In einem Pforzheimer Stadtteil verimpft eine Ärztin Astrazeneca an alle, die wollen – aus Frust über viele Absagen.
Pforzheim - Gebhard Lange hat nicht lange gefackelt. Im Radio hat der 57-Jährige aus Nordheim (Kreis Heilbronn) gehört, in Pforzheim könne sich auf einem Supermarkt-Parkplatz mit Astrazeneca impfen lassen, wer wolle. Zufällig war er in der Gegend, „und wenn man schon da ist“, sagt er, „sollte man das auch nutzen“ – zumal er im Direktvertrieb arbeitet und täglich bis zu 40 Kundenkontakte hat. „An uns denkt bei der Priorisierung bisher keiner“, sagt er.
Seit 11.30 Uhr wartet er auf seinen Piks, zweieinhalb Stunden bevor es eigentlich losgehen sollte. Als unter 60-Jähriger muss er ausdrücklich zustimmen, Astrazeneca verabreicht zu bekommen: In einigen Fällen war es nach der Impfung mit dem Präparat zu Blutgerinnseln gekommen, der Impfstoff ist deshalb in die Diskussion geraten.
„Wir sind Weltmeister in der Bürokratie“
Zu Unrecht, wie die Huchenfelder Hautärztin Nicola Buhlinger-Göpfarth findet. Zusammen mit Frank Berger, dem Huchenfelder Edeka-Chef, und der Ortsvorsteherin Susanne Wagner haben sie eine Impfaktion in dem Pforzheimer Stadtteil aus dem Boden gestampft. Auf dem Supermarkt-Parkplatz gilt an dem Tag das Motto „Freiwillige vor“ – wer will, der kriegt seinen Piks, so lange der Vorrat reicht. „Wir wollen doch alle raus aus der Pandemie“, sagt die Ärztin. Aber leider „sind wir Weltmeister in der Bürokratie, nicht im Impfen“.
Zum Plaudern hat sie jetzt keine Zeit mehr, 160 Menschen pro Stunde werden in Huchenfeld geimpft. Für insgesamt 900 Impfungen werde das Vakzin, das in Pforzheimer Praxen übrig geblieben ist, am Ende des Tages gereicht haben. Feierabend, versprechen die Mitarbeiterinnen, gebe es erst, wenn der Letzte seine Spritze bekommen hat. Der Verkehr wird von Ordnern geregelt, die Autos werden zum nahen Bundeswehrdepot umgeleitet und von dort aus zum Edeka geschickt, wenn es wieder Platz gibt.
Schon um acht Uhr morgens tauchen die ersten auf
Manche stellen sich auch zu Fuß an, Doris und Joachim Barsch aus Magstadt (Kreis Böblingen) zum Beispiel. Ihre Tochter hat sie angerufen und in Marsch gesetzt. Die beiden sind 66 und 68 Jahre alt, haben also ihre Impfberechtigung – „aber wir bekommen einfach keinen Termin“, sagt Barsch. „Da können Sie anrufen, wo Sie wollen, es gibt nichts.“
Seit kurz nach 13 Uhr steht das Paar an. Eigentlich sollte es um 14 Uhr losgehen. Doch schon um 8 Uhr sind Freiwillige auf dem Edeka-Parkplatz im Pforzheimer Stadtteil Huchenfeld aufgetaucht. Also haben Nicola Buhlinger-Göpfarth und ihre zwei Kolleginnen früher begonnen. Auf dem Parkplatz sind zwei Pavillons aufgebaut, dort fahren die Autos hinein, die Insassen werden aufgeklärt und erhalten ihre Spritze. Zack, zack geht das, nach drei Minuten haben die Wageninsassen den „geimpft“-Stempel im gelben Impfpass.
Buhlinger-Göpfert: „Wir diskutieren uns dumm und dusselig“
Der Andrang gefällt Buhlinger-Göpfarth, denn in ihrer Praxis hat sie bisher das Gegenteil erlebt: Das Misstrauen gegenüber Astrazeneca sei groß, „wir diskutieren uns mit den Patienten dumm und dusselig“ – und am Ende bleibe man nur allzu oft auf dem Vakzin sitzen. Allein in ihrer Praxis seien deshalb 250 Dosen übrig geblieben. Wer nicht will, der hat schon, einerseits. Aber warum andererseits Impfwillige, die laut der Priorisierung noch nicht an der Reihe sind oder einfach noch keinen Termin ergattert haben, in die Röhre gucken sollen, das hat Buhlinger-Göpfarth geärgert.
Der Parkplatz ist voll, aber im Supermarkt drinnen klingeln die Kassen nicht. Die Mitarbeiter stehen herum, zwischen den Kressesamen und den Handcremes sitzen Impfwillige auf Stühlen und warten, dass sie hinter die Edeka-Fahne hinter der Bäckertheke gerufen werden: Dort gibt es den Piks. „Das war klar, dass es an so einem Tag nicht viel Umsatz gibt“, sagt der Ladeninhaber Frank Berger und verteilt Brezeln und Schokolade an die Wartenden. Am 21. Juni, das steht schon fest, wird Nicola Buhlinger-Göpfarth wieder im Außendienst sein: Dann steht die Zweitimpfung in Huchenfeld an.