Ultra-Graffiti im Tunnel beim Cannstatter Carré Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Graffitis sind ein altes Großstadt-Phänomen. Spezielle Fußball-Graffitis tauchen dagegen erst seit einigen Jahren auf. Fangruppen wollen damit ihr Revier abstecken und zeigen, was sie können – vorweg das Commando Cannstatt 1997. Egal, ob’s verboten ist.

Der VfB ist in der Stadt präsent. Nicht nur fußballerisch, sondern mehr noch in Form von Graffitis und Schriftzügen in den Farben des Vereins: Weiß-Rot. Sie finden sich auf Schaltkästen und Mauern, auf Hinweistafeln und Bänken. Und sogar auf S-Bahnen. Manche sind handtellergroß, andere annähernd 100 Meter lang und fallen entsprechend auf.

 

Auch Jürgen Mutz, dem Leiter des Tiefbauamts bei der Stadt, der von Berufs wegen ein Auge auf Stadtbahnzugänge, Befestigungen, Tunnel und Tunnelportale hat, stechen die Fußball-Graffitis ins Auge. Diese Flächen sind ein beliebtes Betätigungsfeld für Sprayer. „Oft rätselt man, wie sie dort überhaupt hinkommen“, sagt Mutz. Für ihn sind illegale Graffitis generell ein Ärgernis. „Wir versuchen, sie möglichst schnell zu entfernen, um Nachahmung zu vermeiden.“ Das sei aber nicht leicht durchzuhalten. „Bei der Beseitigung müssen Prioritäten gesetzt werden.“

Das Commando Cannstatt ist die größte Ultra-Gruppe in der Stadt

Die Fußball-Graffitis sind auch Thema bei der „Soko Graffiti“, die sich in Stuttgart um Aufklärung und Beratung kümmert. Sebastian Bürkle von der kommunalen Kriminalprävention macht die Beobachtung, dass Fanlager auf diese Weise ihr Revier abstecken. Das Ergebnis ist an vielen Stellen in Stuttgart zu besichtigen – etwa im Tunnel beim Cannstatter Carré, wo Sprayer den riesigen Schriftzug „Commando Cannstatt“, den Namen der größten Stuttgarter Ultra-Gruppe, hinterlassen haben, oder im Neckarpark. Gebetsmühlenhaft weist Bürkle auf legale Möglichkeiten des Sprühens in Stuttgart hin, auf die sogenannten Halls of Fame unter der König-Carl-Brücke und in Vaihingen (Untere Waldplätze). „Wir sind immer bemüht, weitere geeignete Flächen zu finden“, sagt er – wohl wissend, dass das Problem damit nicht aus der Welt geschafft ist. Der Reiz des Verbotenen bleibt bestehen. Manche Leute nutzten die legalen Möglichkeiten auch, um für illegale Ausflüge zu üben, berichtet ein Kenner der Fußball-Graffiti-Szene.

Besonders auffällig: „ein 80-Meter-Ding“ entlang der A8

Die Wirkung von Appellen scheint daher begrenzt – gerade auch bei Sprayern, die aus den Tiefen des Fußballraums kommen. Städte mit namhaften Vereinen haben seit etwa 15 Jahren mit dem großflächigen Phänomen zu tun, dass Ultra-Gruppierungen Graffitis als Ausdrucksform ihrer Zugehörigkeit zu ihrer Mannschaft und zur Stadt entdeckt haben. Diese Sprayer-Szene ist nicht identisch mit der Graffiti-Szene. Vielmehr bedient sich eine Subkultur aus der anderen.

„Fußball-Graffiti ist aus vielen Städten nicht mehr wegzudenken“, schreibt Stefan Langer in einem gleichnamigen Buch, in dem er anonymen Akteure aus mehr als 20 Städten ausführlich befragt und zu Wort kommen lässt. Auch Ultras aus Stuttgart, die so Dinge sagen wie „der Grund, dass Ultragruppen Graffiti sprühen ist, dass sie ihr Revier markieren und ihren Verein oder ihre Gruppe in Szene setzen wollen“.

Das geschieht unübersehbar. Das aktuell wohl auffälligste „Piece“, wie die Sprayer ihre Werke nennen, ist entlang der Autobahn 8 hinter dem Stuttgarter Flughafen zu besichtigen – „ein 80-Meter-Ding“ mit dem Schriftzug „Commando Cannstatt 1997“ und nächtlicher Stadtkulisse. Der ganze Stolz der Ultras. 1997 steht für ihr Gründungsjahr.

Schon von weitem soll jeder wissen, wer hier das Sagen hat

In dem Buch verraten einige von ihnen auch, wie weit das Revier reicht, das sie mit ihrem Schriftzügen markieren: „Rund um Stuttgart, von Heilbronn bis Herrenberg, Reutlingen, Rems-Murr-Kreis, Kirchheim“ . Etwa 50 Kilometer vom Stadtzentrum in alle Richtungen, „dass man auf den Einfahrtsstraßen und auf der Autobahn schon weiß, wer hier das Sagen hat“.

Vor allem entlang der A 8 weiß das inzwischen jeder. Die Schallschutzwände, die dort entlang der Neubaustrecke entstehen, „werden zum Teil noch während des Hochziehens, wenn sie erst halb stehen, schon nachts zugemacht“, wie einer der Sprayer sagt. Also bemalt. Der dabei betriebene logistische Aufwand ist groß, und die Gefahr, erwischt zu werden ebenfalls, denn „an Polizeistreifen mangelt uns hier definitiv nicht“. Und wenn die Polizei schneller ist? „Da greifen die meisten Leute in diesem Metier auf den Unsichtbarkeitsmantel des Alkoholrausches zurück, dann geht es in der Regel klar“, sagt einer der Gesprächspartner im Buch. Mit der Gesetzesüberschreitung haben sie offensichtlich kein Problem: „Blödsinnige Verbote muss man nicht unbedingt ernst nehmen“, lässt sich ein Ultra in dem Interview zitieren.

Eine schöne Fassade ist für die Ultras „ein NoGo“

Sie selbst verstehen sich als Qualitätsarbeiter, die auf handwerklich gut gemachte Graffitis Wert legen. Graffiti-Pfusch ist den ambitionierten Ultras ein Graus. Um Privathäuser machen sie nach eigener Auskunft sowieso einen Bogen: „Eine schöne Fassade oder ein altes Gebäude ist für mich ein NoGo“, sagt einer. „Aus Gruppensicht ist es uns wichtig, Privathäuser wie im Westen zu verschonen“, erklärt ein anderer. „Einfach weil bei uns kein anonymer Maler dahintersteckt, sondern eine Gruppe mit einem Ansehen und einer 15 000-Mann-Kurve im Stadion. Da möchte man die Anwohner auch respektieren.“ Graffitikünstler, sagen sie, würden das vielleicht anders sehen.

So ausführlich die Interviews in dem Buch sind, so wenig will das Commando Cannstatt sich außerhalb dieses Rahmens zum Thema Graffiti äußern. Die Fan-Gruppe betont ihre Unabhängigkeit – auch von der Vereinsstruktur des VfB Stuttgart.

Und was sagt der Club selbst zu der Tatsache, dass seine Farben in Stuttgart und um Stuttgart herum versprüht und aufgetragen werden? Nichts. Trotz mehrfacher Anfrage bleibt der VfB stumm.

Aktionen gegen illegales Graffiti

Initiative
Der Förderverein Sicheres und sauberes Stuttgart versucht das Unrechtsbewusstsein für verbotene Graffiti zu schärfen. Von ihm stammt die Initiative „Nein! Zu illegalem Graffiti“ unter der Projektträgerschaft der Gemeinnützigen Gesellschaft für Schulung und berufliche Reintegration (SBR). Ihr gehören auch die Stadt Stuttgart, das Polizeipräsidium, der Haus- und Grundbesitzerverein und die Maler-Lackierer-Innung an.