Produktion der Zeppelin-Luftschiffe in Friedrichshafen. Um abzuheben brauchen die „Zigarren“ große Mengen des sehr leichten Gases. Dieses wird aber immer teurer. Foto: dpa

Die Versorgung der Wirtschaft mit dem wichtigen Industriegas Helium ist angespannt. Die Preise sind in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen. Das Problem: Ohne Helium stehen eine ganze Reihe von High-Tech-Anwendungen auf der Kippe.

Friedrichshafen/München - Die Ruhe in dem riesigen Hangar der Deutschen Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen am Bodensee ist dahin. Wo sonst riesige weiße Luftschiffe träge vertäut auf Reede liegen, läuft Zeppelin-Geschäftsführer Thomas Brandt jetzt ziemlich hektisch auf und ab. Der Grund: Die 75 Meter langen High-Tech-Zigarren in die Luft zu bekommen wird immer schwieriger. Helium, das Gas, das die haushohen Luftschiffe zum Abheben bringt, ist extrem knapp, und Zeppelin-Chef Brandt muss immer größere Verrenkungen machen, um den Nachschub zu sichern.

„Wir leiden seit Monaten unter der angespannten Heliumversorgung“, sagt Brandt. „Der Weltmarkt ist leer gefegt. “ In den vergangenen Monaten habe sich der Bedarf verdrei- bis vervierfacht. Die Preise des raren Edelgases seien in ähnlichem Umfang in die Höhe geschossen. Nur aufgrund der langjährigen guten Beziehungen zum Hauptlieferanten sei es möglich gewesen, die Versorgung für die Zeppelin-Luftschiffe sicherzustellen.

Tatsächlich sind es nicht nur die Zeppelinbauer vom Bodensee, die mit Problemen bei der Heliumversorgung kämpfen. Eine ganze Reihe von Industrie- und Hochtechnologie-Branchen sind seit Monaten von dem Problem betroffen.

Bei den großen Herstellern von Industriegasen herrscht daher seit geraumer Zeit Alarmstimmung. Helium spiele in einem „weiten Feld von Produkten eine kritische Rolle“, heißt es bei Air Liquide Deutschland, einem der großen Heliumlieferanten im Land. Um die Versorgung aufrechtzuerhalten, hat der Konzern mittlerweile spezielle Teams abgestellt, die versuchen, jeden Kubikmeter aus den Tanks und Pipelines herauszupressen. Nicht immer sind deren Bemühungen offenbar von Erfolg gekrönt. Man versuche die Auswirkungen der Engpässe „so gering wie möglich zu halten“, heißt es schriftlich von Air Liquide. Weltweit hat der Konzern 2012 signifikante Einschränkungen der Versorgung ausgemacht, die allen Prognosen zufolge auch die kommenden Monate anhalten werden.

Weltweite Nachfrage steigt

Bei Linde Gas, einem der führenden europäischen Hersteller, heißt es, bisher habe man seine Kunden zwar immer beliefern können, aber man müsse Liefermengen ständig „hin und her schieben“.

Helium ist vor allem als Kühlmittel für High-Tech-Anwendungen von zentraler Bedeutung. In der Medizin würde moderne Diagnosetechnik wie Kernspintomografen ohne Helium-Kühlung sofort ausfallen. Aber auch die Produktion von Chips, Displays und Halbleitern für die Solar- und Computerindustrie, Glasfaseroptiken oder Airbags für die Autoindustrie würde ins Stocken geraten. Die Physiker am Genfer Teilchenbeschleuniger Cern könnten ihre Arbeit ohne das Edelgas gleich ganz einstellen. Daneben ist Helium auch für viele gewerbliche Anwendungen, etwa zum Schweißen von Metallteilen, unabdingbar. Auch Formel-1-Techniker verwenden das Edelgas bei Boxenstopps, um mit heliumgetriebenen Schlagschraubern in Sekundenschnelle Reifen zu wechseln.

Die Gründe für die angespannte Situation im Heliumgeschäft sind mannigfaltig. Einerseits steigt die weltweite Nachfrage nach dem extrem reaktionsträgen Edelgas stetig an. Experten gehen von bis zu drei Prozent Nachfrageplus jährlich aus. Für Asien mit seiner boomenden Elektronik- und Halbleiterindustrie werden sogar zweistellige Wachstumsraten prognostiziert.

Dem gegenüber steht eine Versorgungslage, die sich seit Anfang 2011 stark verschlechtert hat. Von weltweit sechs Ländern, die über nennenswerte Heliumvorkommen verfügen – die USA, Katar, Algerien, Polen, Russland und Australien –, hatten mehrere in letzter Zeit erhebliche Lieferschwierigkeiten.

Besonders in den USA, die bisher rund 80 Prozent der weltweiten Heliumversorgung sicherten, stockt der Nachschub. Sinkende Erdgaspreise haben dort die Gasförderung in einigen Feldern unrentabel gemacht. Da Helium fast ausschließlich als Nebenprodukt bei der Erdgasproduktion anfällt, sanken die verfügbaren Heliummengen mit. Dazu kamen langwierige Wartungsarbeiten an Raffinerien, die den Helium-Ausstoß zusätzlich gesenkt haben.

Algerien entscheidendes Lieferland

Strategische Reserven, die die aktuelle Knappheit überbrücken könnten, gibt es fast nicht mehr. 1996 beschlossen die USA, bis Anfang 2015 eine gewaltige Helium-Kaverne nahe dem texanischen Amarillo aufzulösen. Allein aus dem 900 Millionen Kubikmeter fassenden Speicher hätte die Welt fünf Jahre lang versorgt werden können.

Als Folge des Abverkaufs schwamm die Welt einige Jahre in billigem Edelgas. Das chemische Element war um die Jahrtausendwende so günstig, dass sich Heliumatmen als Partyvergnügen auf Kindergeburtstagen durchsetzte. Heute ist das angesichts der gestiegenen Preise schwer vorstellbar.

Den europäischen Markt trifft es im Moment hart, weil die Heliumausbeute aus algerischen Gasfeldern vergangenes Jahr eingebrochen ist. Für Europa ist Algerien das entscheidende Lieferland.

Entwarnung geben Experten erst in einigen Monaten. Frühestens im zweiten Halbjahr 2013 oder Anfang 2014 könnte sich die Versorgungslage verbessern, heißt es in einer Analyse des Fachmagazins „CryoGas International“ vom Oktober 2012. Dann sollen in den USA, Katar und Algerien neue Förderstätten erschlossen werden.

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