Immer mehr Menschen kehren den Kirchen den Rücken. Foto: dpa/Ingo Wagner

Erstmals könnten in diesen Tagen die Mitglieder der großen Kirchen zur Minderheit im Land geworden sein. Dennoch lassen sich die Verantwortlichen nicht Bange machen.

Stuttgart - Bei Nicolai Opifanti erscheint die kirchliche Gegenwart frisch, jung, modern und strahlend schön. Der Pfarrer stapft im Talar fröhlich durch den Schnee, braust ausgelassen im Motorboot über den Gardasee oder steht sichtlich heiter mit seiner Kollegin Sarah Schindler in einem leuchtendem Mohnfeld. Mit solchen bunten Bildern zeigt der 35-Jährige im sozialen Netzwerk Instagram, wie Glaube auch wirken kann – alles andere verstaubt, trocken und überholt. Kein Wunder, dass die württembergische Landeskirche in seinem Engagement ein Zukunftsmodell sieht und ihm für die Aktivität im Netz kürzlich eine 50-Prozent-Stelle eingeräumt hat. „Es ist nicht so, dass es immer weiter den Bach runtergeht“, sagt Opifanti denn auch in einem seiner Videos.

 

Im Ländle ticken die Uhren anders

Diesen Mutmacher können die Verantwortlichen in den Kirchen gebrauchen. Denn ihre Mitgliederzahlen kennen in den vergangenen Jahren nur einen Trend: es geht abwärts. Vermutlich gehören jetzt weniger als 50 Prozent der Bevölkerung zu den Großkirchen. Zwar ticken die Uhren im Ländle etwas anders als etwa im Norden oder Osten der Republik. Im Südwesten seien noch mehr als 60 Prozent der Bürger, „konfessionsgebundene Christen“, sagt Dan Peter, Sprecher der Evangelischen Landeskirche Württembergs. Doch das ist wenig mehr als eine Momentaufnahme.

Anzeichen des gesellschaftlichen Umbruchs waren auch jüngst bei der Bildung der neuen Bundesregierung zu beobachten: Nur neun von 17 Kabinettsmitgliedern haben bei ihrer Vereidigung noch auf „Gottes Hilfe“ geschworen. Zudem sieht erstmals ein Koalitionsvertrag vor, dass die Leistungen des Staates an die Kirchen beendet, beziehungsweise abgelöst werden. Das sind Entschädigungszahlungen für den Einzug kirchlicher Güter vor allem im 19. Jahrhundert. Rund eine halbe Milliarde Euro kommen da jedes Jahr zusammen, was in einer zunehmend säkularen Zeit kaum mehr vermittelbar ist.

Seit Langem gibt es einen Verfassungsauftrag, diese Tradition zum Beispiel mittels Einmalzahlung zu beenden. Doch das hat bisher kaum eine Rolle gespielt. Angesichts der zurückgehenden Stärke der Kirchen gewinnt die Debatte nun an Fahrt. Prinzipiell begrüßen die Kirchen die Ablösung. Allerdings pochen die Verantwortlichen auf den versprochenen fairen Ausgleich. Und sie weisen darauf hin, dass die Umsetzung in den Ländern erfolgen muss. „In Baden-Württemberg sehe ich da keine besonderen Ambitionen“, sagt Weihbischof Matthäus Karrer von der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die evangelischen Landeskirchen sehen dies ähnlich.

Bange machen, gilt nicht. Nach diesem Motto bekämpfen die Kirchen ohnehin den Schwund. So befragt Württemberg seit Mitte 2020 Ausgetretene, um ihre Motive zu erfahren: Demnach gehen viele – besonders die Jungen – weil sie nicht an Gott glauben und die Kirchensteuer sparen wollen. Man müsse noch besser erklären, wie sinnvoll die Mittel eingesetzt werden, sagt Peter. „Jeder Kirchensteuer-Euro löst gesellschaftliche Aktivitäten mit einem vier- bis fünffachen Wert aus“, betont Matthäus Karrer und verteidigt so ebenfalls das Finanzierungssystem.

Viel Geld fließt in Innovationen

Darüber hinaus wollen die Kirchen den Wandel gestalten. Sie bauen ihre Strukturen wegen sinkender Einnahmen zwar um, aber geben gleichzeitig Geld für Neues aus. Die badische Landeskirche, so erzählt Bischof Jochen Cornelius-Bundschuh, werde in den nächsten zehn Jahren 30 Prozent einsparen, aber zehn Prozent davon flössen in Innovationen.

Schwerpunkte sind dabei meist die Jugendarbeit und das Internet. So läuft in drei evangelischen Pfarreien das Projekt „digitale Mustergemeinden“. Online-Formate und Social-Media-Aktivitäten werden erprobt. Württembergs Landeskirche widmet sich ferner mit der „Missionarischen Gemeindeentwicklung“ besonders den 20- bis 40-Jährigen, also der Altersgruppe, die häufig austritt. Sie solle spüren, dass Kirche für sie da sei, heißt es. Dafür gibt es neue Stellen, etwa in der Stuttgarter Jugendszene, für das Thema Nachhaltigkeit in der Hochschule oder die Arbeit in einem neuen Wohngebiet. Auch wird über eine stärkere Mitwirkung von Jugendlichen nachgedacht, zum Beispiel durch eine Quote für Gremien.

Ein Allheilrezept gebe es nicht, sagt Mattäus Karrer. „Wir müssen nach der Methode Versuch und Irrtum vorgehen.“ Bei der katholischen Kirche sind der Digitalisierung wegen der zentralen Bedeutung der Eucharistie Grenzen gesetzt. Doch funktionieren Glaubenskurse, Exerzitien und Beratungsangebote auch online. Daneben nimmt die Diözese mit mehreren Projekten 18- bis 35-Jährige in den Fokus und spricht sie auch mal mittels eines Food Trucks bei einem Festival an. Ein anderer Versuch ist die Ausbildung von Ehrenamtskoordinatoren. Dieser Ansatz lässt dann auch ganz unabhängig von Statistiken hoffen. „Es geht nicht darum, wie viele Mitglieder wir haben“, sagt Karrer, „es geht darum, wie viele Leute wir aktivieren können, Gutes zu tun.“