Immer öfter muss die DLRG nach vermissten Schwimmern suchen. Foto: 7aktuell.de/Hald

Die zwei DLRG-Landsverbände und der Schwimmverband Wüttemberg schlagen Alarm. Bereits jetzt sind 37 Menschen im Land beim Baden ums Leben gekommen. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr waren es 38.

Stuttgart - Es ist der Albtraum jeder Mutter und jedes Vaters. Die Familie ist beim Baden. Plötzlich ist das Kind verschwunden. Am Ende die tragische Gewissheit: Der sechsjährige Junge ist tot, am Sonntag im Neumühlsee bei Waldenburg im Hohenlohekreis ertrunken. Zwei weitere Menschen sind am vergangenen Wochenende im Wasser gestorben: Ein 30-Jähriger bei Bruchsal (Kreis Karlsruhe), der vermutlich alkoholisiert mit einer Luftmatratze in einen Baggersee gegangen war, sowie ein 83-Jähriger, der im Rhein bei Küssaberg (Kreis Waldshut) schwimmen wollte. Die Rettungskräfte entdeckten ihn im Wasser treibend. Jede Hilfe kam zu spät.

Im gesamten Vorjahr starben 38 Menschen

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) wird an diesen heißen Tagen oft alarmiert, die Badeunfälle – speziell in offenen Gewässern – häufen sich. Die Zahl der Menschen, die ertrinken, steigt dramatisch. Laut Ludwig Schulz, dem Leiter der DLRG-Geschäftsstelle Baden, sind in diesem Jahr in Baden-Württemberg bereits 37 Menschen ertrunken. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag die Zahl der Opfer zur gleichen Zeit bei 25. Und im gesamten Jahr 2017 kamen 38 Menschen ums Leben. „Wenn das Wetter so bleibt, wird die Zahl weiter steigen“, sagt Schulz. Am Ende könnte ein Negativrekord stehen.

Der rasante Anstieg hängt laut Schulz nicht nur mit den seit Wochen anhaltenden hochsommerlichen Temperaturen zusammen, bei denen nun mal mehr Menschen schwimmen gehen. Über die Jahre hinweg sei die Zahl der Ertrunkenen kontinuierlich leicht angestiegen. Speziell das Schwimmen im Rhein werde immer beliebter, sagt Schulz. Selbst Menschen, die nicht gut schwimmen können, ziehe der deutsch-französische Grenzfluss an: „Vielleicht weil er ein Gefühl der Freiheit vermittelt.“ Tatsächlich ist der Rhein aber gefährlich, wegen des Schiffsverkehrs und der starken Strömung. Die DLRG habe dort in diesem Jahr bereits „an die 20 Suchaktionen nach Vermissten“ starten müssen. Was die Hilfsorganisation teuer komme. „Je nach Größe werden für ein Einsatz bis zu 5000 Euro fällig“, sagt Schulz. Kosten, auf denen die DLRG oft sitzen bleibe.

Binnengewässer gelten als besonders gefährlich

Binnengewässer wie der Rhein gelten generell als Gefahrenquelle Nummer eins. Denn nur wenige Stellen sind bewacht. Jeder Todesfall durch Ertrinken sei „eine persönliche Tragödie“. Speziell wenn Übermut im Spiel ist, lasse sich so manches Unglück kaum verhindern, so die Einschätzung der Fachleute. Doch die DLRG und der Schwimmverband Württemberg (SVW) nehmen auch die Politik in die Verantwortung. Warum, fragt der DLRG-Mann Schulz, werden die allermeisten Badeseen im Land – wenn überhaupt – nur an den Wochenenden bewacht? Viele Kommunen priesen ihre Seen als „unser Freibad“. „Es reicht aber nicht, Schilder aufzustellen, die aufs Baden auf eigene Gefahr verweisen.“ Die Städte und Gemeinden müssten sich „ihrer Verantwortung stellen“. Die Kommunen an der Nord- und Ostsee beschäftigten während der Sommersaison jeden Tag hauptamtliche Rettungsschwimmer. Nach diesem Vorbild könnten auch in Baden-Württemberg an den Seen und an einigen Flussbadestellen Leben gerettet werden. Die Kosten dafür müssten die Kommunen tragen, so Schulz.

Nord- und Ostsee als mögliches Vorbild

Als Risikogruppe gelten vor allem Männer, sie verhalten sich oft viel zu leichtsinnig, so die Fachleute. Doch auch Flüchtlinge seien gefährdet, sagt Schulz: „Sie können oft nur schlecht oder gar nicht schwimmen.“ Für die Ausbildung fehle es aber oft an Kapazitäten in den Schwimmbädern. Laut einer Forsa-Umfrage sind auch 59 Prozent aller Zehnjährigen in Deutschland keine sicheren Schwimmer. „Daher dürfen keine weiteren Bäder geschlossen werden“, fordert Ursula Jung, die Vizepräsidentin der DLRG Württemberg. Seit dem Jahr 2000 musste bundesweit jedes zehnte Schwimmbad aus Kostengründen dicht machen. Von ehemals 6716 Bädern sind nur noch rund 6000 übrig. Hinzu komme, dass es an vielen Schulen im Land weniger Schwimmunterricht gebe, kritisiert Christina Kaiser vom SVW: „Mitunter wird das Schwimmen ganz gestrichen, obgleich alle Kinder nach der vierten Klasse laut Lehrplan sichere Schwimmen sein müssten.“ Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Deutschland zum Land der Nicht-Schwimmer werde, warnt daher der DLRG-Vizepräsident Achim Haag.

Verband: Schwimmen ist lebensnotwenig

Allen Kindern solle „Freude am Wasser vermittelt werden“, sagt die Expertin vom SVW. Klar, kaum eine Kommune könne mit dem Betrieb eines Bads Geld verdienen. „Aber der Mehrwert“ eines Bades und des flächendeckenden Schwimmunterrichts sei unbezahlbar: „Die Kinder ertrinken nicht.“ Schwimmen sei lebensnotwendig – das unterscheide dieses Schulfach von allen anderen.

  
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