„Etwas zum Zeichnen habe ich immer dabei“, sagt Jolanda Obleser. Foto: Werner Kuhnle

Jolanda Obleser zeichnet Hunderte Personen für ihr erstes großes Buchprojekt: das Marbacher Wimmelbuch.

Es ist nicht weniger als die Aufgabe eines Turms: Dass man als erstes an ihn denkt. Das ist in Paris beim Eiffelturm so und das ist beim Torturm in Marbach nicht anders. Deshalb hat Jolanda Obleser auch zuerst an ihn gedacht, als sie anfing, sich Gedanken über die Motive für ihr erstes Buchprojekt zu machen – ein Wimmelbuch, das in Marbach spielt. Ihrer Heimatstadt.

 

Die 28-Jährige ist ein Marbacher Kind. Hier ist sie aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hier hat sie ihre ersten Comics angeschaut, noch bevor sie lesen konnte. Hier hat sie ihren ersten Comic gezeichnet.

Für den WDR und den hessischen Landtag gearbeitet

Seither hat sie nie mit dem Zeichnen aufgehört. An der Kunsthochschule Kassel studierte sie Illustration und Comic, hat ihren Abschluss gemacht und ist jetzt Meisterschülerin. Seit vergangenem Jahr lebt Jolanda Obleser in Hannover. Als freie Illustratorin hat sie unter anderem für den WDR und den hessischen Landtag gearbeitet. Für Letzteren zeichnete sie eine Landkarte mit Sehenswürdigkeiten in Hessen. Außerdem begleitete sie zeichnerisch ein Beteiligungsformat im Rahmen eines Mobilitätskonzepts der niedersächsischen Stadt Burgwedel.

Nun ist die junge Frau zumindest für eine Weile und beruflich zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Das Crowdfunding-Projekt „Marbach wimmelt“ des Marbacher Stadtmarketingvereins ist mitten in seiner Entstehung. Und es läuft gut. Seit Ende Januar der Startschuss fiel, ist das finanzielle Ziel des Crowdfundings von 10 000 Euro jetzt schon fast erreicht. Was nicht heißt, dass jetzt keiner mehr mitmachen darf. „Der Rahmen ist nach oben offen“, sagen die Verantwortlichen. Nach wie vor gibt es die Möglichkeit, Bücher oder Goodies vorzubestellen, die dann geliefert werden, wenn das Projekt im Frühsommer abgeschlossen ist.

Man ist stolz darauf – das wird deutlich – dass es sich bei der Marbacher Version nicht um irgendein Wimmelbuch handelt. Mit der Idee, ein solches Buch herauszubringen, ging man beim Stadtmarketing schon eine Weile schwanger. Die aus der Schillerstadt stammende Illustratorin mit ins Boot zu holen, gab schließlich den Ausschlag, das Projekt nun wirklich durchzuziehen. „Sie geht mit ganz anderen Augen durch Marbach als ein fremder Zeichner“, sagt Swantje Hammer, die stellvertretende Vorsitzende des Stadtmarketingvereins.

Für Jolanda Obleser selbst war sofort klar, dass sie das Wimmelbuch machen möchte. Und sofort kamen ihr die Bilder von ihrer Heimatstadt in den Kopf, auch wenn sie hier seit zehn Jahren nicht mehr lebt. Als erstes eben der Torturm, ihr Durchgangsweg zur Altstadt. Dann die Schillerhöhe mit dem Denkmal des Dichters und den Museen. „Dort war ich als Kind gern“, sagt die 28-Jährige. Und dann das Neckar-Ufer. Erinnerungen an Sommerabende, an Spaziergänge drüben auf der anderen Seite mit Blick auf die Marbacher Altstadt.

Jolanda Obleser recherchiert beim Kinderfasching. Foto: Werner Kuhnle

Und die Veranstaltungen: Der Weihnachtsmarkt, der Gassenlauf, der Kinderfasching auf der Schillerhöhe. Dort steht Jolanda Obleser nun an diesem Faschingsdienstag mitten im Gewimmel. Sie trägt eine knallrote Perücke, guckt dem bunten Treiben zu und zeichnet. An diesem Nachmittag auf ihrem Zeichenblock. Zuhause wird sie dann ihr iPad verwenden.

Dann kann sie mit dem weißen Plastikstift auf der Oberfläche des Tablets zeichnen. Jolanda Obleser beginnt bei ihren Wimmelbildern – insgesamt werden es neun Doppelseiten sein – immer mit der Kulisse. Also zum Beispiel mit dem Stück Fußgängerzone vor dem Torturm. Manchmal probiert sie verschiedene Perspektiven aus, um zu sehen, wie viel Gewimmel wo stattfinden kann.

Gezeichnet wird auf zahllosen Wimmel-Ebenen

Das Gewimmel entsteht danach, manchmal auch parallel. In ihrem Zeichenprogramm kann Jolanda Obleser auf verschiedenen Ebenen arbeiten: Skizzen, Kulissen, Hintergründe  . . . und auf vielen Wimmel-Ebenen. Da ist einiges los, das ist schließlich der Sinn der Sache bei einem Wimmelbuch.

Wer in die Szenen eintaucht, kommt so schnell nicht mehr heraus. Am Fuße des Torturms spielt einer Gitarre, ein anderer sucht sich am offenen Bücherregal etwas aus, zwei sportlich gekleidete Menschen haben alle Hände voll zu tun, da sie ihre Fahrräder schieben und gleichzeitig ein Eis schlecken. Eine Frau winkt jemandem vom Eiscafé aus zu. Aber wem eigentlich? Der Blick schwirrt über das Bild, hier fotografiert einer den Torturm, dort rennt ein Kind vier Tauben hinterher, ein Mädchen mampft Döner. Und da, ein Stück weiter vom Eiscafé, ist auch die andere winkende Person.

Und wer steht da an der Ecke, gleich neben dem schlafenden Hund? Es ist Friedrich Schiller. Mit gespitzter Feder notiert er etwas in seinen Block. So ähnlich wie Jolanda Obleser bei ihrer Wimmel-Recherche auf der Schillerhöhe. Nur, dass sie sich zeichnerische Notizen macht. Gerade davon, wie sich zwei Faschings-Kinder auf die von der Bühne geworfenen Bonbons stürzen.

Etwa 100 Menschen zeichnet die Illustratorin pro Wimmelbuch-Seite. Punkt, Punkt, Komma, Strich – und dann vielleicht noch drei Striche dazu. Viel mehr Möglichkeiten hat Jolanda Obleser gar nicht, um ein Gesicht in dem Gewimmel zu entstehen zu lassen. Dennoch haben ihre Figuren eine Seele, eine Geschichte. Sie haben Ausdruck und Körpersprache.

Manchmal, wenn sie von einer Szene genug hat, wechselt sie zur nächsten. Nicht immer kann sie „wie im Rausch tagelang durchzeichnen“. Dann hilft ein Ortswechsel. Der führt sie dann eine oder zwei Seiten weiter. Vielleicht an den Neckar. Oder zurück zum Turm, an den man als erstes denkt.