Im Londoner Wembley-Stadion steigt in rund einem Monat das Finale der EM 2021. Für sechs deutsche Nationalspieler wäre es ein Endspiel in ihrer Wahlheimat. Eine Tatsache, die dem DFB-Team richtig guttut.
Herzogenaurach - Bei all dem Trubel und Jubel um den Champions-League-Sieg von Joachim Löws Engländern Timo Werner, Antonio Rüdiger und Kai Havertz ging das andere, das verlorenen Finale des FC Chelsea ja zuletzt ein bisschen unter. Im FA-Cup-Endspiel (dem Pendant zum deutschen DFB-Pokal-Finale) verloren die Blues am 15. Mai gegen Leicester City unglücklich mit 0:1. Der Ort des Geschehens: London. Wembley-Stadion.
Das deutsche Trio also hat noch eine Rechnung offen in diesem Tempel, der 90 000 Zuschauern Platz bietet. London und Wembley, das ist der Sehnsuchtsort. Die Halbfinals und das Finale der EM steigen dort Anfang Juli. Und wenn die DFB-Elf als Gruppenzweiter den Einzug ins Achtelfinale schafft, dann geht es schon da nach London. Möglicher Gegner: England – wenn die Three Lions ihrerseits Gruppensieger werden. Was wäre das für eine Geschichte.
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Das Turnier also könnte für die drei Profis des Londoner Clubs noch zu einem echten Heimspiel werden – und Werner, Rüdiger und Havertz befinden sich im Kreise der Nationalelf in einer illustren Runde. Denn neben ihnen spielen noch Ilkay Gündogan (Manchester City) und Robin Koch (Leeds United) auf der Insel. Auch der Keeper Bernd Leno (FC Arsenal) hätte in London ein Heimspiel (das aber aller Voraussicht nach auf der Bank).
Fortschritte in der Premier League
Löws Insulaner eint neben dem Ziel Wembley, dass sie in der wohl besten Liga der Welt Fortschritte gemacht, sich weiterentwickelt und einen Qualitätssprung hingelegt haben. Sie sind in der Premier League gewachsen. Und wollen nun, bei der EM, in London den Gipfel stürmen.
Dabei führte der Weg nicht bei allen Protagonisten ohne Hindernisse nach oben – allen voran bei Timo Werner war er mit Stolperfallen versehen. Im vergangenen Sommer ging es von RB Leipzig nach London, und Werner legte keine schlechte Saison hin. Nur das Tor traf er zu selten. In 35 Premier-League-Spielen erzielte er sechs Treffer, in der Champions League vier. In beiden Wettbewerben zusammengerechnet aber kam Werner auf 14 Vorlagen. „Die Zahlen waren am Ende nicht ganz so schlecht, auch wenn es mehr Tore hätten sein müssen. Aber das Gute ist: Ich hatte die Chancen“, sagte der 25-Jährige zuletzt im Trainingslager der Nationalmannschaft in Seefeld.
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Der gebürtige Cannstatter also war mal wieder der Mann der Extreme. Er spielte meist nicht schlecht, hin und wieder traf er, aber er vergab eben auch regelmäßig Großchancen. Mit Blick aufs erste EM-Gruppenspiel der DFB-Elf gegen Frankreich am 15. Juni ist es nun offener denn je, ob Werner von Beginn an ran darf. Auch, weil ein Vereinskollege und Konkurrent im Offensivbereich in den vergangenen Wochen durchstartete.
Kai Havertz startete zuletzt durch
Kai Havertz, der im vergangenen Sommer für 80 Millionen Euro plus möglicher satter Bonuszahlungen von Bayer Leverkusen zum FC Chelsea wechselte, erzielte im Finale der Königsklasse gegen Manchester City das goldene Tor, klar. Aber das Offensivjuwel blühte schon vorher unter Trainer Thomas Tuchel auf. Havertz brillierte, nachdem er vorher große Startschwierigkeiten hatte. Die vergangenen Wochen waren seine Festspielwochen. Es wäre inzwischen eine große Überraschung, stünde Havertz beim EM-Auftakt gegen Frankreich nun nicht in der Startelf.
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Auch Chelsea-Innenverteidiger Antonio Rüdiger hat seinen Platz sicher. Mats Hummels, sein Abwehrkollege im Nationalteam, sagte kürzlich im Trainingslager in Seefeld, dass man bei Rüdiger inzwischen von Weltklasse sprechen müsse. Und es ist ja so: Unter Trainer Tuchel blieb der einst so wilde Toni wild, er blieb aggressiv – er lenkte seine Spielweise aber zum ersten Mal in der Karriere dauerhaft in die richtigen, in kontrolliertere Bahnen. Rüdiger ist in dieser Verfassung die Bank von London. Auch im DFB-Team.
Werner, Havertz und Rüdiger also gehen nun mit dem Rückenwind des Triumphs in der Königsklasse in die EM – im Gegensatz zum Finalverlierer Ilkay Gündogan. Um den Gemütszustand des City-Mittelfeldmanns aber muss man sich wohl keine Sorgen machen, zumindest vermittelte Gündogan in seinen ersten Tagen der EM-Vorbereitung den Eindruck. Denn Gündogan lachte, er scherzte, er flachste auffällig mit den Kollegen, und das alles wirkte nicht aufgesetzt. Und Gündogan („Das Schöne am Fußball, es geht gleich weiter“) trainierte stark.
Ilkay Gündogan entdeckt seine Torgefahr
So stark also, wie er seit Jahren in der Premier League spielt. Die vergangene Runde war nun der Höhepunkt dieser Entwicklung, weil der frühere Profi von Borussia Dortmund neben seiner Passsicherheit und Umsichtigkeit auch mit einer extremen Torgefahr glänzte. Und so kommt auch Gündogan trotz der Niederlage im Endspiel der Champions League mit Rückenwind in die EM – die sein Turnier werden soll.
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Und das wäre eine spezielle Geschichte für den Deutschtürken nach der vermaledeiten WM vor drei Jahren, als Gündogan kurz vor der Kadernominierung neben Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten und Despoten Recep Tayyip Erdogan fürs Erinnerungsfoto posierte. Es war der Anfang vom Ende für die deutsche Elf, allem voran atmosphärisch.
Drei Jahre später ist die Sache zwar nicht vergessen, aber abgehakt. Bei der EM soll jetzt alles besser werden – mit dem großen Traumziel vor Augen: Heimspiele in England. Heimspiele in Wembley.