Der „Master of Disaster“ hat es wieder getan: Der Mond droht auf die Erde zu stürzen in Roland Emmerichs jüngstem Katastrophenfilm „Moonfall“ – inklusive Alien-Verschwörung.
Stuttgart - Der Mond hat seine Umlaufbahn verlassen und nähert sich der Erde, er löst Flutwellen und andere Verheerungen aus, der Weltuntergang steht kurz bevor. „Moonfall“ heißt der aktuelle Thriller von Roland Emmerich, und der „Master of Disaster“ aus Sindelfingen inszeniert eines jener ausufernden digitalen Effektspektakel, für die er weltberühmt ist.
Auch sonst ist seine Handschrift deutlich erkennbar: Die Apokalypse schweißt entzweite Familien zusammen, Gescheiterte werden unverhofft zu Helden und wachsen über sich hinaus. Hinter der Geschichte allerdings steckt viel mehr als etwa nur eine Variation von „Independence Day“: Das Science-Fiction-Szenario ist ausgeklügelt, der komplexe extraterrestrische Plot clever ausgespielt. Zudem rückt Emmerich die Verantwortung der Menschheit für ihren Planeten und ihre Technologien in den Fokus – darunter, „Matrix“ lässt grüßen, eine außer Kontrolle geratene Künstliche Intelligenz.
Ein Nerd wird Regierungsberater
Ein Science-Fiction-Nerd wird Regierungsberater
Die Astronauten Jo (Halle Berry) und Brian (Patrick Wilson) haben bei einer Mission in Erdnähe einen mysteriösen Unfall, ein Kollege stirbt. Brians Version der Geschichte erscheint obskur, die Nasa feuert ihn. Zehn Jahre später, als der Mond aus dem Lot gerät, stellt sich alles ganz anders dar – und ein kleiner Science-Fiction-Nerd namens K. C. Houseman (John Bradley West) steigt plötzlich zum Regierungsberater auf.
Zur Blockbuster-Kunst gehört es, die Hauptfiguren möglichst oft gemeinsam im Bild zu haben – und Emmerich ist besonders gut darin, scheinbar Unmögliches mit leichter Hand einfach zu machen. Auf einmal sind die drei auf einem Himmelfahrtskommando Richtung Mond in einer atemberaubenden Science-Fiction-Sequenz.
Humor lenkt von Ungereimtheiten ab
Die Oscar-Preisträgerin Halle Berry („Monster’s Ball“, 2002) ist latent unterfordert und lässt es sich nicht anmerken, Patrick Wilson („Midway“) füllt die Rolle des mittelalten, weißen Helden souverän aus. Der Brite John Bradley West hat sich in der Serie „Game of Thrones“ empfohlen als zart besaiteter Mann in einer barbarischen Welt. Hier nun kann er sich als spinnerter Verschwörungstheoretiker ausleben, Sternwarten anzapfen, alternative Fakten propagieren, Schulkinder manipulieren. West sorgt für viel von dem Witz, mit dem Emmerich seine apokalyptischen Szenarien gerne auflockert.
So lenkt er auch von Ungereimtheiten ab, die hier besonders unverfroren ausfallen. Ein Hobbyastronom berechnet mit einem Mobiltelefon den Anflug auf den Mond, der sich außerhalb seiner Umlaufbahn befindet? Und das auch noch in einem Spaceshuttle aus dem Museum, wo man weiß, dass minimale Beschädigungen die Shuttles „Challenger“ (1986) und „Columbia“ (2003) in kapitale Unglücke geführt haben? Wer derartige Fragen ausblenden kann, hat die Chance, sich hervorragend zu unterhalten.
Die Militärs wollen Atomraketen einsetzen
Spätestens seit seinem Klimakatastrophen-Thriller „The Day after tomorrow“ (2004) erlaubt sich Emmerich auch politische Anmerkungen. In „Moonfall“ entzieht sich ein hochrangiger Funktionär und Wissenschaftler, anstatt sich seiner Verantwortung zu stellen – eine perfekte Rolle für Donald Sutherland in einem Kurzauftritt. Als nicht lernfähig erweisen sich die üblichen Verdächtigen: Die Militärs wollen den Mond mit Atomraketen beschießen, obwohl der nukleare Fallout immens wäre und die Menschheit wohl ebenfalls umbringen würde. Das ist leider nicht völlig unvorstellbar und noch zugespitzter zu beobachten im anderen aktuellen Apokalypsen-Film „Don’t look up“, in dem ein Komet die Erde bedroht.
Es geht ums nackte Überleben
Dick aufgetragen ist auch das menschliche Drama. Charlie Plummer gibt Brians Sohn, der sich mit der Polizei ein Wettrennen liefert und im Knast landet. Kurz darauf wird sein tollkühner Fahrstil dringend gebraucht, wenn es ums nackte Überleben geht.
Noch heikler ist ein Umstand, den Roland Emmerich nicht hatte vorhersehen können: Seine Geschichte ist Wasser auf die Mühlen von Leuten, die irrwitzigen Verschwörungstheorien anhängen. Noch vor zwei bis drei Jahren, dem üblichen Entwicklungsvorlauf im Filmgeschäft, wäre das kein Problem gewesen. Inzwischen aber hat Corona Heerscharen von Apokalyptikern und Impfgegnern hervorgebracht, hat die Lüge von der gestohlenen Wahl Donald Trumps Anhänger zum Sturm aufs Kapitol in Washington getrieben.
Ein Spektakel für die große Leinwand
Roland Emmerich betont in Interviews, er wolle spürbar machen, was auf die Menschheit zukommen könnte, wenn sie die Klimakatastrophe nicht verhindert. Das gelingt ihm durchaus in seinem Spektakel, das nur auf der großen Leinwand und mit dickem Surround-Sound seine ganze Wirkung entfaltet. Das eigentliche Wunder aber ist, dass Emmerich am Ende die Kurve kriegt – hin zu einer halbwegs schlüssigen Auflösung. Das muss man nach all dem erst mal schaffen.
Moonfall. USA 2021. Regie: Roland Emmerich. Mit Patrick Wilson, Halle Berry, John Bradley West. Ab 12 Jahren.