Wie viel Geld kommt tatsächlich im örtlichen Handel an? Foto: Julian Stratenschulte

Laut IHK-Bezirkskammer lassen die Menschen im Kreis Böblingen zu wenig Geld im örtlichen Handel. Die Ortskerne stünden vor großen Herausforderungen.

Der Landkreis Böblingen schneidet unter den Landkreisen der Region Stuttgart besonders gut ab, wenn es um die Kaufkraft für den Einzelhandel geht. Das ist an sich nichts Neues, wird nun aber durch eine aktuelle Untersuchung der Industrie- und Handelskammer (IHK) im Bezirk Böblingen nochmals bestätigt. Gleichzeitig aber komme dies laut IHK nicht im örtlichen Einzelhandel an.

 

Laut IHK verfügen die Menschen im Kreis Böblingen im Jahr 2025 über etwa 3,4 Milliarden Euro an einzelhandelsrelevanter Kaufkraft für stationären und Online-Handel, das entspricht einem Siebtel der regionalen und knapp vier Prozent des Nachfragepotenzials in Baden-Württemberg. Pro Einwohner seien das im Durchschnitt 8588 Euro, womit der Landkreis in der Region Stuttgart bei diesem Kriterium auf dem ersten Platz liegt – vor dem Landkreis Ludwigsburg und der Landeshauptstadt.

Einzelhändler beklagen Zurückhaltung

„In Baden-Württemberg sind nur die Einwohner des Landkreises Lörrach und Baden-Badens wohlhabender“, erläutert Marion Oker, Leitende Geschäftsführerin der IHK-Bezirkskammer Böblingen. Trotzdem bedeute dies nicht volle Kassen im örtlichen Einzelhandel. Der innerörtliche Handel habe sich schon seit längerem in Bedrängnis durch Großflächen auf der grünen Wiese und Verkäufe im Internet befunden. Die Auswirkungen der Coronapandemie mit einem weiteren Auftrieb für den Online-Handel und die Folgen des Ukraine-Krieges hätten für zusätzliche Schwierigkeiten gesorgt. Nun kämen noch die Konflikte im Nahen Osten mit ihren Folgen und die erratische Handelspolitik der USA hinzu.

Zahlreiche Einzelhändler in den Städten des Landkreises beklagen laut der IHK eine dauerhafte Konsumzurückhaltung, die zwischenzeitlich an vielen Stellen existenzbedrohliche Auswirkungen habe. Nicht zuletzt die zunehmenden Leerstände in den Städten seien Beweis für zunehmende Geschäftsaufgaben, gerade auch in Kernlagen. „Auch wenn man eine hohe Kaufkraft gedanklich mit hohen Umsätzen im stationären Einzelhandel verbindet, zeigt sich gerade jetzt, dass dies ein Trugschluss ist. Die Kunden sind aufgrund vieler Faktoren verunsichert und halten ihr Geld zurück“, erläutert Oker. Das Problem vieler inhabergeführten Betriebe, Nachfolger zu finden, sei ebenfalls zum Teil diesem Umstand geschuldet.

Marion Oker, Leitende Geschäftsführerin der IHK-Bezirkskammer Böblingen Foto: IHK

„Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, die Innenstädte und Ortskerne attraktiv zu gestalten, um für Kundinnen und Kunden aus der Stadt und von außerhalb interessant zu sein“, betont Oker, „hier sind vor allen Dingen die Städte im Zusammenspiel mit Handels- und Gewerbevereinen, Einzelhändlern und der Gastronomie gefordert.“ Alle Akteure müssten gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Ideen entwickeln. Eine gute Erreichbarkeit mit Pkw und dem ÖPNV, das Schaffen von Plätzen und Quartieren mit hoher Aufenthaltsqualität und erfolgreiche Events seien nur einige Beispiele für sinnvolle Maßnahmen.

Die stationären Einzelhändler im Kreis verbuchen laut IHK insgesamt rund 2,8 Milliarden Euro an Umsatz, pro Einwohner entspricht das mit 7063 Euro etwa drei Prozent mehr als im Durchschnitt Deutschlands. In der Region liegt bei diesem Merkmal nur die Landeshauptstadt vor dem Landkreis Böblingen. „Die stationären Umsätze müssen vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass ein immer größerer Teil der Kaufkraft im Internet landet,“ gibt Oker zu bedenken. „Und hinzu kommt: Viel Geld fließt auch in periphere Lagen.“

Sindelfingen im Ranking vorne

Auf kommunaler Ebene kann sich Sindelfingen dabei im Landkreis den Spitzenplatz sichern. Über 760 Millionen Euro klingeln dort in den Kassen der Händler. Auch bei den Pro-Kopf-Werten liegt Sindelfingen vorn: 12 378 Euro bedeuten 80 Prozent über dem Bundeswert. Es folgen Böblingen mit knapp 9900 Euro und Rutesheim mit gut 7100 Euro pro Einwohner.

In vielen Kommunen ist die Versorgung der Bewohner allerdings nicht mehr vor Ort gesichert; in Magstadt erzielen die örtlichen Händler beispielsweise nur knapp 2200 Euro pro Kopf an Umsatz, was nur etwa einem Drittel des Bundeswertes entspricht.