In Baden-Württemberg soll es auch künftig nur Zwischenlager für Atommüll geben. Foto: dapd

Landesamt für Geologie hält Endlager für Atommüll in Baden-Württemberg für nicht machbar.

Stuttgart - Der Kurs ist klar: Spätestens im Jahr 2022 soll in Deutschland kein Atomkraftwerk mehr am Netz sein. Die Grünen sehen darin einen lange angestrebten Triumph. Eine Frage aber ist offen: Wohin mit dem Atommüll, den es schon gibt und der bis dahin noch anfällt?

Winfried Kretschmann ist weg. Nicht abgetaucht wegen seines lauten Nachdenkens über mögliche schwarz-grüne Bündnisse in der Zukunft, sondern einfach in ein paar Tage Urlaub zum Auftanken. Die vergangenen Monate - angefangen beim Drama um Stuttgart 21 bis zur Bildung der grün-roten Landesregierung - haben den neuen Ministerpräsidenten urlaubsreif gemacht. Viel Zeit zum Ausspannen bleibt dem 62-Jährigen freilich nicht. Das erste Bündnis unter Führung eines grünen Ministerpräsidenten steht unter Dauerbeobachtung - zumal die Koalition sich in der Energiepolitik große Ziele gesetzt hat. So auch beim Thema Endlagerstandort.

Hohes Risiko bei Erdbeben

Und genau das ist das Problem. So sehr die Grünen derzeit ihren Erfolg feiern, dass alle Atomkraftwerke in Deutschland bis zum Jahr 2022 abgeschaltet sein müssen und die erneuerbaren Energien bis dahin massiv ausgebaut sein sollen, so sehr ist eine Frage weiterhin ungeklärt: Wohin mit dem Atommüll? In ihrer Koalitionsvereinbarung haben sich Grüne und SPD selbst unter Druck gesetzt. "Wir halten es für erforderlich, dass für die hoch radioaktiven Abfälle baldmöglichst ein geeignetes Endlager zur Verfügung steht", heißt es in dem Vertrag. Und weiter: "Wir treten für ein ergebnisoffenes, bundesweites Suchverfahren ein."

So hatte sich zuletzt auch Regierungschef Kretschmann immer wieder geäußert. Es müsse Schluss sein mit der ausschließlichen Erkundung des Standortes Gorleben, hatte er betont und zugleich klargemacht, dass Baden-Württemberg bei einer Standortsuche nicht außen vor bleiben könne. Voraussetzung sei allerdings, dass zuvor alle Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet seien. Genau diese Bedingung wird nach dem Beschluss der schwarz-gelben Bundesregierung nun erfüllt. In gut zwölf Jahren soll in Deutschland kein Atomstrom mehr erzeugt werden.

Und genau damit gerät nun nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die Grünen unter Zugzwang. Deutschland braucht alsbald einen Endlagerstandort. Baden-Württemberg, das haben neue Untersuchungen nun bestätigt, ist dafür offenbar nicht geeignet. "Die Standortsuche dürfte sich in Baden-Württemberg nur auf Tongesteine konzentrieren", sagt Ralph Watzel, Chef beim Landesamt für Geologie in Freiburg. Wenn überhaupt, kämen Teile der Schwäbischen Alb, Regionen in Oberschwaben wie im Raum Riedlingen sowie der Landkreis Konstanz infrage. Doch Watzel sagt zugleich, die dortigen Tongesteine "sind mit größter Vorsicht zu betrachten". Der Grund: hohes Risiko bei Erdbeben, eine nicht ausreichende Gesteinsdicke und das Grundwasservorkommen. Es sind Einschränkungen, die auch für andere Regionen in Baden-Württemberg gelten. Seit langem warnen die Experten davor, ein solches Endlager im Bereich des Oberrheins einzurichten, weil der Untergrund aus Sand und Kies besteht und große Wasservorkommen speichert. Auch die unterirdischen Salzstöcke in der Region Heilbronn hält Watzel für ungeeignet, weil sie nicht stabil genug seien, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Endlager in der Schweiz

Damit ist klar: Die neue grün-rote Landesregierung stand und steht zwar an der Spitze einer Bewegung, die sich für das Ende der Kernkraft eingesetzt hat. Bei der Suche nach dem Endlagerstandort werden Kretschmann & Co. aber auf andere Bundesländer angewiesen sein. Ein Regierungssprecher betonte am Dienstag auf Anfrage unserer Zeitung mit Blick auf die neuen Untersuchungsergebnisse, es müsse weiterhin bundesweit nach einem Standort gesucht werden. Diese "ergebnisoffene Suche" schließe Baden-Württemberg mit ein. "Wenn die Experten aber zu der Ansicht kommen, dass Tonschichten nicht die ausreichende Sicherheit bieten, kommt Baden-Württemberg als Standort nicht infrage."

Beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) will man sich hingegen noch nicht festlegen. "Zunächst müssen die Kriterien für ein Endlager feststehen, bevor mit der Suche begonnen wird", sagt die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender. "Und dann muss es eine ergebnisoffene Suche geben, auch in Baden-Württemberg." Schließlich stamme ein großer Teil des Atommülls aus dem Südwesten. Es gebe bislang keine ausreichenden Untersuchungen, die Baden-Württemberg als Standort ausschließen. "Es darf nicht wieder vorschnelle Festlegungen wie bei Gorleben geben", warnt Dahlbender.

Das Problem aber bleibt. Denn der von der Bundesregierung beschlossene und von den Grünen begrüßte Atomausstieg erhöht nun den Handlungsdruck. Wohin also mit dem Atommüll? Eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe mit Sitz in Hannover hat ergeben, dass vor allem Gesteinsformationen in Niedersachsen sowie in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Brandenburg als derartig sicher gelten, dass sie über Hunderte von Jahren den verstrahlten Müll aufnehmen könnten.

So viel steht schon jetzt fest: Aufgrund der langen Genehmigungsfristen und des erwarteten Widerstands dürfte es ein Endlager in Deutschland nicht vor dem Jahr 2030 geben. Bis dahin muss der Südwesten die abgebrannten Brennstäbe weiter in den drei Zwischenlagern an den Atomkraftwerken Philippsburg und Neckarwestheim sowie am 2005 stillgelegten Kraftwerk Obrigheim lagern. Parallel dürfte Grün-Rot gespannt in die Schweiz schauen. Bekanntlich will das Nachbarland im grenznahen Benken unweit von Schaffhausen ein eigenes Endlager bauen - bis spätestens 2040.

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