Der baden-württembergische Bezirksleiter Roman Zitzelsberger will sich im neuen Jahr neue Aufgaben außerhalb seiner IG Metall suchen. Foto: Matthias Schiermeyer

Baden-Württembergs IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger sorgt für einen Paukenschlag: Noch vor einem Jahr wurde er als kommender Gewerkschaftschef gehandelt, nun kündigt er seinen Rückzug an. Die Begründung ist vielschichtig.

Eine Sitzung der Großen Tarifkommission in Pforzheim nutzt Bezirkschef Roman Zitzelsberger als Bühne, um den Metallern des Bezirks Baden-Württemberg seinen unerwarteten Abgang anzukündigen. Was den 57-Jährigen dazu bewogen hat, dazu äußert er sich eingehend im Interview.

 

Herr Zitzelsberger, im April haben Sie auf einen Posten in der IG-Metall-Führung verzichtet, um sich nicht vollends zu überlasten. Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es ausgezeichnet. Ich habe gerade die üblichen Stresssituationen, weil sich gegen Ende des Jahres stets alles ballt. Aber im Frühjahr dieses Jahres hätte ich mir nicht vorstellen können, in diesem Winter wieder mit so einer großen Ruhe und Gelassenheit meine Arbeit machen zu können.

Hatten Sie noch weitere gesundheitliche Einbrüche, die ihre Arbeit beeinträchtigt haben?

Ich habe mich Schritt für Schritt wieder nach oben gekämpft. Wenn man solch heftige körperliche und psychische Stresssymptome hat, gibt es ja doch die Möglichkeit, ganz von der Platte zu gehen. Das wollte ich in der Entscheidungsphase über eine Kandidatur für den Vorstand jedoch verhindern. Tatsächlich bin ich relativ schnell wieder ins Tagesgeschäft eingestiegen – stets in Absprache mit den Ärzten. Kurz vor der Sommerpause war ich fast schon wieder so weit, die Reißleine ziehen zu müssen, hatte dann aber das Glück, den ganzen August Urlaub machen zu können. Das ist keine Selbstverständlichkeit in meinem Job. Diese Phase hat mir dann auch wieder die nötige Kraft zurückgebracht.

Auch die Vorbereitung eines Gewerkschaftstages ist sehr arbeitsaufwendig?

Das große Thema von Baden-Württemberg war die Betriebsrente, das Sozialpartnermodell, das wir sicher über den Gewerkschaftstag bringen wollten. Da ist viel vorgearbeitet worden. Insgesamt war es zwar immer noch eine Menge Arbeit. Aber ich war psychisch und physisch wieder gestärkt.

Sie sind im April mit Ihrer Erkrankung offen umgegangen – sehen Sie sich im Nachhinein betrachtet darin bestätigt?

Es war goldrichtig, und es war ohne jedes taktische Kalkül. Ich bin einfach so. Natürlich gibt es Situationen, in denen auch ich taktieren muss, aber nicht bei so einer elementaren Frage. Deshalb hat es mir innerhalb wie außerhalb der IG Metall überwiegend Respekt eingebracht. Für mich war das gar nichts Besonderes, weil ich speziell hier in der IG Metall Baden-Württemberg noch nie negative Erfahrungen gemacht habe, wenn ich mein Herz auf den Tisch gelegt habe. Ich habe auch nicht meine medizinischen Berichte präsentiert, sondern einfach gesagt: Mir geht es nicht gut, sodass sich jeder ungefähr vorstellen konnte, worum es geht. Es ist auch meine Verantwortung in so einer Position, damit offen umzugehen. Viele andere Menschen können das nicht, weil sie sich dann um ihren Arbeitsplatz sorgen müssten. Also hatte das vielleicht ein bisschen einen positiven Effekt für andere.

In der Welt der Wirtschaft ist es noch ein Tabu. Was haben Sie von dort gehört?

Mich haben viele auch hochdekorierte Menschen aus Unternehmen in Baden-Württemberg angerufen, die sorgenvoll, aber auch respektvoll nachgefragt haben. Das hat mich gefreut. Verwundert hat es mich nicht, weil ich kein unnahbarer Typ bin. Ob es am Ende etwas bewirkt, weiß ich nicht, weil da noch andere Mechanismen zum Tragen kommen. Wenn ein Vorstand von einem börsengelisteten Unternehmen sich so offenbaren würde, hätte das wahrscheinlich sofort Auswirkungen auf den Aktienkurs. Da ist noch mal Druck von einer anderen Seite. Wenn ich aber dazu beigetragen habe, dass in den Organisationen und Unternehmen intern ein veränderter Blick darauf geworfen wird und nicht nur an der Spitze, dann würde mich das freuen, weil es – wie Sie richtigerweise sagen – noch viel zu oft ein Tabu ist für etwas, was nicht wenige Menschen betrifft.

Die IG Metall hat es geräuschlos weggesteckt – weil Sie nie richtig weg waren?

Als ich erklärt hatte, nicht zu kandidieren, war das eine ambivalente Stimmung: Viele haben es bedauert, viele fanden es aber auch gut, dass ich in Baden-Württemberg bleibe. Nachdem der Rauch verzogen war, ging es erst mal normal weiter. Dass ich in der Phase versucht hab, nicht jeden Tag von acht bis 20 Uhr Vollgas zu geben, hat kaum jemand mitgekriegt. Mein Arzt war kritisch mit mir, ich solle aufpassen. Ansonsten war ich die ganze Zeit präsent. Und ich hatte ein großartiges Team im Rücken, das mich gestärkt hat.

Sie sprechen bisher nicht vom Burnout?

Ich habe den Begriff bewusst vermieden, weil es bei mir nicht ein Zustand des Ausgebrannt-Seins war. Tatsächlich hatte ich physische Belastungsreaktionen. Die ersten Tage fiel es mir schwer, das Haus zu verlassen. In eine solche Situation zu kommen, war für mich fremd, weil ich mich in der Vergangenheit immer auf meine Strategien für eine hohe Stressresilienz verlassen konnte – doch diese Reaktionen haben diesmal versagt. Ich habe gemerkt, dass sich da etwas festgesetzt hat, aber nicht im Sinne von, dass gar nichts mehr ging. Der Psychologe, der mich behandelt hat, sagte sinngemäß: Zitzelsberger, du bist nicht krank. Du bist sogar eher gesund, weil Dein Körper so reagiert hat. Hör also auf diese Signale, denn das kann auch mal in eine andere Richtung gehen.

Hadern Sie noch damit, auf einen Platz im Führungsteam verzichtet zu haben?

Nein, damit hadere ich überhaupt nicht. Das war eine wohl überlegte und klare Entscheidung – nicht gegen etwas, sondern für die Rolle als Bezirksleiter und für meine Gesundheit. Ja, ich hätte mir sehr gut vorstellen können, eine Führungsrolle in Frankfurt zu übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt musste ich mich aber dagegen entscheiden, weil ich nicht wusste, wie der gesundheitliche Verlauf sein wird. Vermutlich würde es mir im anderen Fall auch heute nicht so gut gehen, weil das Stresslevel viel weniger steuerbar wäre als im vertrauten Terrain. So bereue ich es null Komma null.

Haben Sie zu viel auf einmal gewollt?

Ich habe seit 27 Jahren Führungsverantwortung. Meine Erfahrung zeigt: Von zehn Themen sind meist sieben hochproblematisch und drei machen Freude. Diese drei Themen müssen die Motivation für alles andere bringen. Ab Herbst 2019 und dann mit Beginn der Pandemie war es bei mir über bestimmt zwei Jahre so, dass neun von zehn Themen hochproblematisch waren. Das hat nicht nur an mir genagt. Auch Bevollmächtigte in den Geschäftsstellen und einige aus meinem Team kamen hier an ihre Grenzen. Zudem hatte ich letztes Jahr faktisch keinen Urlaub. Dann ging sofort die Tarifrunde los, die alles andere als easy war. Parallel wurde intensiv am Sozialpartnermodell gearbeitet. Und es begann die Debatte: Was passiert auf dem Gewerkschaftstag, wer kandidiert für welches Führungsmodell? Ich habe sehr viel Energie, aber ich muss aufpassen, dass ich mich und auch mein Umfeld nicht überfordere mit den Ansprüchen, die ich an mich selbst stelle.

Was heißt das für die Zukunft: Nächstes Jahr geben Sie – etwas dosiert – wieder Vollgas in Richtung Tarifrunde?

Nein. Diese Tarifrunde wird ohne mich laufen. Ich habe mich entschieden, zum 31. März 2024 meine hauptberufliche Tätigkeit bei der IG Metall zu beenden. Ich arbeite jetzt seit 35 Jahren mit viel Spaß und Freude für die IG Metall, habe dabei aber auch immer Lust gehabt, mich neu zu erfinden. Und in dem ganzen Prozess in diesem Jahr habe ich mir überlegt, wie es weitergehen soll. So kam ich zu dem Punkt, dass es mal wieder an der Zeit ist, etwas anderes zu machen. Ich glaube, dass es rechtzeitig bevor die Tarifrunde 2024 richtig heiß wird, ein guter Zeitpunkt ist, den Stab abzugeben und Platz für neue Köpfe zu machen. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass es nicht nur für mich gut ist, jetzt zu neuen Ufern aufzubrechen, sondern dass es auch für die IG Metall Baden-Württemberg ein guter Zeitpunkt ist, sich mit einer anderen Führung neu aufzustellen.

Hat Sie niemand davon abgehalten?

Bis zu diesem Donnerstag wissen nur ganz wenige Menschen in meinem Umfeld von diesem Entschluss. Mit denen habe ich es intensiv diskutiert. Ich will die Entscheidung nicht breittreten, sondern verkünden. Sie ist seit einiger Zeit gereift. Schon vor dem Gewerkschaftstag war mir klar, dass ich etwas anderes machen werde. Ich wollte sicherstellen, dass mein IG-Metall-Bezirk die Stabilität hat, so einen Wechsel gut hinzukriegen. Ich sehe es als meine letzte große Verantwortung, für eine gute Nachfolgeregelung und den sauberen Übergang zu sorgen.

Wurde diese Entscheidung von den Vorgängen in der IG Metall beeinflusst?

In allererster Linie ist es eine persönliche Entscheidung. Ich habe Lust, etwas anderes zu machen. Nach meiner Erklärung im Frühjahr, nicht für einen Vorstandsposten zur Verfügung zu stehen, sind die Möglichkeiten innerhalb der IG Metall überschaubar geworden. Deshalb habe ich irgendwann begonnen, darüber nachzudenken, was ich stattdessen machen könnte. Es ist eine positive Entscheidung für mich und nicht gegen meine IG Metall. Dass es auf der anderen Seite Dinge gibt, bei denen ich grundsätzlich anderer Auffassung bin, und dass es in einer so großen politischen Organisation Konflikte gibt und ich manchmal Antipode eines solchen Konflikts bin, ist sicher nicht überraschend – aber darum geht es mir hier nicht.

Sie haben jahrelang Energie und Zeit in das Sozialpartnermodell gesteckt, bis es vom Gewerkschaftstag ausgebremst wurde. Wie sehr hat Sie dies geärgert?

Ich gebe zu, dass es mich emotional sehr getroffen hat. Auch weil sich mehr als 200 Kolleginnen und Kollegen in der Großen Tarifkommission in Baden-Württemberg dafür ausgesprochen haben und weil mehr als 60 Leute seit Jahren intensiv daran arbeiten. Es ist sehr frustrierend, wenn solch ein für die IG Metall wichtiges Projekt mit überwiegend emotionaler Argumentation abgelehnt wird. Ich akzeptiere selbstverständlich demokratische Entscheidungen. In der IG Metall war das aber ein Novum, dass der Gewerkschaftstag verbietet, ein progressives Projekt zu vollenden. Es wäre leichter, wenn es zwei gleichwertige Optionen gäbe. Aber die bisher benannten Alternativen zum Sozialpartnermodell sind lediglich Abstraktionen, die nicht im Ansatz einen solchen Bearbeitungsgrad haben. Insofern erwarten wir, dass nun diejenigen echte Alternativen liefern, die sagen, bessere Lösungen zu haben.

Wie geht es weiter mit dem kalt gestellten Sozialpartnermodell?

Wir werden das bisher Erarbeitete mit einem Abschlussbericht versehen. Es liegt ein abgeschlossenes Verhandlungsergebnis auf dem Tisch. Was damit passiert, werden wir auch mit der Arbeitgeberseite besprechen müssen. Wir als IG Metall Baden-Württemberg beenden unsere bisherigen Aktivitäten zu diesem Thema, werden aber auch dem Vorstand der IG Metall präsentieren, wo wir jetzt tatsächlich gelandet sind, und was gewesen wäre, wenn wir es zu Ende hätten bringen können. Der nächste Schritt wäre die technische Umsetzung, das hat mit klassischer Tarifpolitik nicht mehr viel zu tun.

Der Vorstand der IG Metall wusste stets über die Fortschritte Bescheid, dennoch ist das Sozialpartnermodell erst jetzt gescheitert. Wurde da Foul gespielt?

Es wurde zumindest sehr aktiv dagegen gearbeitet. Solch ein Verhalten ist mir fremd: Ganz viel Energie reinzustecken, etwas zu verhindern, weil man meint zu wissen, dass das nicht gut sei. Ich verwende meine Energie lieber dafür, Gutes zu schaffen statt etwas zu verhindern. Daher gibt es im Bezirk die Erwartung, dass nun mindestens genauso viel Energie in eine echte Alternative investiert wird. Es geht schließlich darum, dass die Beschäftigten im Alter gut versorgt sind.

Hätte das neue Führungsteam mehr Rückhalt geben können?

Führung hat die Aufgabe zu führen, und ich habe versucht, meinen Teil der Führungsverantwortung beizutragen.

Wie groß ist der Ärger hier im Bezirk?

Natürlich wird es eine Zeit lang dauern, diesen Rückschlag zu verdauen. Nichtsdestotrotz wissen wir, dass wir etwas Gutes entwickelt haben.

Dennoch werden jetzt einige sagen: Der Zitzelsberger läuft aus Frust davon?

Ich habe dieses Jahr viele schwierige Situationen gemeistert. Ich habe aber auch begonnen, weniger in großen Zielen zu denken. Dieses Jahr war für mich eher ein Lern- und Reifeprozess, für den ich dankbar bin. Ich hätte mir vieles anders gewünscht, insbesondere diese Entscheidung zum Sozialpartnermodell. Aber es hat mit dem Entschluss, meine hauptberufliche Arbeit für die IG Metall zu beenden, nichts zu tun. Ich hätte auch so entschieden, wenn wir an dem Sozialpartnermodell normal hätten weiterarbeiten können.

Gibt es Ämter, wo man mehr Einfluss hat als ein Bezirksleiter der IG Metall im Südwesten?

Ich glaube nicht, denn es ist schon eine unglaublich tolle Aufgabe. Ein früherer IG Metall-Vorsitzender sagte mal: Wenn ich noch einmal entscheiden könnte, wäre ich Bezirksleiter geblieben. Da ist was dran, gerade in einem Bezirk wie Baden-Württemberg. Da hat man sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten. Es geht nicht nur um die Tarifpolitik, sondern auch um die politische Bühne und die Zusammenarbeit mit den Verbänden. Dank der extrem wichtigen Branchen Maschinenbau und Automobilwirtschaft ist man natürlich auch immer über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus gefragt. Ich habe ein Faible dafür, mich in technische Dinge einzuarbeiten, um auf Augenhöhe mit Fachleuten diskutieren zu können. Das ist eine Aufgabe, die sensationell viel Spaß macht und viel Einfluss gibt, was ich in den zehn Jahren mit großer Freude ausgelebt habe.

Sie werden lange suchen müssen, um eine ebenbürtige Aufgabe zu finden?

Dieses Amt hat auch einen Preis. Es ist ja nicht so, dass man da auf seiner Wolke durch die Gegend schwebt. Hinter den Kulissen ist das viel Arbeit. Man ist teilweise sehr fremdbestimmt und kann sich nicht aussuchen, was man macht; viele Termine und Themen sind gesetzt. Insofern werde ich wehmütig auf den Verlust des Schönen schauen – auf der anderen Seite freue ich mich schon darauf, mehr Zeit und Selbstbestimmung zu haben, um zu überlegen, was ich sonst noch alles machen könnte. Ideen habe ich viele.