäche werden solche Impfstoffe teilweise nicht empfohlen, weil nicht auszuschließen ist, dass auch abgeschwächte Erreger zur Erkrankung führen. Lebendimpfstoffe werden unter anderem gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken eingesetzt.“
Totimpfstoff
Daneben kann man alle Impfstoffe, die keine lebensfähigen Erreger enthalten, als Totimpfstoffe bezeichnen. Ludwig: „Dabei spielt es keine Rolle, ob sie wie der in Kürze erwartete Impfstoff von Valneva vollständige, abgetötete Viren enthalten oder nur Teile davon wie das Vakzin von Novavax – ein Protein-Impfstoff aus künstlich hergestellten Spike-Proteinen des Coronavirus. Neben Novavax sind weitere proteinbasierte Impfstoffe in der Entwicklung.“
Im weiteren Sinne könne man aber selbst mRNA-Impfstoffe den Totimpfstoffen zurechnen. Ludwig: „Sie enthalten keine lebensfähigen Coronaviren, sondern nur Teile ihrer Erbinformation – die für sich genommen auch ‚tot‘ sind, solange sie nicht von menschlichen Zellen als Bauplan für die Herstellung von Spike-Proteinen genutzt werden. Insofern könnten mRNA-Vakzine ,mit Totimpfstoffen gleichgesetzt werden’, heißt es beim Robert-Koch-Institut.“