Eleanor Reissa ist die Tochter eines Stuttgarter Holocaust-Überlebenden. Jetzt spielt sie eine der Hauptrollen in der in Cannes ausgezeichneten ARD-Serie „Die Zweiflers“. Das haben Stuttgart, ein Facebook-Post und die TV-Produktion miteinander zu tun.
Es ist Anfang April. Bevor im südfranzösischen Cannes das Filmfestival startet, werden an gleicher Stelle beim Cannes International Series Festival die besten Fernsehserien gekürt und die Canneseries Awards vergeben. Ähnlich prachtvoll, ähnlich glamourös. Auf der rosaroten Showtreppe steht in diesen Apriltagen eine strahlende Frau in kirschrotem Abendkleid, die ihr Glück kaum fassen kann.
Teure Kostüme und KZ-Nummer
Die Frau im roten Kleid ist Eleanor Reissa, Schauspielerin, Sängerin, Autorin aus New York. Die sechsteilige ARD-Serie „Die Zweiflers“ hat gerade den Preis für die beste Serie, die beste Musik und den Preis der Filmstudenten gewonnen. Eine witzige, tiefsinnige, berührende Produktion über eine jüdische Familie Frankfurter Holocaustüberlebender und deren Nachfahren. Eine Geschichte über die Marotten einer Familie, die Frage nach Identität und den Antisemitismus in der Gesellschaft hat abgeräumt. „,Die Sopranos’ auf jüdisch“, so beschreibt ihr Produzent David Hadda seine Herangehensweise an den komplexen Stoff. Eleanor Reissa verkörpert in der Serie Lilka Zweifler, die Seniorchefin des Unternehmens. Sie trägt teure Kostüme, Perlenohrringe – und auf dem Unterarm eine eintätowierte Nummer.
„Ich muss in diesen Tagen viel an meine Eltern denken“, sagt sie. Der Holocaust war nicht nur deren Lebensthema. Es ist auch die stetig wahrnehmbare Hintergrundmusik im Leben ihrer einzigen Tochter und all der anderen Nachfahren. „Wenn jemand sagt, dass er jetzt duschen geht, dann hat das unbewusst bei den Gesprächen immer eine doppelte Bedeutung gehabt“, erklärt sie. Die mörderischen Zyklon-B-Duschen der Gaskammern von Auschwitz sind jederzeit abrufbar aus der Erinnerung.
Ein Besuch am Stuttgarter Nordbahnhof
Denn da gibt es noch ein anderes so gar nicht strahlendes Bild von dieser Frau, das sechs Jahre zuvor in Stuttgart entstanden ist. Es zeigt eine vom Jetlag geplagte, ziemlich übermüdete Reisende, die am Denkmal für die deportierten und ermordeten Juden Stuttgarts gerade die Namen ihrer Familie gefunden hat. Und auch wenn die Bilder vom Nordbahnhof und Cannes nur schwer zusammenpassen, hat das eine doch sehr viel mit dem anderen zu tun. Das Glück von Cannes und die Traurigkeit von Stuttgart bedingen einander. Und es ist nicht unbedingt vermessen zu sagen, dass ohne den Stuttgart-Besuch und den Bericht darüber in dieser Zeitung, Eleanor Reissa jetzt nicht in Cannes stehen würde. Noch Tage nach der Preisverleihung sagt sie: „Das ist wie ein Traum.“
Es ist belastend, was sie sich damals vorgenommen hat. Sie will mehr über das Leben ihres Vaters in Stuttgart erfahren, jener Stadt, aus der er 1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Im Kleiderschrank ihrer Mutter hat sie nach deren Tod Briefe ihres Vaters an die Mutter gefunden. Sie sind auf Deutsch, geschrieben von Stuttgart aus an die zukünftige Ehefrau, die bereits vor ihm nach New York emigriert ist. Jahrzehnte rührt die Tochter diese Briefen nicht an. Dann lässt sie die Schreiben übersetzen, und eine Geschichte nimmt ihren Lauf.
Als Eleanor Raissa im Januar 2018 in der Abenddämmerung am Mahnmal am Stuttgarter Nordbahnhof steht, denkt sie, einen wesentlich Teil ihrer Familiengeschichte endlich ein bisschen besser zu kennen. Auf der Wand stehen die Namen ihres Vaters Chaskel Schlüsselberg, die seiner Frau Chana und deren Tochter Frieda. Mit den Fingern streicht Eleanor Reissa über die Buchstaben. Nur Chaskel Schlüsselberg überlebte die Deportation nach Auschwitz. Chana und Frieda wurden ermordet. Das abstrakte Wissen über diesen nie besprochenen Teil der Familiengeschichte bekommt an diesem nasskalten Spätnachmittag einen Ort.
Reminiszenzen an die Eltern
Eleanor Reissa, 1953 geboren in New York, ist das Kind der zweiten Ehe Chaskel Schlüsselbergs. Die Familie ihrer Mutter hat den Holocaust in Usbekistan überlebt. Ihr Halbbruder Henry, als Heinrich in Stuttgart geboren und 1938 im Kindertransport von seinen Eltern nach England geschickt, blieb bis heute im Land seiner Rettung.
Die Sprache in Eleanor Reissas Kindheit ist Jiddisch. Als sie 2018 nach Stuttgart kommt, um in Archiven und in Gesprächen mehr über ihren Vater zu erfahren, hat sie eine kleine Schwarz-Weiß-Fotografie im Gepäck. Sie zeigt ihre zukünftigen Eltern vor der Donaubastion in Ulm, einem Displaced-Persons-Camp. Das Paar hat einander dort kennengelernt. Albern posieren die beiden für den Fotografen.
Wer genau hinschaut, kann diese sehr private Aufnahme in „Die Zweiflers“ sehen – bei einem Kameraschwenk über eine Wand mit Familienfotografien der Filmfamilie, die sich in Frankfurt auch durch Beziehungen ins Rotlichtmilieu ein Feinkostimperium aufgebaut hat. Eleanor Reissa alias Lilka Zweifler, die über achtzigjährige Gattin des Familienpatron Symcha Zweifler, hat die Fotografie mit der Zustimmung der Produzenten David Haffa in die Produktion geschmuggelt – als Hommage an ihre Eltern. Lilkas KZ-Nummer ist die ihres Vaters. Kleine Reminiszenzen an die, die nicht mehr da sind. Sie sagen „Seht mich! Das bin ich!“ Es heißt aber auch: „Sie sind hier mit mir. Wir gehören hier hin.“ Wie stolz wären die beiden heute wohl auf ihre Tochter. Dass sie hier in Deutschland diese Serie gedreht habe, sei „das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Eleanor Reissa. „Es fühlt sich an, als hätte ich mich mein ganzes Leben darauf vorbereitet“.
Denn die Geschehnisse der letzten Jahre sind auch die Geschichte einer Aneignung und einer immerwährenden Kampfansage an die, die sagten, Chaskel Schlüsselberg und seine Familie haben in Deutschland keinen Platz. Zu dieser Aneignung gehört auch ein anderer ganz besondrer Moment. Als Nachfahrin von Holocaustüberlebenden beantragt Eleanor Reissa 2021 einen deutschen Pass und holt ihn im Juni 2022 beim deutschen Generalkonsulat in New York ab. Auch das ist eine Entwicklung, die sie kaum glauben kann. So vieles ist nach ihrem Stuttgartbesuch, der Recherche und dem Buch „The letters Projekt – A Daughters Journey“ (Das Briefprojekt – Die Reise einer Tochter), das sie über ihre Familiengeschichte geschrieben hat, in Gang gekommen. Der Pass ist für sie in einer sehr aufgeheizten Stimmung in ihrem Heimatland auch die Rückversicherung, die USA jederzeit in Richtung Europa verlassen zu können.
Folgenreicher Facebookpost
Als sie im Oktober 2022 erneut in Stuttgart ist, besucht sie natürlich auch den Tübingen Anwalt Manfred Weidmann, dessen Kanzlei den mit vielen Formularen und Anträgen gepflasterten Weg zur deutschen Staatsangehörigkeit ebenso wie diese Zeitung begleitet hat. Natürlich gibt es auch von dieser Begegnung ein Foto. Eleanor Reissa postet es voller Stolz auf Facebook. Es ist die Zeit, als David Hadda, selbst Nachfahre von Holocaustüberlebenden, mit seiner Frau Sarah zugleich Autor und Produzent der „Zweiflers“, auf der Suche nach der Besetzung der Lilka Zweifler ist. Mike Burstyn, der den Familienpatron Symcha Zweifler spielt, sieht den Post und erinnert sich an seine langjährige Schauspiel- und Regiekollegin Eleanor Reissa. Er gibt ihren Namen weiter. Hadda meldet sich, Eleanor Reissa schickt fürs Casting ein Video mit einer Szene „Der Zweiflers“.
Begegnung mit der deutschen Geschichte
Wenig später unterschreibt Eleanor Reissa einen Vertrag bei einer deutschen Produktion, um Teil einer jüdisch-deutschen Filmerzählung zu sein. Ein paar Monate später reist sie nach Berlin, um an der Seite von Sunnyi Melles und Ute Lemper eine der Hauptrollen in „Die Zweiflers“ zu spielen. Die Besetzung ist international, so wie die Filmfamilie und wohl alle jüdischen Familien. Die Dreharbeiten dauern drei Monate. Eleanor Reissa paukt Deutsch für die Szenen, in denen sie mit Deutschen zu tun hat. In der Familie Zweifler selbst spricht sie das Jiddisch ihrer Kindheit.
Noch nie verbringt sie so viel Zeit am Stück in Deutschland. Sie macht ausgiebige Spaziergänge durch Berlin, erläuft sich diese Stadt oder sagt albern „Ich bin ein Berliner“ und zeigt grinsend ihr Deutschlandticket. Es ist der Sommer vor dem terroristischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober. Sie fühlt sich willkommen in Berlin, taucht regelrecht ein in die Stadt.
Deutsche Geschichte pur
Ihre Exkursionen in der freien Zeit zwischen den Drehtagen führen sie in Museen. Sie steht am Wannsee im Garten der Villa des von den Nazis entrechteten Malers Max Liebermann, läuft in deren Nachbarschaft durch die Villa der Wannseekonferenz, wo 1942 die Ermordung der europäischen Juden geplant wurde. „Wenn du es schaffst, am Leben zu bleiben, ist alles möglich“, zitiert Eleanor Reissa ein jüdisches Sprichwort.
Termine „Die Zweiflers“ sind ab dem 3. Mai in der ARD-Mediathek abrufbar und ab dem 10. Mai jeweils freitags um 22.20 Uhr im ARD-Programm zu sehen.
Sendetermine
Serie
Die Zweiflers sind ab 3. Mai in der ARD-Mediathek abrufbar und ab 10. Mai jeweils freitags um 22.20 Uhr im ARD-Programm zu sehen.