Die Betreuung von Kita-Kindern wird immer teurer – bisher übernehmen vor allem Kommunen die Mehrkosten, jetzt werden die Eltern verstärkt zur Kasse gebeten. Foto: dpa

Beiträge steigen teils auf fast 1000 Euro im Monat. Eltern warnen vor existenziellen Folgen, Kommunen verweisen auf explodierende Kosten. Klar ist: So kann es nicht weitergehen.

Sie steigen immer weiter – und ein Ende ist nicht absehbar. Die Kita-Gebühren im Landkreis Ludwigsburg entwickeln sich zum Brennpunkt: Familien geraten an ihre Belastungsgrenzen, Städte in einen moralischen Zwiespalt. Eltern warnen vor existenziellen Folgen, Erzieherinnen und Erzieher sehen ihre Arbeit unter Druck – und die Kommunen werden aufgerieben zwischen ihrem gesetzlichen Auftrag und leeren Kassen.

 

Ein Überblick über die Zahlen der größten Städte im Landkreis, die Ursachen der Kostensteigerungen, den moralischen Konflikt – und die Sorgen einer Elternbeirätin, die vor drastischen Auswirkungen warnt.

1. Die Zahlen im Überblick

Wenn beide Eltern berufstätig sind, benötigen Familien in der Regel eine Ganztagsbetreuung – meist 45 Stunden pro Woche. In Remseck umfasst die Ganztagsbetreuung jedoch 50 Stunden wöchentlich. Entsprechend liegen die Gebühren dort höher. Doch selbst bei einer rechnerischen Anpassung auf 45 Wochenstunden zeigt sich: Remseck weist im Vergleich zu den übrigen vier großen Städten die höchsten Betreuungskosten auf. Eltern in Remseck decken rund 11 Prozent der gesamten Kosten für Kinderbetreuung – das sei moderat und vergleichbar mit anderen großen Kreisstädten, argumentiert die Verwaltung.

Um die Vergleichbarkeit zu verbessern, wurden die jährlichen Gesamtkosten berechnet. Der Grund: Manche Kommunen erheben elf, andere zwölf Monatsbeiträge.

Für Familien mit Unterstützungsleistungen oder flexiblen Arbeitszeiten reichen häufig 30 Wochenstunden Betreuung – etwa in Kita oder Kindergarten. In dieser Kategorie sind die Kosten unter den Städten anders verteilt. Hier ist Vaihingen/Enz derzeit die teuerste Stadt.

Kornwestheim und Bietigheim-Bissingen fallen bei 30 sowie 45 Wochenstunden durch ihre vergleichsweise niedrigen Kita-Gebühren auf. In diesen beiden Städten werden jedoch in den kommenden fünf Jahren die Gebühren jährlich steigen.

2. Kein Ende der Steigerungen in Sicht

Die Anpassungen der Elternbeiträge in den größten Städten des Landkreises sind unterschiedlich geregelt und nur schwer vergleichbar. Klar ist jedoch: Die Belastung der Familien wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Die Stadt Ludwigsburg hat beschlossen, die Elternbeiträge in den nächsten fünf Jahren jeweils um sechs Prozent zu erhöhen. Sollten sich die Rahmenbedingungen weiter drastisch verschlechtern, könne dieser Wert nochmals angepasst werden, sagt Daniel Wittmann, Fachbereichsleiter für Bildung und Familie der Stadt Ludwigsburg.

In Kornwestheim werden es fünf Prozent pro Jahr sein. In Bietigheim-Bissingen sollen die Beiträge in den kommenden fünf Jahren sogar um jeweils rund zehn Prozent steigen. Der vergleichsweise hohe Wert sei darauf zurückzuführen, dass die Gebühren in Bietigheim bislang auf einem sehr niedrigen Niveau lagen, so Bildungsbürgermeister Michael Hanus. Zudem habe die Stadt in den vergangenen Jahren erheblich in den Ausbau des Angebots investiert.

3. Darum stecken die Städte in der Klemme

Die Kosten für die Kinderbetreuung laufen den Städten und Gemeinden davon – zusätzliche Mittel zur Finanzierung sind jedoch nicht in Sicht. Personalkosten, Energiepreise, Verpflegung und der Unterhalt der Gebäude steigen kontinuierlich. Gleichzeitig passen Bund und Land ihre Zuschüsse nicht im gleichen Maß an.

Das Beispiel Kornwestheim verdeutlicht die Dimension: Dort entfallen mittlerweile 16 Prozent aller städtischen Ausgaben auf Kitas. In anderen Städten sieht es ähnlich aus. In Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen haben sich die Ausgaben für Kinderbetreuung innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.

Daniel Wittmann erkennt den gesellschaftlichen Sprengstoff der hohen Gebühren – dennoch müssten die Eltern mehr Last tragen. Foto: Stadt Ludwigsburg

Der Unmut über Bund und Land wächst. Der Vorwurf an die Bundesregierung: Die hat den Anspruch auf Kita-Betreuung gesetzlich geregelt, aber kein Geld dafür locker gemacht. Der Vorwurf gegen das Land ist derweil komplexer.

Denn das ist eigentlich verpflichtet, 63 bis 68 Prozent der Gesamtkosten für die Betreuung zu übernehmen. Besonders bei den über Dreijährigen werde dieses Ziel jedoch verfehlt, sagt Daniel Wittmann. Seine Rechnung: Für ein Kita-Kind über drei Jahren werden im Schnitt rund 10.000 Euro Betriebskosten im Jahr angesetzt, dementsprechend müsste die Stadt vom Land um die 6300 Euro im Jahr pro Kind bekommen. „Tatsächlich sind es nur um die 3000 Euro“, so Wittmann. Die Folge: Die Städte müssen die Lücke schließen – und sehen sich gezwungen, einen größeren Teil der Kosten auf die Eltern umzulegen.

4. Das Dilemma auf lokaler Ebene

Die steigenden Gebühren belasten nicht nur die Familien, sondern auch die Verantwortlichen in den Rathäusern. „Es bereitet schon Bauchschmerzen“, sagt Daniel Wittmann. Familien müssten immer mehr Geld für die Kinderbetreuung aufbringen, während gleichzeitig die Lebenshaltungskosten steigen, ergänzt Bietigheim-Bissingens Bürgermeister Michael Hanus.

Hinzu kommt der wirtschaftliche Aspekt. „Wir sind uns darüber im Klaren, dass das gesellschaftlich und volkswirtschaftlich nicht zielführend ist“, so Wittmann. „Wenn es sich nicht mehr lohnt zu arbeiten, weil ein Großteil des Lohns für die Kita draufgeht, haben wir ein Problem.“

Deswegen haben sich in vielen der größeren Städte im Kreis die Gemeinderäte lange erfolgreich gegen steigende Gebühren für die Eltern eingesetzt. Mit den finanziellen Problemen der Städte wächst nun aber der Druck, einen ausgeglichenen Haushalte vorzulegen. Ohne zusätzliche Mittel bleibt ihnen oft nur der Weg über höhere Elternbeiträge. „Es ist ein Dilemma“, sagt Hanus.

5. Elternbeirätin warnt vor drastischen Auswirkungen

Ja, die Städte befänden sich in einer verzwickten Lage, sagt die Landkreis-Elternbeirätin Miriam Rieck. Doch zugleich kritisiert sie: „Viele Städte und Kommunen im Landkreis erhöhen die Gebühren stärker als nötig und versuchen damit, Defizite auszugleichen.“

Sachsenheim, wo Eltern für ein Kind teils bis zu 1200 Euro im Monat zahlen, oder Ingersheim, wo sich ein Großteil der Gemeinderäte trotz deutlicher Proteste der Eltern für eine Gebührenerhöhung entschieden hat, die über die Empfehlung des Städtetages hinausgeht. Diese Beispiele zeigen aus Riecks Sicht, dass einige Kommunen mit der Problemlage unverantwortlich umgingen

Rieck warnt vor dem gesellschaftlichen Sprengstoff, der in den hohen Gebühren steckt. Während die Kosten für frühkindliche Bildung steigen, bleiben die Einkommen vieler Eltern gleich. Alleinerziehende würden dadurch in prekäre Lebenssituationen gedrängt, Frauen gäben ihre Karriere auf. Die Standortattraktivität leide – und damit auch die Wirtschaft. Perspektivisch könnten sich die hohen Gebühren sogar auf die Altersarmutsquote auswirken, weil Eltern weniger zurücklegen können.

„Ich will klar betonen, dass das kein Elternmeckern auf hohem Niveau ist, wie es hier und da immer noch abgetan wird – es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“ Sie wünsche sich, dass Eltern und Kommunen gemeinsam gegen das Problem vorgehen und von Landes- und Bundespolitik eine Lösung einfordern. „Eigentlich müssten Eltern und Bürgermeister eine gemeinsame Demonstration organisieren.“

Hintergrund zur Vergleichbarkeit

Gebührenordnung
Für die Höhe der Betreuungsgebühren in mehreren Kommunen des Landkreises haben wir uns an den Gebührensatzungen der Kommunen orientiert. In allen berücksichtigten Kommunen wurden die Kosten für die Kinderbetreuung im vergangenen September erhöht. In Bietigheim-Bissingen steigen die Kosten zum neuen Kita-Jahr außerdem wieder an und auch in Vaihingen/Enz steht vermutlich eine weitere Erhöhung im September an.

Berechnung
Um die Gebühren vergleichbar zu machen, wurden, sofern vorhanden, die Betreuungsform von 45 Stunden gewählt. In Remseck kommt dem die ganztägige Betreuung mit 50 Wochenstunden am nächsten.

Dafür wurde davon ausgegangen, dass die Eltern dem kreisweiten jährlichen Bruttoeinkommen entsprechend verdienen. Das lag dem Statistischen Landesamt zufolge zuletzt bei etwas mehr als 46.000 Euro. Geht man davon aus, dass beide Eltern Vollzeit arbeiten, kommen sie gemeinsam auf rund 91.000 Euro im Jahr.