Kulinarische Stillleben als Mittel zur Entschleunigung: Jan Kummer und seine Frau Beate Düber im Fleischermuseum. Foto: svo/svo

Gastauftritt einer spannenden Künstlerpersönlichkeit: Jan Kummer, Vater der Kraftklub-Brüder, spricht im Deutschen Fleischermuseum in Böblingen über Kunst und Ernährung.

Böblingen - „Alles begann mit einer E-Mail von Jim Avignon“, erzählt Christian Baudisch vom Deutschen Fleischermuseum in Böblingen bei einem „Kunstvesper“ im Zusammenhang mit der Ausstellung „Fleisch aus Leipzig“ am vergangenen Samstag. Zu sehen sind dort Werke des Chemnitzer Künstlers Jan Kummer.

 

Jim Avignon, Pop-Art-Künstler aus Berlin, der hier im Süden gut vernetzt ist, hatte in der besagten E-Mail das Bild eines Gemäldes von Kummer mitgeschickt, mit der Bemerkung, dass es hier um Wurst ginge. Es folgte ein reger Austausch zwischen Baudisch und dem sächsischen Künstler, der sich bei einem Besuch in Böblingen in die schräge Ausstellungslokalität verliebt hatte. „Das geht allen so“, kommentiert Baudisch grinsend. Fixiert wurde die Ausstellung dann bei einem Gegenbesuch in Kummers Atelier in Chemnitz.

Essensstilleben sollen Ruhe ausstrahlen

Tatsächlich kommen auch Wurst und Fleisch in Kummers Bildern vor, aber in der Regel nur als ein Element von vielen. Es sind Essensstillleben. Momentaufnahmen von gedeckten Tischen und angerichteten Speisen. „Die Bilder sollen Ruhe ausstrahlen. Etwas, das in der Hektik des heutigen Lebens fehlt. . .  speziell beim Essen“, erklärt Beate Düber. Die Kunstvermittlerin ist die Ehefrau des Malers. Bei zwei Führungen am vergangenen Samstag gaben sie und Jan Kummer Einblicke in die Entstehung der Kunstwerke und diskutierten mit den Besuchern Inhalte und Deutungsansätze. „Es ist bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der jeder sein Essen im Internet postet, es in der Kunst kaum mehr eine Rolle spielt“, meint Jan Kummer.

Auch die Herkunft des Künstlers ist in den Essensstilleben ein Thema. Russisch anmutende Dosen, karge Mahlzeiten und der vergebliche Versuch, diese Mittagstisch-Tristesse als etwas Besonderes erscheinen zu lassen – das sind Motive aus Kummers Kindheit in der DDR, die er in seinen Bildern künstlerisch verarbeitet.

Das Besondere an den Arbeiten von Jan Kummer ist, dass sie als Eglomisierung entstehen – eine besondere Form der Hinterglasmalerei, bei der neben den Farben auch andere Materialien, wie zum Beispiel Holz und Papier zum Einsatz kommen, und die Rückplatte eine wichtige Rolle spielt. Im Zusammenspiel der Materialien erhalten die Kunstwerke eine besondere Tiefe.

Das „Gutmännlein“ auf dem Boden sieht nach „Tatort Chemnitz“ aus.

Das sieht man in der Ausstellung am besten in den Bildern, die nicht zu den Essensstillleben gehören. Es sind Kummers Version von Heiligenbildern, in denen er – ganz nach den kirchlichen Vorbildern – viel Dreidimensionalität hineinbringt. Inhaltlich verzichtet er aber auf kirchliche Dogmen. Stattdessen möchte er eher Alternativen dazu anbieten: „Wir kommen wohl aus dem Bereich Deutschlands, wo man die atheistischsten Atheisten findet“, kommentiert Beate Düber.

Kummers Gegenentwurf zu den trostspendenden Heiligen ist das Gutmännlein. Eine eher formlose, entfernt an eine Kartoffel erinnernde Figur, die immer lacht. Eigentlich eine Wohlfühlfigur, wie das Paar sagt, die immer für einen da ist und positive Schwingungen ausstrahlt – die einem aber genau wegen dieser Dauer-Fröhlichkeit etwas gruselig vorkommt. Ein Eindruck, den die Besucher in einem Raum der Ausstellung wenig subtil vermittelt bekommen, denn da liegt das Gutmännlein als Aufblasfigur auf dem Boden und erweckt eher die Anmutung eines surrealen „Tatort Chemnitz“ als eines freundlichen Begleiters durch den Alltag.

Ursprünglich hätte womöglich Blond zur Eröffnung gespielt

„Die Eglomisierung lässt wenig Spielraum für spontane Einfälle“, erklärt Kummer zur Technik. „Dadurch, dass das, was das Bild ausmacht, der Vordergrund und alle Details zuerst aufgebracht werden und dann Schicht für Schicht folgt, kann man eigentlich nichts mehr korrigieren und muss sich vorher überlegen, was man wie machen möchte.“

Pandemiebedingt musste die Ausstellung eine ganze Zeit warten, bis sie nun für Publikum geöffnet werden konnte. Dafür sind einige der Bilder im Lockdown exklusiv für die Präsentation im Fleischermuseum entstanden. Wäre alles gelaufen, wie noch vor Corona geplant, dann wäre die Eröffnung Ende 2020 zu einem etwas größeren Happening geworden, bei dem vermutlich auch die Töchter von Kummer auf dem Marktplatz gespielt hätten. Die beiden gehören zur derzeit angesagten Band Blond. Das Musik-Gen haben sie vermutlich von Jan Kummer geerbt. Zu Zeiten der DDR war er nämlich Teil der avantgardistischen Elektropop-Band AG.Geige. Kummers Söhne sind als Musiker nicht minder bekannt: Sie sind Teil der erfolgreichen Rockband Kraftklub.

Führungen werden gut angenommen

Aber auch ohne den Support durch die Kummer-Kinder war Christian Baudisch am Samstag sichtlich erfreut, die Kunstwerke endlich der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können und hofft auf regen Publikumsbesuch. Die Führungen mit den fundierten Erklärungen zu den Bildern wurden jedenfalls gut angenommen. „Bei der ersten Führung hätten es noch ein paar mehr Interessierte sein dürfen“, meint Baudisch, „aber bei der zweiten konnten wir die nach Corona-Bedingungen festgelegten 20 Plätze voll besetzen.“

Für die Besucher gab es am Samstag zudem gegen eine Spende für Chemnitzer Künstler auch eigens aus der ehemaligen Karl-Marx-Stadt mitgebrachte Wurst und „Kulturbier“. Darauf müssen Interessierte, die ab jetzt in die Ausstellung kommen, zwar verzichten, aber die Bilder und das Gutmännlein sind noch bis Mitte Oktober im Deutschen Fleischermuseum auf dem Böblinger Marktplatz zu sehen.