Obwohl die zweite Masern-Impfung für alle Kinder bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr empfohlen ist, liegt die Impfrate in Baden-Württemberg immer noch bei knapp 89 Prozent. Gewünscht sind 95 Prozent. Foto: dpa

In den ersten zwei Lebensjahren sollte ein Kind 37-mal gegen zwölf Krankheiten geimpft werden. Doch ist das wirklich notwendig?

Stuttgart -

Es gibt einen Witz, der in Masernzeiten gerne mal die Runde macht – und der lautet so: Der Kinderarzt gibt dem kleinen Klaus die Spritze und fragt ihn zum Abschied: „Na, weißt Du noch wogegen ich Dich geimpft habe? Antwortet Klaus: „Klar, gegen meinen Willen!“

In Baden-Württemberg können Experten und Ärzte vielleicht darüber noch eher lachen als in anderen Bundesländern. Sind die Erkrankungszahlen von Masern, Röteln & Co. nicht ganz so dramatisch wie in anderen Teilen der Republik: So wurden beispielsweise dem Landesgesundheitsamt im vergangenen Jahr 111 Masernfälle gemeldet. Zum Vergleich: In Bayern gab es im gleichen Zeitraum 164 Masernerkrankungen, in Berlin sogar 1242. Und doch ist man im Landesgesundheitsamt alles andere als beruhigt: „Baden-Württemberg steht wie Bayern und Berlin im Fokus der Weltgesundheitsorganisation WHO“, sagt Iris Zöllner vom Referat Epidemiologie, die am Dienstag zusammen mit dem Regierungspräsidenten Johannes Schmalzl den Bericht über die Impfstatuserhebung im Rahmen der Einschulungsuntersuchung vorgelegt hat.

Viele Eltern halten Kinderkrankheiten für nicht gefährlich

Obwohl die zweite Masern-Impfung für alle Kinder bis Ende des zweiten Lebensjahres empfohlen ist, liegt die Impfrate immer noch bei knapp 89 Prozent. Wichtig wäre laut WHO aber ein Schnitt von 95 Prozent. Erst dann könne man von einem erfolgreichen Zurückdrängen von Ansteckungserkrankungen ausgehen. „Doch aufgrund der Impflücken, die in einzelnen Regionen hier im Land immer noch recht groß sind, kann es jederzeit bei uns zu einem Ausbruch einer Masernwelle kommen“, sagt Zöllner. So gebe es einige Waldorf-Schulen oder -Kindergärten, in denen nur 20 Prozent der Kinder einen Impfschutz hätten. Dort sei die Skepsis gegenüber Impfungen besonders ausgeprägt. Ähnlichen Nachholbedarf gibt es bei Hepatitis B mit einer Impfrate von 89 Prozent und Varizellen, also Windpocken, mit einer Impfrate von 80 Prozent.

Doch wer glaubt, es ist die Schuld eiserner Impfgegner, weshalb sich das Masernvirus immer mal wieder sprunghaft vermehren kann, liegt falsch: Nur wenige Prozent der Eltern lassen ihre Kinder aus Überzeugung nicht immunisieren, sagt Zöllner. „Das größte Problem ist, dass viele Eltern viele Infektionen, für die es eine Impfung gibt, als Kinderkrankheiten betrachten.“ Dass diese gefährliche Spätfolgen entwickeln können, sei oft nicht bekannt.

Die Angst vor Ansteckung oft in den Hintergrund

Hinzu kommt die Verunsicherung: Nicht selten fragen sich Eltern, ob tatsächlich alle der bis zu 37 Standardimpfungen gegen zwölf Krankheiten nötig seien, die die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (Stiko) allen Kindern in den ersten beiden Lebensjahren empfiehlt. „Viele Eltern wollen ihren Kindern nicht zumuten, dass sich ihre Körper ständig gegen abgeschwächte Erreger wehren müssen“, sagt die Präsidentin des Gesundheitsamtes Karlin Stark. Demgegenüber tritt die Angst vor Ansteckung oft in den Hintergrund.

„Es liegt in der Natur der Sache“, sagt Till Reckert, Landespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. „Die Stiko muss für ganz Deutschland angemessene Entscheidungen treffen, die auf die Gesundheit der Bevölkerung Auswirkung haben.“ Doch nicht jedes Elternpaar gewichtet die Notwendigkeit einer Impfung für das eigene Kind genauso wie die Stiko. Da brauche es dann Aufklärung, so Reckert. „Häufig sind Eltern aber sozialen Impfargumenten gegenüber aufgeschlossen, wenn diese nachvollziehbar ausgesprochen werden.“

Bei seiner Arbeit als niedergelassener Kinderarzt in Reutlingen hat er es aber auch mit Fällen zu tun, bei denen Reckert sich das Vertrauen hart erarbeiten muss. „Man hat dabei auch mit Verschwörungstheorien zu kämpfen.“ Insbesondere die Angst vor Impffolgen sei bei vielen Eltern groß. Ihr begegnet Reckert, in dem er erklärt, dass vorübergehende Impfreaktionen im einstelligen Prozentbereich vorkommen, Impfkomplikationen mit ernsten oder bleibenden Problemen hingegen sehr selten sind. „Auch müssen diese gemeldet und aufgeklärt werden.“

Experten sind gegen eine Impfpflicht

Fällt die Rede auf Bekannte, die sich einen Impfschaden zugezogen hätten, fragt der Arzt nach: „Oft geht es dann um Krankheiten, die im Verlauf der Abklärung recht pauschal als Impffolge angesehen wurden.“ Wichtig sei es grundsätzlich, Eltern und ihre Sorgen ernst zu nehmen – erst recht, wenn sie glauben, dass ihr Kind bei einer Impfung zu Schaden kam. „Jeder Arzt sollte versprechen, dass er nach bestem Wissen zu dessen Aufklärung beiträgt.“

Eine Impfpflicht einzuführen, so wie es die CDU im Dezember 2015 als politisches Ziel mit knapper Mehrheit auf Initiative der Jungen Union beschlossen hatte, davon halten weder die Experten des Landesgesundheitsamts noch der Kinderarzt Reckert etwas. Die Präsidentin Karlin Stark will lieber mit Aufklärungsaktionen sensibilisieren: „Schließlich ist Impfen auch eine Frage der sozialen Verantwortung und nicht nur ein individueller Entschluss“, sagt sie. „Wenn viele Kinder nicht mehr geimpft werden, bricht der Herdenschutz zusammen.“

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