Hinter Gittern                                                                                      Foto: dpa

Nicht nur Sexualstraftäter haben es im Gefängnis schwer. Auch sogenannte 31er leben gefährlich. Der Stuttgarter Strafverteidiger Markus Bessler weiß, wie das Leben hinter Gittern abläuft.

Stuttgart - Guten Tag, Herr Bessler. Wann waren Sie das letzte Mal im Gefängnis?
Gestern.
Warum?
Ich musste in die Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Hall. Ich betreue dort vier Mandanten, die in Untersuchungshaft sitzen.
Seit wann sind Sie Stammgast hinter Gittern?
Seit 2000 bin ich in der Regel zweimal pro Woche, manchmal auch öfter, in verschiedenen Justizvollzugsanstalten, um Mandanten zu sprechen.
Werden die Besuche im Knast zur Routine?
Am Anfang habe ich das als durchaus einschneidend empfunden. Aber im Laufe der Zeit wird es zur Routine. Man darf aber nie vergessen, dass man nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekommt, nämlich den ­Besuchsbereich. Ich sehe meinen Mandanten nicht in seiner Zelle und auch nicht in seinem Gefängnisalltag. Das ist eine ganz andere, eigene Welt, die Außenstehenden, auch Rechtsanwälten, verschlossen bleibt.
Wie erleben Sie Ihre Mandanten?
Vollkommen unterschiedlich. Die überwiegende Anzahl beschäftigt natürlich die ­Ungewissheit, wie es mit ihnen weitergeht. Das eint viele. Dann gibt es welche, die zum wiederholten Male sitzen. Manche sind einigermaßen gelassen, andere sind umso verzweifelter. Das liegt aber auch am Delikt. Beispielsweise Suchtkranke: Die nehmen sich vor, die Therapie zu packen, und schaffen es dann doch nicht. Da ist die Verzweiflung groß. Oder in Wirtschaftsstrafverfahren. Da sind Menschen dabei, die noch nie mit der Justiz in Konflikt geraten sind. Für diese Menschen ist es schwer, quasi aus dem Unternehmertum herausgerissen und fremdbestimmt zu werden. Nehmen Sie Beziehungstaten, die tödlich oder fast tödlich enden: Hier trauern Menschen um ihren Partner und hätten sich solch eine Tat oft selbst nicht zugetraut – auch oftmals völlig unbescholtene Bürger, die aus ihrer ungewohnten Umgebung gerissen werden und mit dem Leben im Gefängnis zurechtkommen müssen. Es ist auch so, dass der Strafvollzug und vor allem die Untersuchungshaft ja keine große Lobby ­haben. Dafür, dass die Unschuldsvermutung gelten soll, also in der Zeit der Untersuchungshaft, sind die Beschränkungen schon ganz erheblich.
Inwiefern?
Nehmen Sie Stammheim. Eine Stunde am Tag Hofgang. Mehr ist nicht. Soll heißen, man ist 23 Stunden am Tag eingesperrt. Die Zellen haben auch nur Waschbecken, keine Dusche. Auch im Sommer, wenn es heiß ist, ist es genau geregelt, wie oft man duschen darf. Da ist nichts mit täglich duschen.
Was beschäftigt Ihre Mandanten am meisten?
Neben der Ungewissheit die Trennung von der Familie oder vom Partner. Das ist für ­viele sehr belastend.
Was wissen Sie vom Knastalltag?
Es gibt natürlich Hierarchien unter den ­Gefangenen – ganz so wie in jeder anderen Gesellschaft.
Leben Sexualstraftäter gefährlich?
Ja. Sie stehen auf der untersten Stufe der Hackordnung. Vor allem diejenigen, die sich an Kindern vergangen haben. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass neue Häftlinge ­erfahrenen Gefangenen zeigen müssen, ­wegen was sie sitzen. In der U-Haft müssen die Neuen dann beispielsweise ihren Haftbefehl vorzeigen, in der Strafhaft das Urteil.
Gibt es andere gefährdete Gruppen im Knast?
Ganz schwer haben es auch die sogenannten 31er. Das sind Leute, die Angaben über andere gemacht haben. Das kommt aus dem Betäubungsmittelgesetz. Dort steht der Paragraf 31 für eine Art Kronzeugen­regelung. „31er“ ist hinter Gittern ein furchtbares Schimpfwort, ein 31er ist ein Verräter.
Was wissen Sie über Drogen oder Alkohol im Gefängnis?
Dass es Drogen und Alkohol im Gefängnis gibt, ist eine Tatsache. Ich habe immer wieder Mandanten, die davon berichten, dass sie in der Strafhaft Drogen konsumiert haben.
Wie kommt der Stoff rein?
Natürlich lassen sich hier nur Vermutungen anstellen. In der Regel wohl durch Besucher oder Häftlinge, die gelockert sind und Freigang haben. Ich habe auch schon erlebt, dass Drogen über die Mauern in die Anstalt ­hineingeworfen werden. Dazu kommt, dass auch im Einzelfall der eine oder andere Beamte wegsieht oder unterstützt. Das ist anders nicht denkbar. Allerdings kommt das meiste wohl durch Besucher rein, zum ­Beispiel in Körperöffnungen, die auch nicht immer 100 Prozent kontrolliert werden.
Und Alkohol?
Na ja, manche Häftlinge brauen halt ihren Most selber.
Was wissen Sie über Gewalt hinter Gittern?
Gewalt ist ein Problem vor allem bei jüngeren Gefangenen. So erlebe ich es jedenfalls. Wenn man vier bis sechs junge Leute in Zellen zusammenlegt, um sie später zu verlegen, also in sogenannte Transportzellen, die besonders karg ausgestattet sind, da habe ich es schon erlebt, dass es zu Exzessen gekommen ist.
Nennen Sie ein Beispiel.
Ein Angeklagter wurde von einem Amts­gericht zu zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt und in der Sitzung verhaftet – wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Dann kommt er wegen Selbstmordgefährdung ins Justizvollzugskrankenhaus und dort in eine Übergangszelle, in der einige junge und auch ältere Häftlinge sitzen. Dort hat man höchstens einen Spind, kann aber nichts richtig verstecken. Die anderen haben ihm seine Unterlagen weggenommen und aha: „ein Kinderschänder“. Sie haben ihn dann, vor allem die Jüngeren, die ganze Nacht gequält: mit Wasser übergossen, ihn Urin trinken und Zigarettenstummel essen lassen. Die ­älteren Gefangenen haben ihm nicht geholfen.
Gibt es atmosphärische Unterschiede zwischen Männer- und Frauengefängnissen?
Männer tragen ihre Konflikte offener aus. Da gibt es klare Ansagen. Bei den weiblichen Häftlingen geht es eher verdeckt zu. Die schwärzen sich gegenseitig bei der Anstaltsleitung an. Jedenfalls haben die Frauen einen höheren Betreuungsbedarf.
Gibt es noch etwas, das Sie schockiert, etwas, das Sie mit nach Hause nehmen?
Oje, da könnte ich stundenlang erzählen. Es sind aber oft nicht die vermeintlich großen Fälle, die einen bewegen. Es sind eher die einzelnen Schicksale, die hinter den Mandanten und ihren Familien stehen. Es wird der Justiz oft vorgeworfen, sie kümmere sich nicht genug um die Opfer. Aber die Familien von Tätern haben es oft auch sehr schwer – wenn kleine Kinder da sind und der einzige Ernährer wegfällt.
Wie lang treibt Sie ein Fall um?
Es gibt Fälle, die werden mich bis zu meinem Berufsende begleiten. Leider verfolgen mich Misserfolge grundsätzlich länger als Erfolge. Letztere hake ich schneller ab. Aber so einen Fall wie den der mehrfachen Mutter, die ihren Mann erschossen hat, der bleibt im Kopf, den werde ich nicht ohne weiteres los.
Wann müssen Sie wieder ins Gefängnis?
Am kommenden Dienstag.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: