19. Mai 2016: Zerstörte Fahrzeuge stehen auf einer Kreuzung in Hagen. Bei einem illegalen Autorennen sind fünf Wageninsassen schwer verletzt worden, darunter ein kleiner Junge. Zwei Fahrzeuge hatten sich am Donnerstagabend ein Rennen geliefert, wobei einer der Wagen in den Gegenverkehr raste. Der Fahrer des entgegenkommenden Autos hatte keine Chance, den Frontalzusammenstoß zu verhindern. Foto: dpa

Ohne Rücksicht auf Verluste rasen junge Autofans durch Deutschlands Innenstädte und gefährden das Leben anderer und ihr eigenes – wie jetzt in Hagen. Die Raser hätten keinerlei Angst vor dem Tod, sagt der Kölner Professor André Bresges. Und: auf Warnungen hörten sie oft nicht.

Hagen/Stuttgart - Bei einem illegalen Autorennen in Hagen werden fünf Menschen schwer verletzt worden, darunter zwei Kinder. Ein sechsjähriger Junge schwebt noch in Lebensgefahr. Er sei nach dem Frontalzusammenstoß am Donnerstagabend mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik gebracht worden, teilt die Polizei mit.

Unfallbericht der Polizei Hagen

Die Polizei schildert den Unfallhergang in ihrem Bericht so: Zwei 33 und 46 Jahre alte Autofahrer liefern sich am Donnerstagabend (19. Mai) in der Nähe der Fernuniversität Hagen in Nordrhein-Westfalen ein Rennen. Als eine 76 Jahre alten Autofahrerin mit ihrem Kleinwagen am Fahrbahnrand losfährt, will der 46-Jährige den Ermittlungen zufolge ausweichen und gerät dabei in den Gegenverkehr.

Er kollidiert frontal mit dem Wagen einer 37 Jahre alten Mutter, die mit ihrer elfjährigen Tochter und ihrem sechsjährigen Sohn unterwegs ist. Alle erleiden schwere Verletzungen. Das Auto der Frau wird durch die Wucht des Aufpralls gegen einen neben ihr fahrenden Wagen eines 30-Jährigen geschoben. Dieser rammt daraufhin eine Verkehrsinsel, stürzt mit seinem Wagen um und wird ebenfalls schwer verletzt.

Der zweite am Autorennen beteiligte 33-jährige Fahrer flüchtet unverletzt von der Unfallstelle, stellt sich aber Stunden später im Beisein eines Anwalts der Polizei. Nach ersten Erkenntnissen geht die Polizei davon aus, dass sich die beiden Fahrer zufällig an einer Ampel begegneten und sich dann spontan ein Rennen lieferten.

Raser in der Region Stuttgart

Illegale Autorennen haben in den vergangenen Jahren bundesweit mehreren Menschen das Leben gekostet. Nach Angaben der Polizei wurden allein in Nordrhein-Westfalen 2015 rund 230 Strafanzeigen wegen illegaler Autorennen erstattet. Autorennen sind nur schwer nachweisbar, weshalb die Dunkelziffer wesentlich höher liegen dürfte als die bekannt gewordenen Fälle.

In der Region Stuttgart hat es nach Recherchen unserer Zeitung im Jahr 2013 insgesamt sieben, 2014 zehn und 2015 neun offiziell bekannt gewordene Fälle gegeben.

Der Tod kommt auf Rädern

Im Prozess um den Tod einer 19-jährigen Radfahrerin waren in Köln Mitte April zwei junge Männer zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Nach Auffassung des Landgerichts hatten die Angeklagten sich spontan über eine Strecke von mehreren Kilometern ein Kräftemessen geliefert.

Mehrere Zeugen hatten ausgesagt, die beiden Autos seien mit hohem Tempo und quietschenden Reifen unterwegs gewesen. In Berlin kam im Februar ein unbeteiligter 69-Jähriger bei einem illegalen Autorennen ums Leben.

Warum Autofahrer um die Wette rasen

„Niemand von den Rasern hat Angst zu sterben. Vielmehr achten sie sogar noch darauf, besonders schnell zu sein. Sie wollen lieber sterben als als Krüppel zu enden“, sagt der Kölner Professor André Bresges. Der Professor für Physik-Didaktik an der Universität Köln befasst sich seit Jahren intensiv mit der Raserszene in Deutschland und hat bereits mehrere wissenschaftliche Studien über die illegalen Autorennen in Deutschland verfasst.

Meist seien die Raser junge Männer, die sich beweisen wollten und das nur auf der Asphaltpiste schafften, sagt der 1971 geborene Bresges, der 2007 als einer der jüngsten Physikprofessoren in der Didaktik berufen wurde. Fachleute unterscheiden zwischen organisierten und spontanen illegalen Rennen auf öffentlichen Straßen. Die auch im Internet eng vernetzte Raserszene treffe sich eher außerhalb größerer Städte, erklärt Bresges. Dabei würden auch Menschenleben bewusst aufs Spiel gesetzt oder der Tod Unbeteiligter zumindest billigend in Kauf genommen.

Bußgeldkatalog für illegale Autorennen

Wer beim Rasen erwischt wird, muss mit harten Strafen rechnen. Laut Bußgeldkatalog 2016 muss der Veranstalter von Autorennen 500 Euro Bußgeld zahlen. Für die Teilnahme an einem illegalen Autorennen beträgt das Bußgeld 400 Euro, zwei Punkte in der Flensburger Verkehrssünderdatei und ein einmonatiges Fahrverbot sind fällig.

Wenn Personen bei der Raseraktion gefährdet werden, gibt es drei Punkte. Der Führerschein wird eingezogen und man muss mit einer Freiheits- oder Geldstrafe rechnen. Dasselbe gilt, wenn es zu einem Unfall kommt. Kommen Menschen zu Schaden – wie jetzt in Hagen – oder werden Menschen getötet, greift das Strafrecht mit aller Härte.

Es beginnt an der Ampel und endet im Krankenhaus

Spontane Rennen beginnen oft an einer Ampelkreuzung. Die Raser drücken das Gaspedal im Leerlauf durch, die Motoren heulen auf, die Fahrer erleben einen Adrenalin-Kick. Der endet immer wieder im Krankenhaus oder auf dem Friedhof. „Die Gefahr solcher Rennen ist oft ungleich höher, da sie sich mitten im städtischen Raum abspielen“, erklärt Verkehrsexperte Bresges in einem Interview.

Großstädte bieten dafür das optimale Terrain. Breite Ausfallstraßen, Alleen, an denen sich Schaulustige und Gaffer versammeln. Da die soziale Anerkennung von außen ein wichtiger Grund für solche hochgefährlichen Rennen sei, überraschten die häufigen Unfälle nur wenig, betont Bresges.

Was tun? Crash-Kurse und Bremsschwellen

Um illegalen Rennen vorzubeugen, hat Berges in Zusammenarbeit mit der Polizei in Nordrhein-Westfalen das Programm „Crash Kurs“ entwickelt. Dabei geht die Polizei in Schulen und spricht mit Jugendlichen, die ihren Führerschein machen oder bereits die Fahrerlaubnis haben. Unfallopfer oder Ersthelfer erzählen dabei von ihren Erfahrungen.

Bresges: „Die Fahrer brauchen ihre Groupies, die sie bewundern. Wenn diese, oft auch Frauen, ihnen diese Bewunderung nicht mehr entgegenbringen und vorschlagen, lass uns lieber ins Kino gehen, dann ist schon viel gewonnen.“

Immun gegen Kritik und Ratschläge

Was kann man gegen den Raser-Wahnsinn tun? Die Fahrer seien in der Regel gegen Kritik und gute Ratschläge immun, hat Bresges erfahren. Selbst Schockvideos nützten wenig. „Die jungen Menschen sind das vom Kino gewohnt. Es entspricht der Sehgewohnheit der Raser“, erklärt der Unfallforscher im Interview.

Die Raser seien tatsächlich der Meinung, dass ihnen so etwas nicht passieren würde. „Sie glauben, sich besser mit ihren Autos auszukennen, es besser im Griff zu haben.“

Bodenschweller bremsen Raser aus

Neben Prävention, Information und harten Strafen haben sich nach Aussage von Experten Boden- und Bremsschweller bewährt. Dabei handelt es sich um quer zur Fahrtrichtung angeordnete bauliche Erhebungen auf der Fahrbahn. Sie sollen zur Verringerung der Geschwindigkeit und damit zur Verkehrsberuhigung und Unfallvermeidung beitragen.

Da Raser oft tiefer gelegte Autos und Sportwagen besitzen, müssen sie noch langsamer über die Schwellen fahren als andere, um sich nicht die Stoßdämpfer ihrer Karossen zu ruinieren. André Bresges: „Die Raser haben zwar keine Angst um ihr Leben, aber um ihr Auto schon.“

Autorennen mit tödlichen Folgen

Immer wieder liefern sich Autofahrer illegale Rennen. Den Preis für den Nervenkitzel zahlen – wie jetzt in Hagen – oft Unbeteiligte. Eine Übersicht:

Mai 2016: Berlin

Nach einem Autounfall in Berlin-Tegel werden zwei Schwerverletzte aus einem brennenden Wagen gerettet. Ein Mercedes und ein BMW waren nebeneinander eine Straße entlanggerast. Möglicherweise lieferten sich die Fahrer ein illegales Rennen, bis der Mercedes gegen einen Baum krachte und in Brand geriet.

Februar 2016: Berlin

In der Nähe der Berliner Gedächtniskirche fahren zwei junge Raser ein tödliches Rennen. Eines der Autos stößt mit einem Geländewagen zusammen, dessen 69 Jahre alter Fahrer stirbt.

Januar 2016: Ludwigshafen

Bei einem illegalen Rennen in Ludwigshafen verliert ein Fahrer die Kontrolle über seinen Wagen und prallt gegen einen Baum. Auf dem Rücksitz des Autos stirbt eine 22 Jahre alte Frau, zwei weitere Mitfahrer werden schwer verletzt.

Dezember 2015: Karlsruhe

In Karlsruhe liefern sich zwei Autofahrer ein Rennen, bis es zum Unfall kommt. Beide Wagen rammen mehrere unbeteiligte Autos. Sechs Menschen werden verletzt, zwei von ihnen schwer.

April 2015: Köln

Zwei junge Männer rasen durch Köln. Bei Tempo 100 verliert einer der beiden die Kontrolle über seinen Wagen. Das Auto erfasst eine 19 Jahre alte Radfahrerin, die tödlich verletzt wird.

März 2015: Köln

Einer von zwei Rasern in Köln fährt mit seinem Wagen über eine rote Ampel und rammt ein Taxi. Ein Fahrgast stirbt später an seinen schweren Verletzungen.

April 2015: Leverkusen

Während ein Radfahrer in Leverkusen bei Grün die Straße überqueren will, fahren ein BMW und ein Opel viel zu schnell auf die Kreuzung zu. Der BMW erfasst den 20-Jährigen und verletzt ihn schwer.

Januar 2012: Freiburg

Nahe Freiburg sterben zwei Menschen nach einem illegalen Autorennen – eine unbeteiligte 27-Jährige und einer der Raser.

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