Zwischen dem Wohnhaus Mayliving (links) und dem noch eingerüsteten Nachbarprojekt rechts ist nicht viel Platz. Unter anderem deshalb fühlen sich Käufer getäuscht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Wohnprojekt Mayliving am Stuttgarter Pragsattel wird immer mehr zum Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Vor Gericht geht es um überzogene Preise. Dazu kommen Verzug, Mängel und Wasserschäden.

Ein bisschen wirkt das Ganze wie eine Schlucht in den Bergen. Links eine Wand, rechts eine Wand, dazwischen eine tiefe Spalte. In diesem Fall mit einer Zufahrt und kleinen Gartenanteilen. Die beiden großen Wohnprojekte der Bauträger Gieag und Instone am Stuttgarter Pragsattel stehen sich in nur elf Meter Abstand gegenüber. Das ist rechtlich zulässig, doch die 250 Wohnungen auf sieben Etagen, die Instone dort baut, überragen das Nachbarprojekt Mayliving der Gieag dabei deutlich. Und das treibt diverse Käufer der teuren Mayliving-Wohnungen so richtig auf die Barrikaden.

 

Denn als sie kauften, war vom massiven Nachbarprojekt noch nichts zu sehen. Stattdessen war im Prospekt eine Wiese mit Bäumen und spielenden Kindern abgebildet. Dort wurden „nach Süden ausgerichtete Terrassen, Balkone und Loggien“ versprochen. Die bekommen jetzt aber deutlich weniger Licht ab, als die Käufer erwartet hatten. Einer von ihnen hat die Gieag deshalb wegen falscher Angaben verklagt. Er will einen Teil des Kaufpreises zurück. „Die Käufer wurden über den Tisch gezogen“, sagt er.

Zwei Wohnungen für 1,6 Millionen Euro

Es geht um mehrere Hunderttausend Euro, denn der Mann hat für zwei Wohnungen 1,6 Millionen Euro bezahlt. Finanzieren wollte er das unter anderem mit der Vermietung einer der beiden Wohnungen – doch die gewünschte Miete lässt sich dort nicht mehr erzielen. Das gesamte Finanzierungsmodell ist zusammengebrochen, zumal massive Zeitverzögerungen dazu gekommen sind. Das gilt für viele Käufer, die ihre Wohnungen teils zwei Jahre später bekommen haben als ursprünglich vereinbart.

„Es ist ein Desaster. Viele fühlen sich betrogen. Manche wollen wieder ausziehen“, erzählt ein Käufer nach der jüngsten Mayliving-Eigentümerversammlung. Manche mussten das sogar, denn auch zahlreiche Mängel machen den Bewohnern zu schaffen und manche Räume unbewohnbar. Zuletzt haben mehrere Wasserschäden dem Neubau zugesetzt. Böden sind noch nicht verlegt oder müssen wieder entfernt werden. Die kleinen Gartenanteile werden von großen Kästen eingenommen, die in Plänen als Sitzdecks eingetragen waren, tatsächlich aber die Abluftschächte der Tiefgarage verbergen. Die Rede ist zudem von zu engen Fluchtwegen in den Treppenhäusern und zahlreichen weiteren Mängeln.

Sechs Verfahren allein bei einem Anwalt

Und so wird der einst als Luxusprojekt angepriesene Wohnkomplex immer mehr zum Fall für Anwälte und Gerichte. Die Liste der Auseinandersetzungen ist mittlerweile lang. Allein Kaan Kalkan von der Rechtsanwaltsgesellschaft Heussen vertritt inzwischen sechs der gut 60 Käufer. „Es gibt diverse Verfahren. Dabei geht es um Verzug, Mängel und Wasserschäden“, sagt er. Zwei Verfahren sind vor Gericht, bei denen es sich auch um die große grundsätzliche Frage der Kaufpreisminderung wegen der Angaben im Prospekt dreht.

Unter den Käufern heißt es, der Immobilienentwickler befinde sich auch im Streit mit der Baufirma Implenia sowie den zuständigen Architekten. Das Projekt Mayliving gelte dort wegen der vielen Probleme als „rotes Tuch“, auch deshalb gehe es kaum voran. Zumindest rechtliche Schritte bestreitet man bei der Schweizer Implenia allerdings: „Es gab bisher keine juristischen Auseinandersetzungen zwischen Implenia und dem Auftraggeber Gieag“, heißt es dort.

Gieag selbst nimmt nur noch sehr eingeschränkt Stellung zum Projekt und den vielen Vorwürfen. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu laufenden rechtlichen Fragen und Themen nicht äußern möchten“, sagt ein Sprecher. Man räume jedoch ein, „dass noch nicht alle Wohnungen fertiggestellt und übergeben sind. Richtig ist auch, dass es leider mehrere Wasserschäden gab.“ Man bedaure dies sehr. Die ausführenden Firmen seien „mit der schnellstmöglichen Mangelbeseitigung und der Nachbearbeitung beschäftigt“. Vorwürfe, man habe die Käufer getäuscht, hat Gieag stets zurückgewiesen.

Genauso schleppend wie die Fertigstellung des Projekts geht es im Hauptverfahren vor Gericht voran. Die Frage, ob Gieag wesentliche Dinge wie die bevorstehende massive Bebauung des Nachbargrundstücks bei Kaufgesprächen verschwiegen und damit zu hohe Preise verlangt hat, ist nach wie vor offen. Bereits vor über einem Jahr trafen sich die Beteiligten dazu vor dem Stuttgarter Landgericht. Seither sind sie keinen Schritt weiter. Weder hat es bisher den vom Gericht angesetzten Besuch einer Gutachterin vor Ort gegeben noch eine weitere Verhandlung. Die soll nun aber in wenigen Wochen folgen.

Vom Ausgang des Verfahrens dürfte einiges abhängen – für die Käufer und Verkäufer im Mayliving-Projekt, aber auch für die Immobilienbranche insgesamt. Denn sollte das Gericht zum Schluss kommen, dass beim Anpreisen der Wohnungen zu dick aufgetragen wurde, dürfte das künftig jedes Exposé bei jedem Bauvorhaben beeinflussen. Denn dann könnten allein am Pragsattel Millionenforderungen auf den Bauträger zukommen.