In baden-württembergischen Großstädten wie Stuttgart ist die Impfquote niedrig. Detaillierte Impfdaten zeigen nun: von den Impfzentren profitiert vor allem das Umland.
Stuttgart - In Baden-Württemberg gibt es große Unterschiede bei den Corona-Impfungen. Insbesondere Großstädte haben von den dort angesiedelten Impfzentren nur wenig profitiert. Das zeigen Daten aus dem Sozialministerium, die unsere Zeitung sowie der SWR auf Anfrage erhalten haben. Sie beziehen sich auf Impfungen in den Impfzentren sowie von mobilen Impfteams und sind nach Postleitzahl der Geimpften aufgeschlüsselt.
Die Daten beziehen sich auf Impfungen, die in den Impfzentren des Landes sowie von mobilen Impfteams durchgeführt wurden. Daraus und der weiter unten im Artikel enthaltenen Karte geht hervor, dass Großstädte von den Impfzentren nur wenig profitiert haben.
Zwei Beispiele und eine Ausnahme
Beispiel Stuttgart: hier gibt es das Kreisimpfzentrum am Robert-Bosch-Krankenhaus und das Zentrale Impfzentrum an der Liederhalle – dort wurde am Freitag letztmals geimpft. Dass die Impfquote unter dem Landesschnitt liegt, ist bereits bekannt. Die neuen Daten zeigen, dass in weiten Teilen der Stadt lediglich ein Drittel der Bevölkerung ein Impfzentrum besucht hat.
Beispiel Karlsruhe: hier liegt die Impfquote zwar im Landesschnitt. Die beiden Impfzentren wurden aber viel häufiger von Menschen am Stadtrand und aus Nachbargemeinden besucht, ähnlich wie in Heidelberg, Mannheim und Ulm. Lediglich Freiburg verzeichnet sehr hohe Impfquoten in Impfzentren und von mobilen Impfteams.
Die vergleichsweise geringe Nutzung der Impfzentren ist eine mögliche Erklärung für die relativ niedrigen Impfquote in Großstädten. Von den neun Stadtkreisen liegt sie nur in Ulm, Heidelberg, Freiburg und Baden-Baden deutlich über dem Landesschnitt. Insgesamt sind im Datensatz etwa 60 Prozent aller Impfungen enthalten, nicht jedoch solche in Arztpraxen. Laut Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung konnte eine verstärkte Impftätigkeit in den Praxen nur in Heidelberg, Ulm und Mannheim die schwache Nutzung der Impfzentren teilweise kompensieren.
Karte zeigt soziales Gefälle beim Impfen
Auch soziale Unterschiede beim Impfen werden in den Daten deutlich. In Stuttgart sind die Impfquoten in den wohlhabenden Innenstadtbezirken Mitte, West und Süd sowie auf den Fildern deutlich höher als im Rest der Stadt, insbesondere im Vergleich zu den Stadtteilen entlang des Neckars sowie im Norden der Stadt. In Mannheim sind in den weniger wohlhabenden Vierteln Käfertal und Jungbusch weniger Menschen geimpft als etwa im idyllischen Lindenhof-Viertel.
Die detaillierten Daten zeigt die folgende Karte. Sie können herein- und herauszoomen, der Klick auf einzelne Postleitzahlbereiche zeigt die jeweiligen Impfquoten an. Impfungen in Arztpraxen sind nicht enthalten. Allerdings sind etwa 60 Prozent aller Impfungen erfasst. Die Daten geben somit kein ganz vollständiges Bild – aber einen guten Hinweis darauf, wo die Rückstände beim Impfen besonders groß sind.
Aktuelle Daten zu sozialen Unterschieden in Postleitzahlbereichen können teilweise von entsprechenden Dienstleistern bezogen werden, sind aber so gut wie nicht frei verfügbar. Selbst Daten zu Einwohnerzahlen in den Postleitzahlbereichen liegen auf staatlicher Seite nicht vor. Deshalb können entsprechende Analysen nur bedingt auf Zahlenbasis durchgeführt werden. Allerdings zeigt die Kartendarstellung beispielsweise für Stuttgart, dass das Gefälle bei den Impfquoten ähnlich deutlich ausfällt wie schon bei den Infektionszahlen. Die Stuttgarter Stadtverwaltung hatte im Mai entsprechende Zahlen präsentiert.
Die Unterschiede bei den Impfquoten können auch mit der bis Juni geltenden Priorisierung erklärt werden. In Innenstädten ist die Bevölkerung tendenziell jünger und hatte bis Juni gar keine Möglichkeit einen Impftermin zu buchen. Daraus resultieren auch insgesamt niedrigere Impfquoten in den Großstädten, wie sie vom Sozialministerium regelmäßig berichtet werden.
Wo Impfangebote besonders sinnvoll sind
Die nun vorliegenden Daten nach Postleitzahlgebieten sind wertvoll, weil sie einen Hinweis geben, wo zusätzliche Impfangebote besonders sinnvoll sind. Bis Mittwoch fand landesweit die „Impf-Aktionswoche“ statt, mit der niederschwellige Impfangebote gemacht werden sollten. Ihr Erfolg wird sich nicht zuletzt anhand der Daten für Postleitzahlgebiete ablesen lassen. Das Sozialministerium hat angekündigt, die Daten unserer Redaktion auch in den kommenden Wochen zur Verfügung zu stellen.
Nicht geimpft zu sein, wird zunehmend problematisch. Auf nicht geimpfte Reisende kommen neue Test- und Quarantänepflichten zu und im Herbst wird der Zugang zur Gastronomie oder zu Konzerten womöglich Geimpften vorbehalten oder für nicht Geimpfte nur mit – dann vermutlich selbst zu zahlendem – Test möglich sein.