Bei der virtuellen Zeitreise kann man Monet und Renoir auch beim Malen zuschauen. Foto: Excurio – GEDEON Experiences – Musée d’Orsay

Immersive Kultur-Angebote sind ein Kassenschlager. Eine Tournee-Ausstellung zum Impressionismus revolutioniert nun alles, was bisher auf dem Markt war.

Im Grunde ist es eine Weltsensation. Wo wäre es bisher schon möglich gewesen, sich mal eben in andere Zeiten beamen zu lassen? Jetzt aber schlendert man mitten durch das Paris des 19. Jahrhunderts, schaut hier in die Schaufenster und besucht dort eine Ausstellung. Vor allem werden Tote wieder lebendig – berühmte Maler wie Monet, Degas, Pissarro und Cézanne. Sie scherzen, plaudern, fachsimpeln und wirken so verblüffend real, als wäre man tatsächlich bei ihnen im Atelier zu Gast, damals vor 150 Jahren.

 

Die Technik macht es möglich, dass man sich jetzt auf eine Zeitreise begeben kann, wie man sie bisher nicht kannte. In Paris wurde eine immersive Ausstellung eröffnet, die alles übertrifft, was derzeit an virtuellen Kunsterlebnissen im Angebot ist.

Immersive Shows sind derzeit Kassenschlager, weshalb ein Angebot das nächste jagt – zu Frida Kahlo, Cézanne, Monets Garten oder jüngst Tutanchamun. Doch auch wenn man dort inmitten einer 3-D-Animation sitzt oder mit der VR-Brille durch künstlich erzeugte Welten fliegen kann, ist das ein harmloses Vergnügen gegenüber dem, was man nun für Paris programmiert hat: „Un soir avec les impressionnistes“, also ein Abend mit den Impressionisten im Paris von 1874, dem Gründungsjahr des Impressionismus.

45 Minuten zu Fuß durch das historische Paris – mit VR-Brille

Fast eine Stunde ist man dabei mit VR-Brille auf der Nase im virtuellen Paris unterwegs. Es dauert eine Weile, bis man sich traut, Rose zu folgen, einer jungen Frau, die einen mit langem Kleid und Schirm in der Hand – schließlich könnte es regnen – durch die künstlichen Welten und also erst mal übers Kopfsteinpflaster leitet.

Hier warnt sie vor den Pferdekutschen, die laut vorbeiklappern, dort macht sie an einem Blumenstand halt. Aber alles, was diese Rose einem zeigt, ist virtuell, ja, sie selbst ist so sichtbar wie unwirklich. Das merkt man, wenn man sie versehentlich anrempelt und durch sie genauso hindurchgehen kann wie durch die Maler, die man gleich kennenlernen wird in der legendären Ausstellung im Atelier des Fotografen Nadar.

Es war ein gigantischer Aufwand, diese Reise in die Vergangenheit zu rekonstruieren und zu programmieren. Die Idee hatte Gedeon, ein auf immersive Projekte spezialisiertes Unternehmen in Paris, das sich mit dem Musée d’Orsay zusammengetan und noch das Virtual-Reality-Studio Emissive ins Boot geholt hat.

Zwei Jahre hat man recherchiert, um anhand von alten Stadtplänen, Verzeichnissen zu Grundstücken und Immobilien, Zeitungskritiken und Korrespondenz, Katalogen und Rechnungen der Ausstellung die historischen Schauplätze zu rekonstruieren.

Ob am Bahnhof oder auf dem Steg übers Wasser – alles wirkt verblüffend real

Denn man geht keineswegs nur durch die Ausstellungsräume und bekommt die Bilder von den Malern höchstpersönlich erklärt, sondern wird immer wieder auch weggebeamt – auf die Insel La Grenouillère, wo Monet und Renoir gemeinsam malen, oder an den Bahnhof Saint-Lazare. Auch wenn man erkennt, dass hier alles virtuell ist, sind die Orte doch so ungeheuer detailreich, dass sie vollständig real wirken.

Für dieses Erlebnis waren mehr als 100 Personen im Einsatz, Kunsthistoriker und 3-D-Künstler, Schauspieler, Bühnenbildner und Animatoren – abgesehen vom technischen Team. Für die Figuren wurden zunächst menschliche Bewegungen und Körperhaltungen erfasst und dann digital übersetzt, ein Verfahren, das als Motion Capturing bezeichnet wird. Ein wissenschaftliches Team stand dabei Pate, um die Charaktere der Maler möglich präzise zu treffen.

Wer den berühmten Männern beim Fachsimpeln zuhört, kann einiges über den Impressionismus und die neue Malerei erfahren, die damals revolutionär war und heute Millionen einbringt. Aber so richtig werden die wenigsten zuhören, weil man viel zu beschäftigt damit ist, auf einem Holzsteg übers Wasser zu balancieren oder über wackliges Gebälk aufs Dach eines Hauses zu steigen, um einem Feuerwerk über der Stadt zuzuschauen.

Brav zieht man den Kopf ein, dabei ist der Holzbalken doch nur virtuell

Es ist bemerkenswert, wie willig sich das Gehirn auf die Manipulation einlässt. Reflexhaft ziehen manche die Köpfe ein, wenn der Weg unter einem niedrigen Holzbalken hindurchführt. Brav rückt man im Aufzug zusammen, um ins nächste Stockwerk zu fahren. Dabei bewegt man sich doch in Wirklichkeit nur mit 80 weiteren Personen durch einen leeren, 550 Quadratmeter großen Raum und letztlich immer nur ein paar Schritte nach vorne, zur Seite oder wieder zurück.

Die Wege der Besucher sind perfekt aufeinander abgestimmt. Rote Leuchtmarkierungen weisen die Richtung – und Rose bittet einen immer wieder, hier oder dort für einen Moment auf einer weiß markierten Fläche zu verharren.

Trotzdem muss man auf der Hut sein vor den übrigen Besuchern, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen – als leuchtende Silhouetten. Anders als durch Monet und Co. kann man durch sie freilich nicht hindurchlaufen.

Und wenn man schließlich nach 45 Minuten in die Gegenwart zurückkehrt, ist einem nicht nur etwas schwummrig, sondern braucht das Gehirn dann doch seine Zeit, um sich wieder an die Realität zu gewöhnen und zu begreifen, dass man durch die Menschen um einen herum plötzlich nicht mehr hindurchlaufen kann.