Der Stellenabbau in der Region treibt Tausende Beschäftigte vor Gericht. Trotz rechtlicher Risiken wissen sich immer mehr Firmen nicht mehr anders zu helfen als durch Entlassungen.
Der massive Stellenabbau in der Region Stuttgart führt zu einer steigenden Zahl von Rechtsstreitigkeiten zwischen Unternehmen und Beschäftigten. Darauf deutet der Anstieg der Klagen hin, die in den vergangenen Monaten beim Arbeitsgericht Stuttgart eingegangen sind.
Wie das Arbeitsgericht mitteilte, waren im März 2025 insgesamt 3056 sogenannte Urteilsverfahren anhängig – also Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Innerhalb eines Jahres ist diese Zahl auf 4304 Verfahren gestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von mehr als einem Drittel.
Nach Angaben eines Gerichtssprechers setzt sich dieser Trend fort. Auch in den kommenden Monaten sei mit einem erhöhten Verfahrensaufkommen zu rechnen, wenngleich die Zahlen grundsätzlich Schwankungen unterlägen.
Der Anstieg steht nach Einschätzung des Gerichts „ohne Zweifel“ im Zusammenhang mit der angespannten Wirtschaftslage. Den größten Anteil machten Kündigungsschutzklagen aus.
Konzerne schließen Kündigungen noch aus
Vor allem die Autoindustrie sorgt seit rund zwei Jahren mit umfangreichem Stellenabbau für Schlagzeilen. Die Großen der Branche wie Mercedes, Porsche und Bosch setzen dabei in aller Regel auf freiwillige Lösungen wie Aufhebungsverträge, frühere Verrentung oder den Verzicht auf die Nachbesetzung frei werdender Stellen; in vielen Fällen sind hier betriebsbedingte Kündigungen auch für unterschiedlich lange Zeiträume vertraglich ausgeschlossen.
Besonders weitreichend sind die Abbaupläne des Stuttgarter Zulieferers Bosch, der in der deutschen Autosparte rund 22.000 Stellen streichen will. Auch Porsche startete vor gut einem Jahr ein Programm zum Abbau von 1900 Stellen und ließ zusätzlich die Verträge von 2000 befristet Beschäftigten auslaufen. Derzeit verhandelt das Unternehmen mit dem Betriebsrat über weitere Sparmaßnahmen und hat die jährliche Sonderzahlung für 2025 gestrichen.
Auch Mercedes-Benz setzte ein Abfindungsprogramm auf, das bis Ende März lief und von mehreren Tausend Beschäftigten angenommen wurde.
Entlassungen für Unternehmen risikoreich
Während das Ausscheiden gegen Abfindung im Rahmen eines Aufhebungsvertrags freiwillig erfolgt und rechtlich kaum angreifbar ist, bergen betriebsbedingte Kündigungen, wie sie eher in kleineren Unternehmen vorkommen, erhebliche Risiken für Arbeitgeber. Häufig ist eine Sozialauswahl erforderlich, die von Betroffenen angefochten werden kann. Hält das Gericht eine Kündigung für unwirksam, muss der Arbeitgeber die Mitarbeiter weiterbeschäftigen oder eine Abfindung anbieten.
Die steigende Zahl der Verfahren deutet darauf hin, dass Unternehmen zunehmend auch auf Kündigungen setzen, um Stellen abzubauen – neben freiwilligen Lösungen. Kündigungen werden offenbar häufiger als letztes Mittel eingesetzt, wenn Abfindungsangebote nicht ausreichend angenommen werden. Auch Bosch hat die von Ende 2027 an auslaufenden Jobgarantien in der deutschen Kfz-Sparte nicht mehr verlängert, so dass dann grundsätzlich auch Entlassungen möglich sind. Diese Möglichkeit ist aber nach einer Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung starken Einschränkungen unterworfen und soll nur das allerletzte Mittel sein.
Bosch-Chef Stefan Hartung wies aber vor wenigen Tagen bei einer Veranstaltung unserer Zeitung darauf hin, dass solche Vereinbarungen letztlich nur Absichtsklärungen sein könnten, die von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig sind. Bei Mercedes-Benz gab es bereits in den Jahren 2005 und 2006 trotz einer kurz zuvor abgelaufenen, lang laufenden Beschäftigungssicherung einen großen Stellenabbau in den Werken und in der Konzernzentrale. Wegen des vereinbarten Ausschlusses von Kündigungen führte die Vereinbarung zu teilweise sehr hohen Angeboten für das freiwillige Ausscheiden.
Bei der Porsche-E-Batterietochter Cellforce in Kirchentellinsfurt kam es vor einigen Monaten bereits zu betriebsbedingten Kündigungen; für dieses Unternehmen gibt es keinen Kündigungsschutz. Einen weitreichenden Ausschluss haben die Betriebsparteien bei der Mercedes-Benz AG vereinbart, wo Entlassungen bis Ende 2035 ausgeschlossen sein sollen.
Schwieriger Arbeitsmarkt vergrößert Konfliktpotenzial
Angesichts eines schwierigen Arbeitsmarkts sinkt die Bereitschaft vieler Beschäftigter der Autobranche, gegen Abfindung auszuscheiden. Zugleich fehlen gerade vielen kleineren Unternehmen die finanziellen Spielräume, um höhere Abfindungen anzubieten – ein Spannungsfeld, das die Zahl der Konflikte weiter antreibt.