Mutige vor: in Weil der Stadt werden auch Patienten geimpft, die sonst keine Patienten in der Praxis sind. Foto: privat

Viele Menschen, die einen Termin mit dem Vektor-Impfstoff bekommen, wollen nicht – auch im Kreis Böblingen. Damit aber kein Vakzin liegen bleibt, öffnen manche Ärzte für Patienten von außerhalb. Bei junge Frauen sind die Mediziner allerdings zurückhaltend.

Weil der Stadt/Böblingen - Endlich geimpft! Das Paar aus Weil der Stadt kann es nicht fassen. Soeben haben die beiden Endvierziger in der Praxis der Weil der Städter Ärztin Heidrun Hainbach-Drignath ihre erste Dosis Astrazeneca erhalten. Dabei sind sie noch nicht einmal Patienten dort.

Eine Freundin hatte das Paar informiert. Diese war bei ihrem Impftermin von einer Mitarbeiterin der Praxis angesprochen worden. Es gebe noch ein paar Dosen Astrazeneca – ob sie jemanden wüsste, der will. An impfwilligen Patienten fehlt es Hainbach-Drignath nicht. Doch fast alle bestehen darauf, mit Biontech immunisiert zu werden. Astrazeneca hat einen schlechten Ruf. „Das ständige Hin und her, wer damit geimpft werden darf und wer nicht, hat die Leute verunsichert“, sagt Hainbach-Drignath. Hinzu komme die lange Zeit von zwölf Wochen zwischen erster und zweiter Impfung, die eigentlich vorgeschrieben ist. „Die Leute wollen nicht so lange warten, sondern bald in Urlaub und ihre Freiheit genießen“, sagt die Ärztin.

Einige wenige ihrer Patienten allerdings wünschten sich hingegen ausdrücklich Astrazeneca. „Sie sagen, das ist ein Vektor-Impfstoff und die Wirkungsweise bekannt.“ Doch jedes Fläschen dieses Stoffs enthält zehn Dosen, mehr als die Ärztin impfwillige Patienten hat. „Und ich werfe keinen Tropfen weg“, so die Devise von Hainbach-Drignath. Deshalb trommelt sie, um die restlichen Dosen verteilen zu können. Glücklich, wer da bereit ist, sich mit dem in Verruf geratenen Astra spritzen zu lassen.

Immer eine Einzelfallentscheidung

Doch nicht jedem, der möchte, setzt sie auch die gewünschte Injektion. Bei jungen Frauen ist der Hausärztin das Risiko zu groß, dass sie eine Thrombose erleiden könnten. In vielen Ländern, in denen Astrazeneca für alle freigegeben ist, handhaben es Ärzte ähnliche und impfen Frauen unter 30 Jahren nicht damit. Grundsätzlich jedoch hält Hainbach-Drignath den Impfstoff aus Großbritannien für einen sehr guten Stoff, der wirkungsvoll vor einer Erkrankung schützt.

Die Sindelfinger Ärztin Annette Theewen hält sich bei der Vergabe von Astrazeneca weitgehend an die Vorschriften der Ständigen Impfkommission (Stiko). Und diese empfiehlt den Stoff nur für Menschen über 60 Jahre. Theewen stellt freie Impftermine auf ihre Homepage. „Bei Astrazeneca haben sich nur junge Leute gemeldet.“ Diese Interessenten schaut sich die Ärztin dann genau an. „Das ist immer eine Einzelfallentscheidung. Wenn ein 50 Jahre alter Mann ohne Vorerkrankung nach gründlicher Aufklärung auf Astra besteht, dann impfe ich ihn.“ Viele jüngere Leute würden aber nach der Vermittlung über mögliche Risiken dann auch wieder abspringen.

Umgekehrte Probleme hat Theewen bei der Vergabe von Biontech. Ihre Warteliste dafür ist noch immer lang. Froh ist die Ärztin, dass die Priorisierung weggefallen ist und sie nun selbst entscheiden kann, wen sie impft. „Wir arbeiten unsere Wartelisten ab und schauen, dass wir vor jetzt allem mobile Berufstätige immunisieren, zum Beispiel Leute, die an einer Supermarktkasse sitzen.“ Ihre Risikopatienten – Ältere und Leute mit Vorerkrankungen – seien längst durch. Einen Teil der Termine vergibt die Sindelfinger Praxis auch online. Da geht es dann nach dem Prinzip: Der schnellste erhält den Zuschlag.

Holzgerlinger Impfmarathon ausgebucht

Astrazeneca ein Ladenhüter? In Holzgerlingen, wo am Pfingstwochenende eine große Impfaktion durchgeführt wird, schien sich das zu bestätigen. Von den 5000 Dosen für die Erstimpfung hatten die Bewohner von Holzgerlingen, Altdorf und Hildrizhausen bis Dienstag nur 2200 angefordert. Doch als die Stadtverwaltung die Terminvergabe für Bewohner des ganzen Landkreises öffnete, ging es ganz schnell. Noch am späten Mittwochabend war alles ausgebucht. Ganz so unbeliebt scheint der Vektor-Impfstoff also doch nicht zu sein.

Im Kreisimpfzentrum in der Sindelfinger Messehalle gibt es Astrazeneca nur noch für Zweitimpfungen. Deshalb bleibe auch nichts liegen, versichert Simone Hotz, die Pressesprecherin des Landratsamts. Fast ausschließlich Biontech wird aktuell verimpft. Vom 7. Juni an entfällt auch dort die Priorisierung. Dann kann sich jeder dort einen Impftermin besorgen. Bei der Anmeldung ändere sich nichts, sagt Hotz. Lediglich das Vorzeigen der Impfberechtigung entfalle dann. Wie schnell jeder Impfwillige zum Zug kommt, wird vor allem davon abhängen, wie viel Impfstoff dann zur Verfügung steht. Noch ist er knapp, vor allem Biontech. „Diese Woche konnte ich gar keine Erstimpfungen vornehmen, weil ich kaum Impfstoff bekommen habe“, berichtet Annette Theewen. Ähnlich erging es den meisten Ärzten im Land.

Glücklich trotz Impfreaktionen

Das Paar aus Weil der Stadt gehört zu den wenigen, die ihre Erstimmunisierung erhalten haben. Trotz heftiger Reaktionen wie Fieber und Kopfschmerzen sind die beiden überzeugt, das Richtige getan zu haben. „Die große Angst vor einer Coronaerkrankung ist weg.“ Und kurz vor ihrem Urlaub Mitte August steht dann die Zweitimpfung an. „Dann haben wir unsere Freiheit zurück.“

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