Vor knapp hundert Jahren hatte sich ein Räuber und Mörder in einer Höhle an der Emichsburg versteckt, die heute vor allem als Rapunzelturm im Blühenden Barock Ludwigsburg bekannt ist.
Wer heute erlebt, wie trubelig es während der Saison im Blühenden Barock zugeht, der kann sich kaum vorstellen, wie verwildert der Ludwigsburger Schlossgarten im Bereich der Emichsburg einmal war, bevor das Blüba entstand. Und dass sich damals dort Menschen aufhielten, die nichts Gutes im Sinn hatten.
Viele Ludwigsburger Kinder bekamen früher erzählt, an der Emichsburg habe einmal ein Räuber in einer Höhle gehaust. Tatsächlich ist das, auch wenn die Nähe zum heutigen Märchengarten das nahelegen könnte, kein Märchen gewesen. Mehr noch: Der Räuber hatte auch ein Menschenleben auf dem Gewissen. Der frühere Schlossverwalter Ulrich Krüger hat dazu intensiv recherchiert.
Nach Schießerei abgetaucht
Der aus Niederbayern stammende Hilfsarbeiter Jakob Füchsl hatte ab 1928 offiziell in Ludwigsburg gewohnt. Wie viele andere in den 1930er Jahren verlor er seine Arbeit. Und er fiel offenbar durch mehrere Gewaltausbrüche auf. Schließlich schoss er in alkoholisiertem Zustand in Beihingen, heute ein Stadtteil von Freiberg am Neckar, im Streit um sich und hätte sich vor Gericht verantworten müssen, tauchte jedoch unauffindbar ab. Zu dieser Zeit gab es in Ludwigsburg auch etliche nächtliche Einbrüche. Mit Füchsl brachte man die aber offenbar nicht in Verbindung.
Das änderte sich am 25. April 1933. Da gab es in Lehnenberg, heute Teil von Berglen im heutigen Rems-Murr-Kreis, einen Einbruch. Der Hauseigentümer überraschte den Täter, gab aber die Verfolgung auf, als der auf ihn schoss. Und der Dieb radelte in Richtung Winnenden davon.
Auf der Flucht einen Landjäger erschossen
Dort fiel der Einbrecher einem Polizisten auf, weil er ohne Licht fuhr und es offenbar sehr eilig hatte. Wenige Zeit später versuchte offenbar derselbe Mann, ins Bahnhofsgebäude einzubrechen, wurde wieder überrascht und floh. Auf seinem weiteren Weg begegnete er zwei Landjägern auf Streife, die ihn kontrollieren wollten. Auf ihren Zuruf sprang der Mann vom Rad, warf es zur Seite und gab mehrere Schüsse auf die Landjäger ab. Oberlandjäger Kaspar Mai erlag wenig später seinen Verletzungen.
Die Fahndung nach dem Täter blieb zunächst erfolglos, auch wenn die Stuttgarter Mordkommission schnell davon ausging, dass es sich um Jakob Füchsl handeln musste. Neun Tage später wurde er in Crailsheim festgenommen. Dass auch seine Räuberhöhle, die ihm als Unterschlupf diente, entdeckt wurde, ist spielenden Kindern zu verdanken, die vom Gruftweg aus beobachtet hatten, wie ein Mann den Steilhang neben der Emichsburg hinunter kletterte und dort verschwand.
Gut getarntes Versteck im Steilhang bei der Emichsburg
Tatsächlich war das Versteck so gut getarnt, dass Polizisten trotz des Hinweises fast einen Tag brauchten, bis sie den Unterschlupf fanden: Dort, wo sich damals noch ein kleiner Wasserfall in den Teich unterhalb der Emichsburg ergoss, war der Eingang. Dahinter hatte sich Füchsl ein nur etwa zwei mal einen Meter großes Erdloch gegraben, in dem er die Tage verbrachte.
Und wie zeitgenössische Quellen berichten, hatte er es sich darin trotzdem erstaunlich behaglich gemacht. Er lagerte dort nicht nur sein Einbruchswerkzeug, sondern auch Töpfe und Pfannen, einen Spirituskocher, verschiedene Essens- und Getränkevorräte, die er in zwei in die Wand geschlagenen Nischen aufbewahrte, Kleidung und sogar Schuhwichse. Zum Schlafen legte er sich zwar auf einen Strohsack, aber deckte sich mit einem Federbett zu.
Das Gericht verurteilte Füchsl zunächst wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft. Die Nazijustiz machte daraus die Todesstrafe, die im April 1935 vollstreckt wurde. Dass Füchsl Kommunist war, dürfte dabei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.