Viele Bewohner von Pflegeheimen sind geimpft. Unter denjenigen, die sich um sie kümmern, ist die Quote deutlich geringer. Ab Mitte März soll deshalb eine Impfpflicht gelten. Foto: dpa/Peter Endig

Schreckensnachrichten über Ausbrüche und Tote kommen aus Alten- und Pflegeheimen im Kreis Ludwigsburg kaum noch. Die angekündigte Pflichtimpfung ist für einige Verantwortliche aber auch keine gute Neuigkeit.

Marbach/Ludwigsburg/Kornwestheim - Helmut Wiedenhöfer kann zufrieden sein, insofern das in diesen Zeiten überhaupt möglich ist. Dem Coronavirus jedenfalls haben der Chef des Seniorenstift Schillerhöhe in Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg) und sein Team bislang erfolgreich die Stirn geboten. Unter den tausenden Tests, die seit Beginn der Pandemie in der Einrichtung gemacht wurden, waren nur vier positive. Bei 100 Bewohnern und 128 Mitarbeitern beachtlich. Auch zu der Zeit, als noch kein Impfstoff zur Verfügung stand, war kein Corona-Ausbruch und vor allem kein Todesfall zu beklagen. Wiedenhöfer schreibt das dem Einsatz des Personals und der guten Kommunikation mit den Angehörigen zu.

 

Die Impfstoffe seien natürlich ein „Segen“, sagt Wiedenhöfer. Gerade einmal drei Bewohner sind ungeimpft, alle anderen sogar dreifach. Und auch von der Quote unter den Beschäftigten – sie beträgt 92 Prozent – träumen viele Einrichtungen. Weil eben doch nicht alle Mitarbeiter die Spritze wollten, treibt Wiedenhöfer das Thema aber weiter um. In erster Linie, weil nun eine Impfpflicht im Pflegebereich kommen soll.

Impfpflicht für Pfleger für Mitte März geplant

Laut Medienberichten ist diese für das Personal in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten ab dem 16. März geplant. Für Helmut Wiedenhöfer, der seit 40 Jahren in der Pflege tätig ist, ist das der nächste fatale Fehler einer „Politik ohne Weitsicht“. Beschließe der Bundestag die Regelung tatsächlich, werde er „sicher zwei bis drei Mitarbeiter verlieren“. Leisten kann er sich keinen einzigen Abgang. Wütend macht Wiedenhöfer die Ankündigung auch deshalb, weil das Seniorenstift seine Hausaufgaben gemacht habe, die Politik nicht. „Wenn wir gesamtgesellschaftlich so viel geimpft hätten, wie wir als Einrichtung, wären wir aus dem Gröbsten raus.“

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Dirk Fahrin, Leiter des Seniorenzentrum am Stadtgarten in Kornwestheim, ist ebenfalls gegen die Impfpflicht, sagt aber auch: „Wer sich seit einem guten Jahr nicht hat impfen lassen, wird es freiwillig auch nicht mehr tun.“ Anfangs war in der Einrichtung der Awo das Interesse an dem Piks „ganz arg mau“, inzwischen liegt die Quote bei etwa 80 Prozent unter den Mitarbeitern. Bei einigen habe sich der Sinneswandel auch aus ganz praktischen Gründen vollzogen. „Die haben gemerkt, dass sie ohne Impfung nicht ins Ausland in den Urlaub können.“

Wie viele Ausbrüche gibt es noch in Pflegeheimen?

Schreckensmeldungen, wie die aus einem Heim in Freudental, wo mehr als 15 Menschen starben, gab es zuletzt nicht mehr. Laut dem Ludwigsburger Gesundheitsamt gab es in den vergangenen vier Wochen fünf Ausbrüche in Heimen in Remseck, Kornwestheim und Bietigheim und zweimal in Ludwigsburg. Es zeigt sich: Impfungen in Verbindung mit striktem Testen helfen.

Beim größten Träger im Kreis, den Kleeblattpflegeheimen, haben sich immer noch viel zu wenige Pflegerinnen und Pfleger impfen lassen. Das sieht zumindest Geschäftsführer Stefan Ebert so. Dass nur gut drei Viertel bereit waren, sich und andere zu schützen, ist aus seiner Sicht „viel zu wenig“. Da andere Aufrufe nicht fruchten, ist Ebert froh über das angekündigte Gesetz. Allerdings komme der Schritt – wie alle Corona-Maßnahmen der Politik – „definitiv zu spät“. Auch wenn die Personalsituation „bescheiden“ ist und „jeder, der geht, weh tut“, in Panik verfällt Ebert wegen möglicher Kündigungen nicht. Er geht von wenigen aus, und „wer kündigt, muss ja auch erst mal einen anderen Job finden“, gibt der Kleeblatt-Chef zu bedenken.

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Die Aussicht auf eine allgemeine Impfpflicht, mit der sich die Mitarbeiter irgendwann vermutlich ohnehin immunisieren lassen müssten, macht Ebert zusätzlich Hoffnung. Das sehen nicht alle so: Helmut Wiedenhöfer beispielsweise. Ob es die generelle Verpflichtung gebe, müsse sich erst einmal zeigen.

In Frankreich gibt es die Impfpflicht bereits

Vorgeprescht ist bei der vorgeschriebenen Impfung die evangelische Heimstiftung. Der größte Träger in Baden-Württemberg, der auch mehrere Heime im Kreis Ludwigsburg, betreibt, hatte diese erstmals Anfang September gefordert. Der Schritt komme zu spät und gehe nicht weit genug. „Sollte es keine allgemeine Impfpflicht geben, droht wieder vermehrt Gefahr von außen“, so Sprecherin Alexandra Heizereder.

Sie rechnet nicht mit einer Kündigungswelle, sondern damit, dass sich der ein oder andere doch noch breitschlagen lässt. Dass eine Impfpflicht wirke und kaum Personal vergraule, zeige der Blick nach Frankreich. Dort gilt die Impfpflicht seit Mitte September.

Einig darüber, ob die Impfpflicht hilft oder schadet, sind sich die Verantwortlichen also nicht. Knut Happe, Leiter des Hans-Klenk-Haus in Ludwigsburg, gehört auch zu den Gegnern. Er bringt noch einen andern Aspekt ins Spiel: den Nachwuchs. Mit Impfpflicht sieht Happe die Gefahr, dass es noch weniger Bewerber gibt. „Diese Auswirkungen könnten wir jedoch erst in ein paar Jahren abschätzen.“

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