Sexueller Missbrauch an jungen Menschen nimmt zu. Die Stuttgarter Beratungsstelle Kobra hilft Opfern seit 25 Jahren. Foto: dpa

Ein Jubiläum ist in der Regel ein Anlass zur Freude. Aber in diesem Fall ist das 25-jährige Bestehen der Beratungsstelle Kobra kein Grund zum Feiern. Denn Kobra widmet sich in Stuttgart Kindern und Jugendlichen, die sexuell missbraucht wurden. Und deren Zahl ist nach wie vor erschreckend hoch.

Stuttgart - 12 444 Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern meldete die Polizei im Jahr 2011. Es waren fast fünf Prozent mehr als im Jahr davor. Den Deutschlandtrend kann Gabriele Lieberknecht, die Geschäftsführerin der Stuttgarter Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen (Kobra) teilweise bestätigen: „Die Zahl der Ratsuchenden ist bei uns in den vergangenen 25 Jahren konstant hoch geblieben.“ Im Schnitt werden in den Räumen von Kobra in der Hölderlinstraße jährlich 50 Opfer betreut.

Die offiziellen Zahlen bilden die tatsächlichen Verhältnisse jedoch nur bruchstückhaft ab. Die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Fälle dürfte aus Sicht der Expertin 15- bis 20-mal höher sein. Reinmar du Bois, ehemaliger Chef der Kinder- u. Jugendpsychiatrie im Olgahospital, sprach schon vor Jahren davon, dass in jeder zehnten Familie ein junges Missbrauchsopfer lebe. Gabriele Lieberknecht geht noch weiter. Bei ihren Aufklärungsbesuchen in Schulen entdeckt sie in Klassen in der Regel „drei bis vier Kinder“, die als mögliche Opfer infrage kämen.

Mit diesen Zahlen will Lieberknecht keine Hysterie auslösen. Denn das Feld des Missbrauchs ist weit. Die Definition reiche vom „grenzwertigen Anfassen bis hin zum massiven Übergriff des Vaters“. Es geht ihr nicht darum, Unsicherheit und Ängste zu schüren, sondern „Menschen für das Thema sexuelle Gewalt zu sensibilisieren“. Sie will, dass Menschen genau hinschauen, ob ein Kind durch ein verändertes Verhalten auffällt. Mögliche Anzeichen können sein: Rückzug, Vernachlässigung des Äußeren, Verschlossenheit, Ablehnung von Zärtlichkeiten, Leistungsabfall, Schlaflosigkeit und Angst. „Ich will Menschen für die kritische Wahrnehmung der alltäglichen Gewalt an Kindern und solcher Anzeichen gewinnen“, sagt Gabriele Lieberknecht.

Kobra als einprägsames Sinnbild für Kinder und Jugendliche

In seltenen Fällen muss jedoch auch der Fachmann genau hinschauen. Zuletzt betreute das Kobra-Team (3,5 Stellen) ein vierjähriges Mädchen, das von einem Sechsjährigen in der Toilette gezwungen wurde, sich zu entblößen. Anschließend fotografierte er das Mädchen mit dem Handy. „Die Zahl der Übergriffe unter Kindern hat sich deutlich erhöht“, sagt Lieberknecht. In den vergangenen fünf Jahren von etwa zwölf Fällen, die in der Beratungsstelle landeten, auf 24. „Besorgniserregend ist auch die steigende Zahl sexueller Übergriffe in Verbindung solcher Medien“, sagt die Kobra-Gründerin.

Der Name Kobra ist im Übrigen kein Akronym – also kein Kunstgebilde aus Anfangsbuchstaben. Die Giftschlange soll ein einprägsames Sinnbild für Kinder und Jugendliche sein. Denn die Kobra beißt nur dann zu, wenn man ihre Grenzen verletzt oder sie angreift. So wie der sexuelle Missbrauch auch eine extreme Verletzung eines Menschen darstellt. „Gleichzeitig soll die Häutung von Schlangen symbolisch für den Akt der Transformation stehen“, sagt Lieberknecht. Etwas Ähnliches machen missbrauchte Kinder auch mit. Vom Übergriff über das Bekanntwerden bis hin zur Therapie.

In 95 Prozent aller Missbrauchsfälle kommen die Täter aus dem gleichen sozialen Umfeld: Familie, Sport und Freizeit oder einer pädagogischen Einrichtung. „In all den Jahren waren nur zwei Fälle aus der Kirche dabei“, sagt Lieberknecht. Ganz selten sei auch, „der Papa des befreundeten Kindes oder der Unbekannte auf dem Spielplatz der Täter “.

„Die Opfer müssen lernen, damit zu leben“

Für missbrauchte Kinder, die es in Obhut von Kobra geschafft haben, ist dieser Schritt oft von existenzieller Bedeutung. „Je früher so ein Kind professionelle Hilfe bekommt, desto höher sind die Chancen, dass so ein Missbrauchsopfer diese Erfahrungen in sein späteres Leben integrieren kann“, erklärt Lieberknecht. Nicht selten blieben jedoch „massive Schuld- und Schamgefühle bei den Opfern und eine Schädigung der Persönlichkeit zurück“. Ein sexueller Missbrauch lässt sich nicht mehr gutmachen oder heilen. „Die Opfer müssen lernen, damit zu leben“, sagt Gabriele Lieberknecht und gibt das Beispiel von Pola Kinski, die von ihrem Vater Klaus vom fünften bis zu ihrem 19. Lebensjahr sexuell missbraucht worden sein soll. Die Tochter des gestorbenen Schauspielers hat das „Unfassbare als nötiges Übel ertragen“ und sagt heute als 61-Jährige: „Ich habe lebenslang.“

Der prominente Fall zeigt alle Facetten des in der Gesellschaft tabuisierten Themas. Die Wirkung, die sich nicht auf körperliche Gewalt beschränkt, sondern die Seele tötet. Aber auch das Wegschauen der anderen nach dem Motto: Was nicht sein darf, ist nicht.

Dieser Kampf gegen das „Schweigen, Verharmlosen oder die Umdeutung solcher Fälle“ hat Gabriele Lieberknecht in den vergangenen 25 Jahren „sehr angestrengt“. Mehr als die eigentliche Arbeit mit den jungen Menschen, die das Unfassbare ertragen mussten.

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