Dürfen Hühner ihre Eier bald behalten? Gelingt es den Forschern, kommt Eiweiß künftig aus dem Labor Foto: dpa

Gelingt es den Forschern, kommt das Hühnereiweiß bald aus dem Metallkessel statt aus der Massentierhaltung. Auch bei Milch und Süßstoffen wird zunehmend an Produkten geforscht,die ohne Tiere und Pflanzen über Gentechnik hergestellt werden können. Solche Lebensmittel sind auch für den wachsenden Markt der Veganer interessant.

Düsseldorf - Wenn Arturo Elizondo über Hühner spricht, bekommt er immer schlechte Laune. „Hühner sind als Proteinfabrik nicht gut geeignet“, sagt der Manager eines amerikanischen Startups, „sie sind weder effizient noch nachhaltig.“ Während seines Vortrags zeigt Elizondo dann ein paar Leistungsdaten eines Huhns. Für die Herstellung von zwölf Eiern benötige man etwa 2400 Liter Wasser. Ökologisch sei das nicht. Zudem besitze das Produkt die Gefahr von Antibiotika-Rückständen und Salmonellen-Befall. Über die quälende Massentierhaltung in Legebatterien will er lieber erst gar nicht sprechen. Und schließlich müssten die Eier häufig noch mühevoll aufgearbeitet werden, denn viele Lebensmittelhersteller verwenden nur das Eiweiß. Dotter und Schale landen im Müll.

Höchste Zeit also, an Alternativen zu denken. Eiweiß ohne Hühner, der Einstieg in eine neue Landwirtschaft, die ohne Tiere auskommt. Und tatsächlich bekommt das Huhn langsam Konkurrenz aus dem Labor: Arturo Elizondo macht Werbung für „Clara Foods“, ein US-amerikanisches Biotechnologie-Unternehmen, das Eiweiß mit Hilfe von Hefe herstellen will. „Es sieht aus wie Hühner-Eiweiß, schmeckt so und lässt sich so verarbeiten“, verspricht der Vorstandsvorsitzende. Die Entwickler bei „Clara Foods“ haben einige fremde Gene in die DNA der Hefe eingeschleust und dadurch ihren Stoffwechsel so verändert, dass der Organismus zum Eiweiß-Produzenten wird. Aus der Sicht von Elizondo liefert sein Ersatzhuhn ein echtes Naturprodukt. „Hefen werden seit Jahrhunderten in der Lebensmittelproduktion eingesetzt, etwa beim Backen oder Bierbrauen“, sagt er. Das neue Eiweiß sei auch für vegane Lebensmittel eine Hilfe.

Die neuen Hühner sind große Metallkessel oder Glasbehälter

Elizondos Hühner werden große Metallkessel oder Glasbehälter sein, sogenannte Fermenter mit den optimalen Bedingungen für die Hefe. Die Hefen geben die Eiweiße direkt in die Nährlösung ab, aus der müssen sie dann isoliert und gereinigt werden. Dieses Verfahren ist für Medikamente längst erprobt. Vor mehr als 30 Jahren zog die Gentechnik in die Arzneimittelproduktion ein. Eines der prominentesten Produkte ist noch immer das für Diabetiker wichtige Insulin. Zuvor wurde der Wirkstoff aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen oder Rindern gewonnen, heute produzieren speziell veränderte Bakterien wie Escherichea coli, Hefen oder sogar Pflanzen die wertvolle Substanz. Das Beispiel Insulin fand viele Nachahmer. Derzeit sind in Deutschland 204 Arzneimittel mit 160 Wirkstoffen zugelassen, die gentechnisch hergestellt werden, berichtet der Bundesverband der forschenden Pharmaunternehmen (VFA).

Doch die Hühner haben noch ein bisschen Schonzeit. Erfahrungsgemäß dauert es einige Jahre bis ein Experiment, das in einem Laborgefäß funktioniert, auch für eine großtechnische Produktion für die Lebensmittelindustrie angewendet werden kann. Diese Erfahrung machte auch ein anderes Unternehmen aus der Branche. Die Schweizer Firma „Evolva“ wollte in diesem Jahr mit einem gentechnisch hergestellten Süßstoff aus der Stevia-Pflanze für kalorienfreie Cola den Markt aufkrempeln. Das natürliche süße Aroma kann zwar auch direkt aus der Pflanze gewonnen werden, doch die Mischung enthält dann auch ein paar Substanzen, die der Süße einen unerwünschten bitteren Geschmack geben. „Evolva“ entwickelte daraufhin eine spezielle Hefe, die unter dem Namen „Eversweet“ nur den Süßstoff-Anteil der Stevia produzieren kann. Nach Angaben der Neuen Züricher Zeitung mussten die Biotechnologen die Markteinführung aber auf 2017 verschieben, weil sie nicht genug Süßstoff herstellen können.

Auch beim Nahrungsergänzungsmittel Resveratrol, das viele positive Wirkungen auf die Gesundheit haben soll, verfügen die Schweizer Gen-Techniker zwar über alle nötigen Genehmigungen für den Verkauf, können aber dennoch nicht genug liefern, weil es Probleme in der Produktion gibt. Anders als „Clara Foods“ sehen die Schweizer die Chance der neuen Technologie vor allem bei teureren Produkten: Vanillin, die Aromen des Safrans, des Sandelholzes oder der Grapefruit, die auch als Mückenschutz verwendet werden.

Kennt man das Erbgut von Tieren und Pflanzen, kann man sie im Labor nachbilden

Diese Ansätze bilden den Anfang einer Entwicklung, an deren Ende Pflanzen und Tiere als Rohstofflieferanten ins Abseits gedrängt werden. Diese Veränderung wird von zwei großen Motoren getrieben. Zum einen wächst fast täglich die Zahl der Pflanzen und Tiere, deren Erbgut vollständig analysiert wurde. Dadurch entsteht eine gewaltige Datenbank, gefüllt mit der DNA der Natur. Gleichzeitig haben Bio-Informatiker Programme entwickelt, die die Datenmengen ordnen. Wenn sie wissen, welche Proteine im Eiweiß des Hühnereis vorhanden sind, dann können die Software-Spezialisten mit großer Sicherheit berechnen, welche Gene an deren Produktion vermutlich beteiligt sind. Diese Gruppe von Genen übertragen die Forscher dann in die Hefe. Manchmal erstellen sie am Computer auch ein völlig neues Stück DNA, von dem sie wissen, dass es zur gewünschten Substanz passt. Das Prinzip funktioniert so universell, dass man in der Zukunft noch mit vielen weiteren Beispielen rechnen muss.

Die Träume der Wissenschaftler sind verwegen. Ryan Pandya und Perumal Gandhi wollen mit Gentechnik Milch herstellen. Ihr Unternehmen heißt Muufri, ein durchaus ernst gemeintes Wortspiel – Milch ohne Kuh. Die beiden Forscher haben in den USA studiert, ernähren sich vegan und sie denken an die Menschen in Asien. Dort ist Laktose-Unverträglichkeit weit verbreitet, ein riesiger Markt. Ihre Milch soll besser verträglich sein. Das Rezept besteht aus sechs Proteinen, die aus gentechnisch veränderter Hefe stammen und aus acht Fettsäuren, die von Hightech-Pflanzen produziert werden sollen. Dazu geben die Milch-Mixer noch ein paar Mineralien, Wasser und ein bisschen Zucker. Lactose gehört nicht dazu. Im Dezember habe es die erste Verkostung gegeben, berichtet Ryan Pandya, die Testpersonen seien mit dem Geschmack zufrieden gewesen.

Pessimisten dürfen also den Abschied von der Kuh befürchten, Hühner haben noch eine etwas bessere Prognose. „Wir würden auch gern den Ei-Dotter herstellen, aber das ist ganz schon schwierig“, sagt Arturo Elizondo.

Rechtlicher Rahmen

Regelungen: Neuartige Lebensmittel oder -zutaten werden in Europa gemäß der Novel-Food-Verordnung zugelassen. Das betrifft beispielsweise in Europa unbekannte Pflanzen oder Pflanzenteile, sowie neue Zutaten und Produkte, die von Mikroorganismen, Pilzen oder Algen stammen Die Verordnung gilt auch für neuartige Herstellungsverfahren.

Überprüfung: Die Novel-food-Verordnung ist eine Sicherheitsprüfung. Der Antragsteller muss belegen, dass weder die Herstellung noch der Verzehr eine Gefahr für den Verbraucher darstellen. Produzenten können einen Antrag auf „Feststellung der wesentlichen Gleichwertigkeit“ stellen, dann wird das Produkt fortan wie eine bestehende Zutat eingestuft.

Kennzeichnungspflicht: Wenn Produkte lediglich mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) produziert werden, müssen sie nicht gekennzeichnet werden. Diese Pflicht gilt nur für Produkte, die direkt aus einem GVO hergestellt worden sind. Kennzeichnungspflichtig sind auch Zutaten, bei denen die verwendeten gentechnisch veränderten Mikroorganismen noch im fertigen Produkt vorhanden sind.

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