Eine Zugreise durch Zentralasien ist für Schlagbaum-entwöhnte Europäer ein echtes Abenteuer. Grenzerfahrungen auf der Seidenstraße.
Hat der Mann da eine Autobatterie auf dem Schoß? Ach nein, das Gerät kann Pässe einscannen. Ein grimmiger Zöllner hat das Zugabteil betreten und sich auf die Bank gegenüber gesetzt. Der Wortkarge trägt Militärkleidung im Camouflage-Look, als käme er direkt aus Kundus. Doch diese Szene spielt rund 600 Kilometer Luftlinie entfernt von Afghanistan an der Grenze zwischen Keles in Usbekistan und Saryagach in Kasachstan.
Reiseleiterin Anke Rüsch (70) hatte am Vorabend in ihrer schon fast hypnotisierend-ruhigen Art die Gäste im „Orient Silk Road Express“ darauf vorbereitet, dass es mitten in der Nacht Grenzkontrollen geben würde.
Das Prozedere früh um 5 Uhr erinnert an Filme aus dem Kalten Krieg. Der schlecht gelaunte Mann hat Verstärkung dabei. Über die Flure patrouillieren Beamte mit Spürhunden. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Die „Autobatterie“ wird zur Seite gestellt, die flache Hand haut auf den Stempel, der krachend aufs Papier saust, die Passagiere sinken erleichtert zurück in ihre Betten, um kurz darauf ein weiteres Mal hochzuschrecken: Nach der Ausreise kommt die Einreise. Gleiches Schauspiel, andere Darsteller.
Städte wie im Märchen aus 1001 Nacht
Für Schlagbaum-entwöhnte Europäer ist Zentralasien ein Abenteuer. „Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan – das sind weiße Flecke auf der touristischen Landkarte“, sagt Anke Rüsch, die seit 2015 für Lernidee arbeitet. Der Berliner Veranstalter hat sich auf Zugreisen spezialisiert, war lange auf die Transsibirische Eisenbahn abonniert. Seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine rückte eine andere Bahnstrecke der Träume in den Fokus: die Seidenstraße.
Ein missverständlicher Begriff, denn es handelt sich um keine einzelne Trasse, sondern um ein verzweigtes Netz von Karawanenrouten. Auf dem Highway des Altertums wanderten Waren zwischen China und dem Mittelmeerraum hin und her: Neben der namensgebenden Seide wurden Porzellan, Tee, Glas, Edelsteine, Pelze, Metalle, Gewürze, Arzneien oder Pferde transportiert. Zwischen 100 vor Christus und dem 14. Jahrhundert blühte der Handel, Städte wie im Märchen aus Tausendundeiner Nacht entstanden. Dann machte der Schiffsbau enorme Fortschritte, und der Seeweg ließ den beschwerlichen Landweg in Vergessenheit geraten.
Heute wird die Seidenstraße touristisch vermarktet. Wer stilecht auf den Spuren der Karawanen reisen möchte, nimmt das Feuerross. Gediegenen Luxus mit Edelholzvertäfelungen, Silberbesteck und Champagner aus Kristallgläsern wie bei Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ darf man nicht erwarten.
Eine Reise im rollenden Hotel ist ein kleines Abenteuer
Der Zug, ein älteres Modell usbekischer Bauart, ist einfach ausgestattet und besticht durch farbenfrohes Ostblock-Design mit Resopaltischen und Kunstlederbänken. Hin und wieder klemmt mal eine Zugtür oder beim Mittagessen muss das Hauptgericht ausfallen, weil der Herd in der Bordküche den Geist aufgegeben hat. Doch zum Glück gehören findige Techniker zur 33 Mitarbeiter umfassenden Besatzung, die die 70 Gäste herzlich umsorgen.
Der Sonderzug „Orient Silk Road Express“ ist ein rollendes Hotel. Er besteht aus zwei Speisewagen plus neun Waggons mit Schlafabteilen. In der einfachsten Kategorie teilen sich vier Gäste eine enge Unterkunft. Da darf man keine Berührungsängste haben und muss Tetris-Profi sein, um sein Gepäck in jeder Ecke unterzubringen. Zwei Toiletten und ein kleines Bad befinden sich auf dem Gang, geduscht wird nach Liste. Immerhin sind die Handtücher flauschig. Die Passagiere der teuersten Klasse haben fast doppelt so viel Platz plus eine eigene Nasszelle.
Auf den engen Fluren kommt man rasch ins Gespräch, innerhalb kürzester Zeit wird aus den Kanadiern, Briten, Österreichern, Schweizern und Deutschen eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeden Tag lockt eine andere Stadt, zwischendurch rumpelt die rollende Blechbüchse durch fremde Landschaften. Vorbei an Baumwollfeldern, schroffen Bergen, durch wüste Weite mit sandigem Boden und spärlich aufgetupften Gräsern. Während der Zugreise führen Grenzpatrouillen dreimal ihr nächtliches Schauspiel auf. Selten gab es zu den bunten Stempeln im Pass so viel zu erzählen.
PS: Kirgisische Zöllner sind übrigens die freundlichsten.
Info
Anreise
Die vorgestellte Reise startet entweder in Almaty oder in Taschkent. Flüge in beide Städte bietet Turkish Airlines an, jeweils mit Umstieg in Istanbul, www.turkishairlines.com.
Zugreise
„Orient Silk Road Express“ fährt von Taschkent über Buchara, Chiwa, Samarkand, Kamashi, Shahrisabz, Türkestan und Bischek nach Almaty und umgekehrt. Das dauert je 14 Tage. Die Strecke umfasst 4384 Kilometer und führt durch die Länder Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan. Es gibt einen Ausflug nach Tadschikistan. Preis pro Person inklusive Flug, Verpflegung und Besichtigungsprogramm ab 3790 Euro im Vier-Bett-Abteil, 5910 Euro kostet die Fahrt im Zweier-Abteil. Nächste Termine: 28. 3. 2024–10. 4. 2023 und 9. 4. 2024– 22. 4. 2024, www.lernidee.de.
Die Studienreise “Höhepunkte der Seidenstraße” bewegt sich in Usbekistan, 11 Tage ab 2445 Euro inklusive Flug, www.studiosus.com.
Allgemeine Informationen