Das Gefühl, zu nerven: Dreharbeiten zur ZDF-Krimiserie „Soko Stuttgart“ am Königsbau. Foto: Bavaria/Markus Fenchel

Die Filmförderpolitik des Landes greift, es wird mehr gedreht in Stuttgart, doch die steigende Zahl der Anträge für Drehgenehmigungen bringen das Amt für öffentliche Ordnung (AföO) an seine Grenzen. Nun schlagen die hiesigen Filmproduzenten Alarm.

Stuttgart - Der georgische Regisseur Dito Tsintsadze hat in Stuttgart den Spielfilm „Wettbewerb“ gedreht. Um eine Nachtszene zu ­simulieren, wollte er für zwei Stunden einen Durchgang hinter der Galeria Kaufhof sperren lassen und abdunkeln. „Man hat uns hingehalten und dann heftige Auflagen ­erteilt“, sagt Elaine Niessner von der Stuttgarter Produktionsfirma East End Film und fragt: „Wieso kommt da erst mal ein generelles Nein und kein generelles Ja?“

Beim Spielfilm „Ohne Dich“ mit Katja Riemann wurde eine Drehgenehmigung für die Tübinger Straße verweigert – mangels Parkplätzen. „Wir mussten kurzfristig ­umplanen und sind überhaupt oft in der Luft gehangen“, sagt Birgit Hettich, die als Stuttgarter Location Scout auswärtigen Produzenten geeignete Motive vermittelt.

„Seit Anfang 2013 ist es schwieriger ­geworden“, bestätigt Rolf Steinacker, Produktionsleiter der ZDF-Krimiserie „Soko Stuttgart“. „Man gibt uns das ­Gefühl zu nerven, Anträge werden kurzfristig abgelehnt. Ein Problem ist sicher die Masse der Anfragen.“ Zahlen belegen das: „Es wird deutlich mehr gedreht“, sagt Christian Dosch, Leiter der Film Commission Region Stuttgart. „Die Filmförderung ist von 7 Millionen Euro 1999 auf heute 15 Millionen erhöht worden. Das AföO hat 2012 230 Drehanträge bearbeitet, 2008 waren es nur 84.“

Damals fing die „Soko“ an, und der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Schuster habe volle Unterstützung zugesichert, ­erzählt Steinacker. „Ich musste mich lange nicht darauf berufen, aber 2013 habe ich schon dreimal den Ordnungsbürgermeister eingeschaltet.“ Eine Konsequenz: „Von rund 120 Anträgen im Jahr stellen wir inzwischen ein gutes Drittel in Esslingen und Ludwigsburg, denn da heißt es grundsätzlich: Ja, das kriegen wir hin.“ Das schätzen Filmemacher, denn es steht einiges auf dem Spiel. „Ein Spielfilm-Tag kostet 30 000 bis 50 000 Euro, ein Filmset hat eine spezielle Dynamik und eine spezielle Technik“, sagt Dosch. „Wer solche Anträge bearbeitet, muss ein Grundverständnis mitbringen.“ Besonders kritisch sind Drehs mit vielbeschäftigten Stars wie Katja Riemann oder Katja Flint, die sich nicht verschieben lassen.

Mangelnde Kommunikation

„Die Überlastung kann ich bestätigen, was Zweifel an der Kompetenz angeht, muss ich klar widersprechen“, sagt Ralf Maier-Geißer, Leiter Veranstaltungsmanagement beim AföO. „Früher konnten wir 14 Tage vorher Bescheid geben und kurzfristig ­reagieren, seit gut einem Jahr ist das nicht mehr zu leisten.“ Nicht nur wegen des Film-Booms: „Wir bearbeiten alle Veranstaltungen von Plieningen bis Zuffenhausen, Maibaum, Weindorf, Volksfestumzug, Weihnachtsmarkt. Es wird ständig mehr, die Veranstaltungen wachsen, und auch kleine werden extravaganter, bauen Kräne auf und Motorradbremsvorrichtungen. Da gibt es viel mehr zu prüfen. Während die Belastung kontinuierlich steigt, bleibt die Mitarbeiterzahl gleich: Fünf Leute schultern das alles.“ Jemanden nur für Film abzustellen, wie es München und Köln machen? „Unmöglich.“

Offenbar redet man auch nicht mehr genug miteinander. Die „Soko“ bekam am ­Bubenbad eine Absage für ein mehrfach verwendetes Motiv – aus Sorge um den türkischen Konsul. „Der hat da vorher auch gewohnt“, sagt Steinacker. „Die Polizei hatte Bedenken“, erklärt Hermann Karpf, Referent von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer. „Da waren die Proteste in der Türkei, Sicherheitsbewertungen ändern sich je nach Lage.“ Karpf war früher Pressesprecher der Stuttgarter Polizei. „Ich habe ‚Tatort‘-Drehbücher gegengelesen und die beraten“, erzählt er. „Wir haben den Film immer unterstützt, jetzt fehlen einfach die Mittel.“

Auch im Stuttgarter Westen wurde der „Soko“ ein Motiv verweigert, wegen der Parkplatzsituation sollte man zwei Straßen weiter drehen – „nicht nachvollziehbar“, sagt Steinacker. Maier-Geißer erklärt: „Die Parkplatzsituation im Westen ist extrem ­angespannt. Wir müssen 72 Stunden vorher Parkverbotsschilder aufstellen, damit die Leute ihre Autos wegfahren können, und es gibt Stellen, an denen wir oft abschleppen müssen.“ Wieso Steinacker das nicht wusste? „Wir arbeiten im roten ­Bereich“, sagt Maier-Geißer. „Darunter leidet natürlich auch die Kommunikation.“

Sollte sich die Situation nicht ändern, fürchten die Filmemacher Konsequenzen: „Wenn nur ein Produktionsleiter erzählt, wie kompliziert das in Stuttgart war, dann spricht sich das herum“, sagt Steinacker. „Wenn dann alle lieber wieder nach Berlin oder München gehen, bricht uns die ganze Infrastruktur wieder weg, die wir über Jahre aufgebaut haben.“ Es gebe ohnehin viele Vorurteile, weiß Hettich: „Stuttgart steht für Verkehrschaos, Berge und Langeweile. Dann kommen die Leute her und ­sehen: Nicht jedes Motiv ist schon tausendmal gefilmt, jeder Hügel bietet eine andere Per­spektive.“ Ämterstress indes sei Gift, sie habe das diskret gemanagt: „Wir haben es ­geschafft, dass die Produktionsleiterin von all dem nichts mitbekommen hat.“

Letztlich sind sich alle einig: Das AföO braucht mehr Personal. Beim Land hat man schon lange als Ziel ausgegeben, die Produktion einer zweiten TV-Serie in Stuttgart ­anzusiedeln. Käme es so weit, würde dem Amt für öffentliche Ordnung wohl der ­Infarkt drohen. „Da geht es um ein Selbstverständnis“, findet Christian Dosch: „Wie ­gehen wir mit Film und Medien um? Diese Frage hat die Stadt nicht beantwortet.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: