Die Maori-Kultur hat es beiden angetan: Volker „Volle“ Kloth und die Ethnologin Lisa Renard tauschen im Lindenmuseum ihr Fachwissen aus. Foto: Leif Piechowski

Eine Wissenschaftlerin und ein Tätowierer gehen im Lindenmuseum auf eine spezielle Entdeckungsreise.

Stuttgart - Das Museum ist kein heiliger Ort. Aber manchmal gibt es in Museen kleine Ecken, die eine gewisse Spiritualität haben. ImLinden-Museum, wo derzeit (bis zum 14. Oktober) die Kultur der Maori ausgestellt wird, nennt sich dieser Platz mit einem kleinen Versammlungshaus „Marai“.

Auf normale Besucher wirkt das „Marai“ wie Onkel Toms Hütte. Für Volker Kloth (43) ist das „Whane Puni“ mehr. Viel mehr: „So ein tiefes Gefühl habe ich nicht einmal dann, wenn ich eine Kirche betrete.“ Kloth hat gelernt wie ein Maori zu denken und zu fühlen. Kloth, den alle nur Volle nennen, gehört inzwischen zur Familie. Die Maori haben den Reutlinger gewissermaßen adoptiert. Und er durfte von ihnen in Neuseeland die traditionelle Technik der alten Maori Tätowierung, „Moko“ genannt, lernen.

Seitdem ist Volle ein schwäbischer Maori.

Und wer sich mit ihm auf einen Rundgang durch die Maori-Ausstellung im Linden-Museum macht, lernt viel über diese Kultur. Zu einer Begegnung der besonderen Art wird so ein Rundgang jedoch, wenn sich dabei zwei Experten treffen. Volle, einer der besten Maori-Tätowierer in diesen Gefilden, und die Ethnologin Lisa Renard (24). Beide bei einem Gespräch über Maori-Tätowierungen zu belauschen, geht unter die Haut.

Schon die erste Frage von Volle wirkt auf Lisa Renard wie ein kleiner Nadelstich.

„Hast du selbst ein Moko?“

„Pardon“, näselt die französische Museumsführerin verlegen und fährt mit ihrem charmanten Akzent fort: „Noch nischt, isch brauche noch etwas Zeit.“

Volle nickt. Er versteht, was andere nicht begreifen und von Lisa sofort präzisiert wird: „Für so einen Schritt muss man bereit sein. Es geht nicht nur darum, diese Linien und Formen zu tragen. Du musst dich ­öffnen.“

Volle nickt wieder väterlich, zupft an seinem Bart und hilft der jungen Maori-Expertin auf die Sprünge: „Ja, man muss sich im Klaren sein, dass man damit ein Bündnis eingeht. Mit der Familie, dem Stamm und der Spiritualität der Maori.“

Ob es an diesem heiligen Ort im Linden-Museum liegt? Beide verbindet jedenfalls von nun an ein imaginäres Band. Geknüpft aus Sympathie und einer blinden Vertrautheit – obwohl sich beide erst zehn Minuten kennen. Andächtig lauscht Lisa, als Volle von seiner Initiation bei den Maori berichtet.

„Diese tätowierten Gesichter haben mich immer wieder tief beeindruckt. Auch, weil es auf der Welt einmalig ist. Es ist einfach unvorstellbar, was sich dahinter verbirgt. Und ich empfinde heute noch größte Dankbarkeit, dass ich in diese heilige Geschichte des Tätowierens eintauchen durfte.“

„Ich musste mich erklären, offenbaren, durchleuchten lassen“

Lisa spürt, dass Volle sie jetzt auf eine Reise mitnimmt. Seine ganz persönliche Entdeckungsreise nach Neuseeland auf die andere Seite des Globus. Wortlos, mit einem Wimpernschlag fordert sie ihn auf, fortzufahren.

„1993 bin ich da als kleiner, junger Tätowierer energiegeladen und mit großer Offenheit hingereist – und auf einmal haben die ihre geheime Truhe aufgemacht. Sie haben wohl gedacht: Der Volle ist ein guter Kerl, ihm können wir alles zeigen.“

Mit leisen „Aha“-Seufzern begleitet Lisa diese Reise und erfährt, wie Volle von den Maori streng geprüft und schließlich aufgenommen wurde.

„Ich musste mich erklären, mich offenbaren, mich durchleuchten lassen. Die Maori loten aus, ob man es verdient hat. Erst nach dieser Prüfung bekam ich die Erlaubnis, mich tätowieren zu lassen. Das ist für mich heute noch eine ganz große Ehre.“

Er trägt sie unübersehbar auf seiner rechten Gesichtshälfte. Und verdeckt auf seiner rechten Körperhälfte. Als Ausweis der Zugehörigkeit. Als Sinnbild seiner Lebensgeschichte. Und als intimes Spiegelbild seiner Persönlichkeit. Lisa weiß das und nimmt Volle dessen nächste Gedanken vorweg: „Maori können all das aus einem Moko herauslesen. Maori schauen generell nicht auf deine Hülle, sondern in dich hinein. Maori hören hinter den Worten, sie blicken hinter deine Augen. Jedes Mal bin ich nach einem Gespräch mit einem Maori so tief bewegt, dass ich weinen muss. Da wird jedes Mal meine Schale aufgebrochen. Nicht zuletzt ist das Moko daher eine ernste Sache. Du musst es fühlen, um es zu verstehen.“

Und deshalb sticht Volle nicht jeden, der sich von der Kino-Komödie „Hangover 2“ inspiriert fühlt, wie Ex-Box-Champ Mike Tyson ein Maori-Tattoo tragen zu wollen.

„Ich frage jeden, der zu mir in mein Atelier kommt, ob er nur cool, stylisch oder witzig aussehen will. Oder ob er Hintergrundwissen hat. Wenn derjenige weiß, dass das Moko eine Sprache ist, mit der man eine Lebensgeschichte schreiben kann, dann bin ich bereit, zu tätowieren. Denn ein Moko ist etwas ganz Tiefes. “

„Denn eine Tätowierung ist grundsätzlich etwas Wichtiges“

Lisa beschränkt sich wieder auf ein leises „Genau“, ehe Volle erklärt, wie er mit den profanen Tattoo-Liebhabern umgeht. Gemeint sind die meisten jener 50 Prozent aller Jugendlichen bis 24 Jahre, die heutzutage tätowiert oder gepierct sind. Sie sichern zwar seine wirtschaftliche Existenz als Tätowierer, aber diese Trendsetter kaufen sich nur ein inhaltsleeres Maori-Tattoo.

„Ihm mache ich nur ein Kirituhi.“

Lisa entfährt entrüstet ein lautes „Oooh“, das Volle wiederum ein Schmunzeln ­entlockt.

„Ja, ich weiß, Kirituhi ist ein böses Wort. Es steht etwas abschätzig für Malerei oder Farbe auf weißer Haut. Aber auch das ist okay. Denn eine Tätowierung ist grundsätzlich etwas Wichtiges. Wer sich tätowieren lässt, setzt sich im besten Fall endlich mit sich selbst auseinander. Wer das nicht tut, nur einem Trend hinterherrennt, der ist meistens nach fünf Jahren unglücklich. Denn hier geht es um seine Haut. “

Lisa fühlt sich – und die Maori-Kultur – verstanden. Wieder unterbricht sie Volle mit einem Stoßseufzer und murmelt ihr Credo: „Für ein Moko musst du bereit sein.“

Volle antwortet mit seinem väterlich-jovialen Grinsen. Es drückt Milde aus. Aber auch die Ahnung, dass Lisa wohl bald so weit sein könnte. Dass sie endlich bereit für ein Moko ist. Daher bleibt für beide am Ende dieser Begegnung nicht mehr viel mehr zu sagen. Sie gehen mit einem knappen „Kia Ora“ auseinander. Zwei Worte, die bei den Maori „Danke“ oder „Sei gesegnet“ bedeuten. Zwei Worte, die in dieser Ecke des ­Linden-Museums einen besonderen Klang ­gewinnen.

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