IHK-Studie zur Ausbildung Azubis wollen Spaß bei der Arbeit

Von Annette Mohl 

Nicht jeder Ausbildungsberuf ist für alle gleich gut geeignet Foto: Fotolia
Nicht jeder Ausbildungsberuf ist für alle gleich gut geeignet Foto: Fotolia

Mit Grafik - Bei der Wahl ihres Ausbildungsplatzes ticken Jugendliche unterschiedlich. Einige wollen schnell Karriere machen, anderen geht die Selbstverwirklichung über alles. Den Unternehmen gelingt es oft nicht, die geeigneten Bewerber für ihre Lehrstellen zu interessieren.

Stuttgart - 6000 Lehrstellen konnten dieses Jahr in Baden-Württemberg nicht besetzt werden. „Seit drei Jahren nimmt die Zahl der nicht zu besetzenden Lehrstellen zu“, sagt Georg Fichtner, Präsident der IHK Stuttgart und Federführer der Ausbildung der zwölf Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg. Gegenüber 2013 blieb dieses Jahr noch ein Prozent mehr Lehrstellen (540) offen. 43 999 Ausbildungsplätze waren zu Stichtag 1. Oktober besetzt.

Die IHK will nicht tatenlos zusehen, wie vor allem mittelständische und kleine Unternehmen bei den Auszubildenden kaum Beachtung finden und der Trend zum Studium wächst. Am Donnerstag hat die Kammer die Ergebnisse einer repräsentativen Studie bei 14- bis 24-Jährigen veröffentlicht. Das Sinus-Institut hat online die Bedürfnisse, Erwartungen und Einstellungen von Jugendlichen erhoben, um den 27 000 Ausbildungsbetrieben im Land Handlungsempfehlungen zu geben.

Das Vorurteil, es gehe Jugendlichen, die eine Ausbildung dem Studium vorziehen, vor allem um ein schnelles eigenes Einkommen, wird widerlegt. Nur 51 Prozent erwarten von ihrem Beruf ein hohes Einkommen. 85 Prozent wollen vor allem Spaß haben.

Bei den Erwartungen an das Unternehmen steht ein sehr gutes Verhältnis zwischen Vorgesetzten, Mitarbeitern und Kollegen auf Rang eins der Prioritätenliste. „Unsere Handlungsempfehlung an die Unternehmen ist deshalb, einen Führungsstil des Respekts und der Wertschätzung gegenüber den Auszubildenden zu pflegen“, so Georg Fichtner. Ganz wichtig sei dem Nachwuchs auch ein regelmäßiges Feedback und Lob. Punkten könnten Betriebe, die eine Vertrauensperson, einen Mentor, für die Azubis hätten.

51 Prozent der Befragten wünschen sich, dass die Stimmung unter den Kollegen gut ist. Fast ebenso vielen sind aber die Karriereaussichten besonders wichtig. Wichtigste Standortkriterien sind eine hervorragende Verkehrsanbindung und günstige Wohnmöglichkeiten. Nur zwölf Prozent legen Wert auf Bars und Diskotheken und neun Prozent auf kulturelle Angebote.

Die Gutachter kommen bei der Studie vor allem aber zu dem Schluss, dass die Jugendlichen bei der Jobsuche nicht über einen Kamm zu scheren sind. Abgefragt wurden etwa Gewohnheiten, Rituale, soziale Aspekte wie Bildung und Wohnumfeld, außerdem Werte wie Einstellungen und Interessen. Daraus, so Studienleiter Christoph Schleer von der Sinus Markt- und Sozialforschung GmbH, wurden die Befragten sieben verschiedenen Jugendmilieus zugeordnet. So ist etwa bei den Konservativ-Bürgerlichen der Bildungsstand hoch, sie orientieren sich an den Werten „Sicherheit“ und „Haben und Zeigen“. Die Gruppe der „Prekären“ halt die gleichen Werte hoch, ihr Bildungsgrad ist dort aber niedriger.

Um den Ausbildungsbetrieben aufzuzeigen, dass sie für unterschiedliche Stellen unterschiedlich werben müssen, hat Sinus die Gruppen analysiert und gegenübergestellt. Etwa die „adaptiv-pragmatischen“ Bewerber. Das sind leistungs- und familienorientierte Jugendliche. Sie suchen ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft, wollen Sicherheit und Karriere. Sie verfolgen ihre Ziele konsequent und streben nach Wohlstand ohne übertriebenen Luxus. Um sie zu gewinnen, muss ein Unternehmen mit seinem guten Ruf werben, mit einem hohen Einkommen und mit der Planbarkeit der Karriere. Genau diese Kriterien würden auf andere Gruppen abschreckend wirken. Erfolgs- und lifestyle-orientierte Netzwerker wollen unkonventionelle Erfahrungen machen und ihre Grenzen erkennen. Sie gewinnt ein Unternehmen durch das Angebot, im Ausland zu arbeiten, viel Entscheidungsfreiheit zu haben und interessante Kontakte knüpfen zu können.

Am schwersten tun sich bei der Besetzung der Lehrstellen laut IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter Hotellerie und Gastronomie, aber auch der Handel und das Finanzgewerbe. Unbeliebt sind Berufe, mit unbequemen Arbeitszeiten und einer lauten und schmutzige Umgebung. Selbst die IT-Branche habe zusehends Probleme bei der Besetzung der Lehrstellen. Am besten sieht es noch bei den Metall- und Elektroberufen aus.

Als Problem sieht Richter auch die schlechte Bildung der Bewerber. „Je komplexer die Inhalte der Ausbildung, desto schwerer sind passende Bewerber zu finden.“ Häufig ließen die Betriebe die Lehrstelle lieber offen, wenn es schon an Grundkenntnissen in Rechnen und Schreiben mangle. Andere Betriebe stellen auch solche Bewerber ein und „geben Nachhilfe“, wie Fichtner sagt.

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