Dienstleistungen gewinnen Plätze in der Vollversammlung der IHK Region Stuttgart hinzu. Und die Kakteen wollen ihren Weinberg verkaufen.
Die Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart wählt derzeit ihre neue Vollversammlung. Diese ist das oberste Gremium der Organisation, die die Interessen der Wirtschaft in der Region vertritt – und bereits jetzt ist absehbar, dass sich hierbei die Schwerpunkte verschieben werden. Denn das traditionell starke und wichtige produzierende Gewerbe in der Region wird weniger Sitze erhalten: 28 statt wie bisher 32 von insgesamt 100 Sitzen.
Mehr Sitze gibt es dagegen für Bereiche wie Handel, Versicherungen, Bankgewerbe und andere Dienstleistungen. „Dies ist eine Reaktion auf den Strukturwandel in unserer Region“, sagt Hauptgeschäftsführerin Susanne Herre. Durch die Vergabe der Sitze nach verschiedenen Bereichen will die Kammer die Wirtschaft in ihrem Bezirk möglichst realitätsnah abbilden. Für die Vollversammlung treten etwas mehr als 150 Kandidatinnen und Kandidaten an.
Die kammerkritischen Kakteen gehen nicht nur mit einem Dutzend Bewerber in das Rennen, sondern auch mit einer ganzen Reihe von Forderungen. So soll etwa der Weinberg hinter der Kammer mitsamt dem Weinberghäuschen verkauft werden. „Es ist nicht die originäre Aufgabe einer IHK, einen Weinberg zu haben“, sagt Clemens Morlok, einer der Sprecher der Kakteen, „wenn man einen guten Preis dafür bekommt, sollte er verkauft werden“. Allerdings: Auch wenn diese Forderung jetzt erneuert wird – in der Vergangenheit erhielt sie keine Mehrheit in der Vollversammlung.
Kakteen wollen Kammermagazin nur noch Online
Eine weitere Forderung betrifft die Öffentlichkeitsarbeit: „Eine Onlineausgabe des IHK-Magazins würde ausreichen“, meint Morlok. Eine Onlineausgabe gibt es zwar bereits, aber „viele Mitglieder möchten aber auch noch die gedruckte Ausgabe haben“, erklärt die Hauptgeschäftsführerin. Die früher monatliche Ausgabe des Magazins wurde aus Kostengründen bereits auf ein zweimonatliches Erscheinen umgestellt.
Zudem sollte die Kammer sich weniger um etwas kümmern, was Morlok als „Lobbyarbeit“ bezeichnet und sich auf ihr „Kerngeschäft, die Ausbildung konzentrieren“. Die Kammer ist der Ansicht, dass sie dies schon tut und verweist zudem auf einen Ausbildungs-Kongress am 14. Oktober, für den es schon mehr als 600 Anmeldungen gebe.
Kritik kommt von den Kakteen auch an den jährlichen Konjunkturumfragen. Diese seien nicht repräsentativ für die Stimmung in der Wirtschaft. Das weist Herre mit Blick auf 1600 befragte Unternehmen zurück. Der Rücklauf liege bei 50 Prozent. Die Umfragen seien wichtig für ein Bild der Lage, aber auch für die Vertretung der Wirtschaft gegenüber der Politik: „Die Konjunkturumfrage der IHK ist die einzige regionale Umfrage für das Land und unsere Region“, sagt sie.
Rücklagen sind jetzt geringer
Mit Hilfe der Gerichte, so lobt Morlok das Engagement seiner Kakteen, habe man eine deutliche Reduzierung der Rücklagen der Kammer erreicht. Dies ist tatsächlich der Fall: Nach den Angaben der IHK gibt es inzwischen nur noch eine „Ausgleichsrücklage für unvorhersehbare Risiken“ in Höhe von 6,3 Millionen Euro.
Neben den Kakteen, „keine Fraktion, sondern eine lose Gruppierung“, wie Morlok sagt, schickt auch das „Bündnis Zuversicht“ um den IHK-Vizepräsidenten Thorsten Pilgrim seine Anhänger ins Rennen. 14 Kandidatinnen und Kandidaten, alle aus Stuttgart, treten an. „Wir sind Befürworter der IHK und sprechen nicht von Zwangsmitgliedschaft“, sagt Pilgrim und grenzt sich damit deutlich von den Kakteen ab. „Wir sind überzeugt, dass die Unternehmen der Region die IHK brauchen“. Bisher hat das Bündnis neun Sitze in der Vollversammlung. „Unser Ziel ist es, die Betriebe der Region bei der Transformation und der Digitalisierung zu unterstützen“, erklärt Pilgrim, „wir setzen uns dafür ein, dass die IHK als Motor die Entwicklung vorantreibt“. Zudem sollte bessere Kinderbetreuung Eltern mehr Arbeit ermöglichen.
„Bündnis Zuversicht“: Messerstechereien verunsichern Einkäufer
Und noch etwas ist Pilgrim wichtig: Die Stuttgarter Innenstadt, die nicht nur einen „attraktiven Mix aus Einzelhandel, Gastronomie und Kultur“ bieten, sondern auch sicherer werden soll: „Messerstechereien am helllichten Tag führen dazu, dass sich viele Menschen unsicher fühlen und vielleicht nicht mehr so gerne in die Stadt gehen.“
Präsident, Stellvertreterin und Stellvertreter wollen weitermachen
Wie Pilgrim tritt auch Vizepräsidentin Edith Strassacker wieder an. Auch Claus Paal, der amtierende Präsident, bewirbt sich wieder um einen Sitz in der Vollversammlung. Gewählt werden kann noch bis zum 22. Oktober, konstituieren wird sich die neue Vollversammlung dann im Februar 2025. Die Amtsperiode beträgt fünf Jahre. Die Wahlbeteiligung liegt mit rund 10 Prozent der etwa 175 000 Mitgliedsunternehmen traditionell niedrig. „Wir werben für die Wahl in Print und in Social Media“, sagt Herre. Viele kleine, oft auch im Nebenerwerb geführte Unternehmen hätten nur wenig Interesse an der Arbeit der Kammer. Dabei sei die Auswahl der Kandidaten doch „eine hervorragende Möglichkeit, die Region mitzugestalten“.