Susanne Herre hat sich bereits eine Führungsposition geteilt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mehr Flexibilität, mehr Möglichkeiten: Die Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, Susanne Herre, fordert, Ernst zu machen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie hat einen simplen Vorschlag.

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel braucht es nach Einschätzung der Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart ein Umdenken bei der Gestaltung von Arbeitstagen. „Wir müssen Ernst machen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sagte Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart unserer Zeitung. „Es geht darum, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Menschen Familie und Beruf so vereinbaren können, wie sie es mögen.“

 

Arbeitszeiten auf dem Prüfstand

Nach wie vor arbeiten deutlich mehr Frauen als Männer in Teilzeit – mit den entsprechenden Folgen für Karriere und Finanzen. Nur eine leichte Aufstockung, so die Argumentation von Herre, würde auch helfen, dem zunehmenden Mangel an Fachkräften entgegenzuwirken. „Wir haben ausgerechnet, dass in Baden-Württemberg gut eine Millionen Frauen in Teilzeit arbeiten“, sagte Herre anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März. „Wenn die alle nur eine Stunde mehr pro Woche arbeiten würden, wären das 30 000 Vollzeitstellen. Das ist ein erhebliches Potenzial an hochqualifizierten Mitarbeiterinnen.“

Die Idee ist nicht ganz neu: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte sich im vergangenen Jahr mit dem Vorschlag, die Teilzeit für Lehrkräfte zu begrenzen, eine blutige Nase geholt. Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter, forderte längere Arbeitszeiten – und „mehr Bock auf Arbeit“.

Nach Einschätzung der IHK-Hauptgeschäftsführerin müssen dafür aber vor allem für Familien erst einmal einige Hürden aus dem Weg geräumt werden. „Ziel muss sein, dass beide Partner so viel arbeiten, wie sie mögen“, sagt Susanne Herre. „Der wichtigste Hebel ist der Ausbau Kinderbetreuung.“

„Nicht mit zwei zugedrückten Augen durchlavieren“

Vor allem aber braucht es nach Einschätzung von Herre ein flexibleres Arbeitszeitgesetz, damit Eltern – sofern es ihre Aufgabe zulässt – ihre Arbeitszeit nach ihren Bedürfnissen organisieren können. „Es wäre rechtlich eigentlich nicht zulässig, dass Sie abends um 23 Uhr noch eine Mail schreiben und morgens um 8 Uhr im Büro sitzen“, erklärt Herre. Dazwischen müssten nach den gesetzlichen Vorschriften elf Stunden Ruhezeit liegen. „Ich würde mir wünschen, dass wir da zu einer Regelung kommen und nicht mit zwei zugedrückten Augen durchlavieren“, so die IHK-Hauptgeschäftsführerin.

Mehr Ergebnis, weniger Präsenz

„Wo man es zulassen kann, sollte man stärker auf das Ergebnis als auf die Präsenz schauen“, sagt Herre. „Natürlich geht das nicht in Bereichen der Kundenbetreuung oder bei Veranstaltungen.“

Zudem müssten unterschiedliche Karrieremöglichkeiten die Regel werden – inklusive moderner Führungsmodelle wie Jobsharing. „Die Unternehmen müssen auch das Thema geteilte Führung ernst nehmen. Es ist wichtig, dass daraus eine Selbstverständlichkeit erwächst.“

Dazu gehört auch, dass Frauen in Führungspositionen zur Normalität werden. „Für mich ist das Ziel erreicht, wenn wir nicht mehr darüber sprechen, dass Frauen in bestimmten Positionen sind“, sagt Herre. Das sei aber eine Frage der Mentalität in der Gesellschaft.

Vorbild IHK

Führung
Die IHK-Hauptgeschäftsführerin Susanne Herre hat selbst keine Kinder. Trotzdem hat sie sich bei der IHK Region Stuttgart die Stelle einer Geschäftsführerin schon geteilt – mit einer Kollegin, die aus Pflegegründen reduziert hat. „Den anderen Teil meiner Stelle habe ich in anderer Position gearbeitet“, sagt sie. Die Spitze der IHK Region Stuttgart ist weiblich: Neben Susanne Herre ist Marjoke Breuning die Präsidentin.

Mitarbeiter
Bei der IHK gebe es quasi jedes Arbeitszeitmodell, sagt sie. „Wir sind komplett offen für geteilte Führung. Zwei Drittel unserer Mitarbeiter sind weiblich.“ Die Arbeitszeiten reichen von sechs bis 22 Uhr. Innerhalb dieses Zeitraumes können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeit verteilen.