Standort und Projekt sollen in Fellbach nicht zusammengepasst haben, so das gängige Fazit aus der Immobilienbranche. Die Insolvenz der Projektgesellschaft des Fellbacher Gewa-Tower soll keine Folgen für die zahlreichen Hochhausprojekte in Stuttgart haben.

Stuttgart/Fellbach - Eines der kühnsten Bauvorhaben der Republik scheint vorerst gescheitert. Beim Gewa-Tower in Fellbach, dem dritthöchsten Wohnturm Deutschlands, wurden die Bauarbeiten eingestellt. Erste Zeichen einer Immobilienblase? Die Investoren hinter den derzeit ungewöhnlich zahlreichen Hochhausprojekten der Region geben sich betont entspannt.

Das Risiko einer Baueinstellung im un­fertigen Zustand sei „tendenziell überschaubar“. Dieser Satz stammt aus einem Gutachten, mit dem der Bauunternehmer Michael Warbanoff 2014 vor dem Fellbacher Gemeinderat nachweisen wollte, dass er die Finanzierung des 107 Meter hohen Wolkenkratzers im Griff hatte. Vergangenen Monat musste er jedoch mitteilen, dass es Abstimmungsbedarf hinsichtlich der Finanzierung und Bauplanung gebe. Und: „Bis zur Klärung der offenen Punkte wurden die Bau­tätigkeiten unterbrochen.“ Inzwischen soll ein Insolvenzverwalter die Fertigstellung ­sicherzustellen.

Doch wie steht es um die anderen Hochhausprojekte in der Region? Für die Wohnugen im Luxusturm Cloud No 7 im Europaviertel wurden Rekordpreise bezahlt. Die teuerste Einheit wurde für mehr als sieben Millionen Euro verkauft. Angesprochen auf die Probleme in Fellbach erklärt der Investor Tobias Fischer: Wenn überhaupt, seien die Folgen für das eigene Projekt eher positive. „Man sieht, dass der Standort einer Immobilie entscheidend ist.“ Aktuell seien 94 Prozent sowohl der Wohneinheiten als auch der Wohnfläche verkauft.

Städtische Gutachter bringen Hochhäuser gegen Wohnungsnot ins Spiel

Das Cloud No 7 wurde, ähnlich wie der Gewa-Tower, über eine Anleihe finanziert. Offenkundig jedoch mit unterschiedlichem Effekt. „Wir sind liquide und nutzen aktuell die Gelegenheit, Anteile der Projektanleihe zurückzukaufen“, berichtet Tobias Fischer auf Anfrage.

Das weniger als 2000 Quadratmeter große Grundstück des Luxusturms – Baufeld 7 des Europaviertels – wurde nach Informationen unserer Zeitung im November 2007 für 10,5 Millionen Euro an Fischer verkauft. Zum Vergleich: das letzte, ähnlich große Hochhausgrundstück des Quartiers, Baufeld 5 direkt am Mailänder Platz, soll dem neuen Eigentümer Strabag im vergangenen Jahr fast das Doppelte wert gewesen sein. Man arbeite gerade an der Nutzungskonzeption, so Pressesprecher Timo Haep. Und: „Unsere Bauvoranfrage für das rund 60 Meter hohe Gebäude wurde positiv beschieden. Den Bauantrag planen wir im kommenden Jahr einzureichen. Die Fertigstellung könnte dann Ende 2019 erfolgen.“ Nach Informationen aus Immobilienkreisen ist kein Wohnhochhaus vorgesehen.

Allgemein seien Hochhausprojekte ­Optionen, um der Flächenknappheit ­entgegenzuwirken, so Haep. Mit dieser ­Ansicht steht die Lobby der Bauträger im Übrigen nicht allein. Der Vorsitzende des städtischen ­Gutachterausschusses, Karlheinz Jäger, hatte im Sommer dieses Jahres mit Blick auf den Mangel an Bauland neue Hochhäuser ins Spiel gebracht.

Das dritte aktuelle Hochhausprojekt der Stadt entsteht derzeit auf der Prag. Dort wächst der Skyline getaufte Turm der Bülow AG in den Himmel. Auf Anfrage heißt es vom Bauherr: „Unser Objekt ist durchfinanziert.“ Die Vermietung der Wohnungen in dem 75 Meter hohen Gebäude soll im kommenden Jahr erfolgen. Die Fertigstellung ist für das dritte Quartal 2017 geplant. Nach Informationen unserer Zeitung zieht der Bauherr dann auch den Verkauf des gesamten Objekts in Betracht.

Stuttgarts Finanzbürgermeister Michael Föll sprach beim Richtfest des Bülow-Turms im Übrigen von einem „Pendant zum Fernsehturm“. Mit dem selben Slogan wurden 2001 die Pläne für den 220 Meter hohen Trump-Tower an selber Stelle beworben, bevor diese Projekt einige Jahre später spek­takulär aufgrund von nicht vorhandenen Mietern und Grundstücksstreitigkeiten noch lange vor Baubeginn endete.

Schwieriger Markt im Luxussegment

Grundsätzlich sind Wohntürme aus Sicht von Immobilienexperten jedoch ein probates Mittel, um mehr Wohnraum in einer dicht besiedelten Stadt zu schaffen. „Allerdings nicht für die Bereitstellung von günstigem Wohnraum“, sagt Marc Bosch, der Vorstandsvorsitzende des Vereins Immobilienwirtschaft Stuttgart. Hochhäuser seien nicht günstig zu erstellen, so Bosch weiter. Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung sagt er: Stuttgart sei eher für ein Hochhaus geeignet als Fellbach, da sich die späteren Verkaufspreise der Wohnungen im „oberen ­Bereich“ bewegten.

Speziell im oberen Preisbereich scheint die Luft aber dünner zu werden. „Generell ist es durchaus so, dass extrem teure Neubauwohnungen in Stuttgart, sprich jenseits der 8000 Euro, aktuell schwieriger zu platzieren sind als der Bereich zwischen 6000 und 8000 Euro“, berichtet Frank Leukhardt, einer der Geschäftsführer der Makler von Colliers International in Stuttgart. Björn Holzwarth, Geschäftsführer bei den Immobilienexperten Ellwanger und Geiger, fügt hinzu: „Auf den Gesamtmarkt wird die Situation in Fellbach nur unwesentlich Auswirkungen haben.“ Alexander Veiel, der Leiter der Makler von Jones Lang Lasalle in Stuttgart, ergänzt: „Die alte Immobilienweisheit ,Lage, Lage, Lage’ zählt wie eh und je.“

Dessen ungeachtet strebt die Stadt Waiblingen weiterhin das erste grüne Hochhaus Deutschlands nach Vorbild des Bosco Verticale (senkrechter Wald) in Mailand an. Die Entscheidung, wer das Objekt am Ende ­bauen darf, soll Anfang kommenden Jahres im Waiblinger Gemeinderat gefällt werden.

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