Der Taufstein links gibt das Thema vor: Gerlinde Feine, Manuel Hörger (Mitte) und Steffen Hoinkis werben für Tauffeste. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Bürke

An drei Tagen Ende Juni und Anfang Juli können Familien in Böblingen, Sindelfingen und Weil im Schönbuch bei Taufen mit Open-Air- und Grillfestcharakter den christlichen Segen erhalten.

Kirchliche Veranstaltungen wie Taufen oder Hochzeiten können mitunter altmodisch oder gar verstaubt wirken. Das Prozedere ist klar vorgegeben, die Kirchgänger sollen still auf den Bänken sitzen. Gerade für Familien mit Kindern stellen solche althergebrachten Rituale oftmals eine große Herausforderung dar – wollen die Kleinsten sich doch am liebsten bewegen und auch laut sein.

 

Im Juni und Juli werden zumindest die Taufen in den evangelischen Pfarrgemeinden von Böblingen, Sindelfingen und Weil im Schönbuch diese Kirchentradition erneut aufweichen. Der religiöse Segen, den Jesus einst durch Johannes im Jordan erhielt, wird von den Pfarrerinnen und Pfarrern der Gemeinden im Sommer unter freiem Himmel und in festlichem Rahmen erteilt. So sollen bisher Unentschlossene oder eher kirchenferne Familien animiert werden, den Schritt zum Taufbecken zu wagen.

Böblingen hat gute Erfahrungen mit Open-Air-Taufen

Schon im vergangenen Jahr zelebrierte die Böblinger Stadtkirchengemeinde die Taufe unter Open-Air-Bedingungen – mit Erfolg, wie Pfarrerin Gerlinde Feine rückblickend erklärt: „Wir haben am Taufstein außerhalb der Stadtkirche vergangenen Sommer vier Kinder getauft. Mit allen Familien haben 80 bis 100 Leute unter freiem Himmel teilgenommen.“ Auf Bierbänken und mit Luftballondeko konnten die Täuflinge und ihre Familien im Anschluss vor Ort feiern. Ausgerichtet hat die Feier die Kirche. „Viele scheuen sich auch deshalb vor Taufen, weil sie von dem Organisatorischen und Finanziellen der Feier abgeschreckt sind. Durch die Tauffeste kann man den Familien diese Last abnehmen“, fügt Feine hinzu.

Unter dem Motto „Weil du ein Segen bist“ bieten auch die Gemeinden in Sindelfingen und Weil im Schönbuch Taufen an. Den Auftakt machen die Kirchengemeinden in Sindelfingen. Am Sonntag, 25. Juni, wird Pfarrer Manuel Hörger mit einem Team aus einer weiteren Pfarrerin und einem Pfarrer durch das Open-Air-Taufen im Eichhölzer Täle vor allem Kinder in die Gemeinde aufnehmen. „Wir haben in den drei Gemeinden alle Familien mit Kindern bis zwölf Jahren angeschrieben. Wir hoffen, dass sich jene angesprochen fühlen, die bisher wenig mit Kirche am Hut hatten und denen vieles dort bisher zu rituell war“, erläutert Hörger.

Sindelfingen tauft mitten in der grünen Natur

Am Ferienwaldheim ganz im Norden Sindelfingens besteht für Kinder dank des offenen Rahmens die Möglichkeit, zu spielen, zu rennen und auch mal laut zu sein. Das anschließend stattfindende Grillfest soll die Festivität abrunden. „Für Verpflegung wie Grillgut, Weckle und Getränke sorgt die Gemeinde. So müssen sich die Tauffamilien nicht um das Drumherum kümmern, sondern können den Akt der Taufe naturnah mit uns begehen“, merkt Manuel Hörger, Pfarrer der Martinskirchengemeinde Ost, an.

Ähnlich festlich geht es am Samstag, 8. Juli, einige Kilometer weiter südlich im Kirchgarten der Martinskirche in Weil im Schönbuch zu. Auch hier soll mithilfe des feierlichen Kontextes ein größeres Interesse derjenigen geweckt werden, die bisher gezögert haben, sich oder ihr Kind oder ihre Kinder zu taufen. Pfarrer Steffen Hoinkis hat dafür mit seiner Gemeinde einiges aufgeboten: „Wir hatten bereits Taufsonntage. Ein Open-Air-Tauffest mit Essen, Spielstraße, Posaunenchor und Band dafür noch nie“, betont Hoinkis. Auch wenn das Angebot deutlich mehr der potenziellen Taufinteressierten anziehen sollte, rechnet Steffen Hoinkis nicht damit, dass der Open-Air-Charakter mit reichlich Nebenprogramm zur Regel in Weil wird: „Diesen Aufwand können wir sicher nicht jedes Jahr leisten.“

Taufritual wird durch den Festcharakter modernisiert

Warum aber braucht das jahrtausendalte kirchliche Ritual der Taufe einen neuen Anstrich? Stadtkirchen-Pfarrerin Gerlinde Feine sieht nicht nur den großen Organisationsaufwand für Familienfeiern dieser Art als Hürde für manche an. Auch die soziale Entwicklung, dass tendenziell weniger Menschen Mitglied einer der beiden großen christlichen Kirchen sind, spielten eine Rolle. „Wir haben bei etwa 55 000 Einwohnern in Böblingen rund 60 Prozent Christen. 30 Prozent davon sind evangelisch. Das macht weniger als 10 000 Menschen“, rechnet Feine vor. Neben der fortschreitenden Säkularisierung seien auch durch Zuwanderung und die deutsche Einheit soziale Entwicklungen angestoßen worden, die die Kirchennähe vermindert habe. Für Weil im Schönbuch kann Steffen Hoinkis dennoch sagen: „Unsere Zahlen sind insgesamt stabil. Wir haben pro Jahr noch 30 bis 40 Taufen in unserer Gemeinde.“

Gerade bei Paaren, die Nachwuchs bekommen haben, sei die Taufe Thema. „Oft hören wir, dass, wenn nicht beide ohnehin Kirchenmitglied sind, zumindest ein Teil des Paares eine Taufe wünscht und der andere Teil dann zustimmt“, sagt Feine. Es gibt aber auch Konstellationen, in denen Ältere sich noch zu einer Taufe entschließen. Gerlinde Feine erinnert sich an einem Fall vor einigen Jahren: „Es handelte sich um einen älteren Herr mit russlanddeutschen Hintergrund. Quasi auf dem Sterbebett hat er sich dann noch eine Taufe gewünscht.“ Damit habe der Mann später auch eine christlich gestaltete Beerdigung erhalten können.

Deutlich freudvoller werden die Taufen Ende Juni und Anfang Juni in den drei Städten vonstatten gehen. Trotz des feierlichen und offenen Rahmens bekräftigen die drei Geistlichen: „Es ist keine Pop-up-Taufe, zu der man sich nicht anmelden muss. Eine Anmeldung mit Taufgespräch vorher und die Auswahl eines Taufpaten sind notwendig. Dazu beraten wir aber gerne“, sagt Gerlinde Feine abschließend.