Als ein Konzept gegen den Mangel an Wohnraum gilt, dass Menschen von großen in kleine Wohnungen ziehen, wenn sie weniger Platz brauchen. Doch in der Praxis ist das die Ausnahme – und gar nicht so einfach.
Es ist eine Idee, die man in den vergangenen Jahren immer häufiger hört: Wenn der Wohnraum zu knapp ist, muss er eben so verteilt werden, dass jeder angemessen wohnen kann. Dazu gehört, dass Leute von großen in kleinere Wohnungen ziehen, wenn sie nicht mehr so viel Platz brauchen. Das Rentnerehepaar zum Beispiel, das sein Haus verlässt, wenn der Nachwuchs auf eigenen Beinen steht. Oder Alleinlebende, die weniger Zimmer benötigen als früher, und damit Platz machen könnten für Familien mit Kindern, um ihnen aus beengten Verhältnissen herauszuhelfen.
Es ist ein schöner Gedanke – doch in der Praxis ist die Umsetzung nicht immer so einfach, wie man sich das vorstellen könnte. Annemarie Toska zum Beispiel würde sich räumlich gerne verkleinern. Sie wohnt in Rot als Mieterin der großen Genossenschaft Flüwo. Früher lebte sie mit ihrer pflegebedürftigen Mutter dort, die aber inzwischen gestorben ist.
„Es gab Gespräche mit der Flüwo, zum Beispiel, als direkt unter mir eine kleinere Wohnung frei geworden ist“, erzählt Annemarie Toska. Früher habe sie viele Jahre bei der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft gewohnt, sagt sie. „Dort könnte ich bei gleichem Quadratmeterpreis in eine kleinere Wohnung wechseln. Bei der Flüwo würde ich bei einem Wohnungswechsel als Neumieterin behandelt“, kritisiert die Frau. Dementsprechend höher wäre die Miete. „Jetzt residiere ich alleine auf 78 Quadratmeter mit zwei Bädern, weil ich für 54 Quadratmeter im selben Haus noch mehr zahlen müsste. Auch so wird Wohnraummangel erzeugt“, sagt sie.
Bei der Flüwo legt man Wert darauf, dass jede Wohnsituation individuell betrachtet werden müsse. „Unsere Mitarbeiter haben immer ein offenes Ohr für Veränderungen der Lebensumstände unserer Bewohner. Dazu gehört vor allem, ihnen den Umzug in eine Wohnung zu ermöglichen, die ihren Bedürfnissen besser entspricht“, sagt die Sprecherin Liridona Salma. Das könne für junge Familien den Umzug in eine größere Wohnung bedeuten, aber auch für ein älteres Mitglied den Umzug in eine kleinere Wohnung. „Dabei ist der genossenschaftliche Gleichbehandlungsgrundsatz zu berücksichtigen, wonach die Mieten für alle fair, transparent und nach den gleichen Grundsätzen ermittelt werden“, so die Sprecherin.
Dass sich damit bei einem internen Umzug grundsätzlich die Quadratmetermiete verteuert, will man so nicht bestätigen. Allerdings: „Der Grund, warum sich der Quadratmeterpreis bei Neuvermietung ändert, liegt nicht nur darin, dass wir alle Mitglieder der Genossenschaft gleich behandeln und uns an den ortsüblichen Mieten orientieren, sondern auch darin, dass wir unsere Wohnungen bei Wohnungswechseln grundsätzlich energetisch sanieren und modernisieren“, sagt die Sprecherin. Die baulichen Maßnahmen erhöhten den Gebrauchswert des Mietobjekts nachhaltig und nicht nur vorübergehend. Unterm Strich wird es also dann teurer.
Gleicher Quadratmeterpreis bei der SWSG
Doch wie sieht das bei anderen großen Vermietern aus – und wie hoch ist die Nachfrage? Bei der eingangs gelobten SWSG, einer städtischen Tochter mit rund 19 000 Wohnungen, bietet man den Wohnungstauschservice „Aus groß mach passend“ an. „Hier können sich Seniorinnen und Senioren melden, die gerne in eine kleinere Wohnung umziehen möchten“, erläutert die Sprecherin Saskia Bodemer-Stachelski. Dabei unterstütze die SWSG an vielen Stellen: „Wir sind bemüht, den Leuten eine Wohnung im selben Quartier anzubieten, wenn sie das wünschen, sodass sie in der gewohnten Umgebung bleiben können.“ Man begleite den gesamten Prozess von der Registrierung bis hin zum Einzug in die neue Wohnung.
Ganz entscheidend dabei: „Wir sichern zu, dass die neue Quadratmeter-Miete nicht über der alten Miete liegt, sodass die Mietkosten in jedem Fall sinken“, sagt Bodemer-Stachelski. Ein Massenphänomen ist die Verkleinerung bei der Wohnfläche dennoch nicht: Aktuell sind 28 Anfragen für den Wohnungstauschservice bei der SWSG in Prüfung und Bearbeitung.
Von „Einzelfällen“ spricht man auch beim größten deutschen Immobilienunternehmen Vonovia. „Das bieten wir unseren Mietern schon länger an. Bei Bedarf und natürlich bei Verfügbarkeit können Wohnungen sowohl von groß auf klein, als auch von klein auf groß getauscht werden“, sagt der Sprecher Olaf Frei. Besonders im Bereich des Sozialmanagements schaue man, ob in näherer Umgebung kleinere günstigere Wohnungen frei sind, wenn die Mieter das wünschten. Oft komme es jedoch nicht vor, dass Mieter sich verkleinern wollen.
Tausch ist eher die Ausnahme
Das gilt ganz speziell für den Sonderfall des direkten Wohnungstauschs. „Für einen konkreten Tausch, bei dem zwei Mietparteien jeweils die Wohnung der anderen Partei übernehmen wollen, ist uns kein Mieteranliegen bekannt und es kam in der Vergangenheit auch noch nicht vor“, heißt es bei der Stuttgarter GWG-Gruppe. Anfragen der Bestandsmieterschaft für größere oder kleinere Wohnungen erhalte man jedoch immer wieder. „In diesen Fällen schauen wir gerne, ob gerade eine passende Wohnung in unserem Bestand frei ist. Wenn gewünscht, merken wir diese Gesuche unserer Mieterinnen und Mieter vor, um bei entsprechenden Vakanzen schnell reagieren zu können“, so Sprecherin Carolin Arnolds.
Wenn es nur in der Praxis dann immer so einfach wäre. Annemarie Toska jedenfalls wird wohl nicht umziehen. Und weiterhin Räume bewohnen, die sie in dieser Größe eigentlich nicht will und nicht braucht. Weil sie sonst mehr bezahlen müsste. Sie wisse zudem, dass aus demselben Grund auch andere von einer Verkleinerung absähen, sagt sie. Und zieht ein bitteres Fazit: „Das ist eigentlich ein Wahnsinn angesichts der derzeitigen Wohnungsnot in Stuttgart.“