Fünf sehr unterschiedliche Protagonistinnen kämpfen mit gesellschaftlichen Frauenbildern und ihrer eigenen Selbstwahrnehmung in Karoline Herfurths Kinodrama „Wunderschön“.
Stuttgart - Es gehört Mut dazu, sich so zu zeigen, wie Karoline Herfurth es in ihrer dritten Regie-Arbeit „Wunderschön“ tut. Mal schaut sie ungeschminkt und zerknautscht ins Leere, zwei Milchpumpen an den Brüsten, später offenbart sie ausladende Körpermaße. Herfurth hat sich zehn Kilo angefuttert, um die Rolle der jungen Mutter eines Schreibabys und eines fordernden Kleinkindes glaubwürdig ausfüllen zu können. Um Frauenbilder, Selbstzweifel und den Druck zur Selbstoptimierung geht es Herfurth in ihrem Episoden- und Ensemblefilm. Die Regisseurin hat das Drehbuch selbst mitverfasst und schrammt oft hart an Klischees entlang, die stellenweise etwas überholt wirken. Doch mit ihrer wirklich famosen Besetzung gelingt es ihr dennoch, universelle Konflikte ihrer Figuren herauszuarbeiten.
Slapstick mit Ansage
Sonja möchte in ihren Beruf zurück, doch ihr Mann Milan (Friedrich Mücke) ist gerade befördert worden und hat keine Zeit für Krabbelgruppen und Diskussionen mit anderen Müttern darüber, warum Zucker ganz böse ist. Der postnatale Sex funktioniert auch nicht, Sonja liebäugelt mit einer Schönheits-OP – und Herfurth flieht in Slapstick mit Ansage, etwa wenn sie die viel zu enge Jeans von früher anzuziehen versucht und hintenüber aufs Bett fällt.
Die Kunstlehrerin Vicky (Nora Tschirner) genehmigt sich schnellen Sex, aber bloß keine Beziehung, um gar nicht erst in Sonjas Nöte zu geraten – bis der Sportlehrer Franz (charmant: Maximilian Brückner) auftaucht. Mit komödiantischer Finesse spielt Tschirner die zerrissene Vicky. Während sie mit Sarkasmus, Verrenkungen und Vermeidungsstrategien größtmögliche Unabhängigkeit vortäuscht, versucht sie im Unterricht leidenschaftlich, den Jugendlichen ihre oberflächlichen Wahrnehmungen auszutreiben. Eine ihrer Schülerinnen, die übergewichtige Leyla (Dilara Aylin Ziem), wird sich auf einem Sportplatz bewähren und dabei ein familiäres Trauma überwinden.
Das gnadenlose Geschäft mit der Schönheit
Derweil verliert sich das Model Julie zwischen Drogen, Magersucht und Fitnesswahn. Emilia Schüle („Charité“) macht aus dem stereotypen Ansatz eine junge Frau mit großen Träumen, die im gnadenlosen Geschäft mit der Schönheit zerrieben zu werden droht. Eines Tages läuft ihr ein kleines Mädchen zu, in Trauer verloren und sehr süß. In einer anrührend inszenierten Annäherung verschiebt sich Julies Fokus, und sie hinterfragt ihren Lebensentwurf.
Martina Gedeck schließlich gibt Frauke, deren Mann Wolfi (Joachim Król) mit dem Rentnerdasein gar nicht zurechtkommt. Sie versucht, die erstarrte Ehe wiederzubeleben mit einem Tangokurs – und da knirschen die Klischees nun wirklich. Martina Gedeck, eine Wucht als DDR-Prinzessin in „Das Leben der anderen“ und als Swingerclub-Diva in „Elementarteilchen“, nimmt man hautfarbene Großmutter-Jäckchen nicht ab. Und auch Król muss sich sehr anstrengen, um nicht aus der Rolle zu fallen als Mann, der sich seinen Emotionen verschließt.
Die Zuspitzungen dürften feiner justiert sein
Selbst diese Episode hat ihre Momente, Fraukes Begegnung mit dem Tangolehrer verläuft überraschend lebensnah. Hätte Herfurth dem Drehbuch seine stereotype, märchenhafte Vorhersehbarkeit ausgetrieben und die Zuspitzung etwas feiner justiert – ihr eher fernsehformatiger Film wäre womöglich ein großer geworden. Wirklich sehenswert: die Auftritte von Schüle und Tschirner.
Wunderschön. D 2021. Regie: Karoline Herfurth. Mit Nora Tschirner, Emilia Schüle. Ab 6.