40 Prozent der Kleinstunternehmen und Soloselbstständige erwarten für das neue Jahr eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage. Ihr Verband VGSD hofft auf die neue Bundesregierung – und auf eine Reform des „größten wirtschaftlichen Problems“.
Kleinstunternehmen und Soloselbstständige haben es enorm schwer, in der Wahrnehmung von Politik und Öffentlichkeit aus dem Schatten von Industrie und Mittelstand herauszutreten. Dabei stellen sie rein zahlenmäßig den größten Anteil aller Unternehmen. Dennoch fühlen sich 87 Prozent der Minifirmen von der Politik wenig bis gar nicht respektiert, wie es im Selbstständigen-Report 2024 des Verbandes der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) heißt. Was sie bewegt – dazu ein Überblick.
Mit viel Pessimismus ins neue Jahr Laut dem aktuellen Geschäftsklimaindex des Verbandes in Kooperation mit dem Ifo-Institut und dem Software-Unternehmen Jimdo rechnen rund 40 Prozent der Befragten für 2025 mit einer Verschlechterung ihrer Geschäftslage. Lediglich zehn Prozent erwartet Verbesserungen. Der Pessimismus ist hier weiter verbreitet laut dem Ifo-Geschäftsklimaindex als in der Gesamtwirtschaft.
Daraus folgt eine große Vorsicht: Mehr als ein Drittel der Selbstständigen plant für 2025, die Investitionen zu reduzieren, während etwa die Hälfte ein ähnliches Niveau wie 2024 anstrebt. Lediglich jeder siebte Kleinstbetrieb beabsichtigt, die Investitionen auszuweiten. Aufgrund des verbreiteten Auftragsmangels fühlt sich fast jeder fünfte Selbstständige in seiner Existenz bedroht – deutlich mehr als in der gesamten Wirtschaft. Für den Index werden monatlich 1650 Soloselbstständige und Kleinstunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern befragt.
Hoffnung auf die Bundestagswahl Der VGSD-Vorstandsvorsitzende Andreas Lutz setzt auf die vorgezogene Bundestagswahl und dringt gegenüber unserer Zeitung darauf, „dass die Parteien in ihren Wahlprogrammen und die neue Regierung in ihrem Koalitionsvertrag ausdrücklich auch auf die Soloselbstständigen und Kleinstunternehmen eingehen“. Diese machten immerhin rund neun von zehn Unternehmen in Deutschland aus und stünden für acht Millionen Erwerbstätige – das seien zehn Mal so viele wie in der Automobilindustrie. Gefordert sei eine handfeste Strategie für diesen Bereich. Zudem seien eigens zuständige Beamte im Bundeskanzleramt oder zumindest in den Ministerien nötig, „die sich in der Tiefe mit den Herausforderungen der Solo- und Kleinstunternehmen auskennen“.
Die Ampelkoalition habe in ihrem Koalitionsvertrag „viele gute Ansätze gehabt, aber keine einzige wirklich relevante Maßnahme umgesetzt“, moniert der Verbandschef. Die neue Regierung müsse zeitnah auf dem Gebiet ihre Handlungsfähigkeit beweisen.
Statusfeststellung ist das Hauptärgernis Wichtigste Anforderung ist es, das Statusfeststellungsverfahren der Deutschen Rentenversicherung (DRV) „rechtssicherer zu machen“. Es sei ein „zentraler Grund für den bedrohlichen Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft“, rügt Lutz. Gemeint ist eine 1999 eingeführte und seit langem umstrittene Überprüfung durch die DRV, ob ein Auftragnehmer seine Tätigkeit für den Auftraggeber selbstständig oder im abhängigen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis ausübt.
Das Verfahren sei für die Selbstständigenverbände „berufs- und branchenübergreifend das größte wirtschaftliche Problem“, betont Lutz. Es verunsichere die Auftraggeber und führe dazu, „dass trotz akuten Fachkräftemangels Selbstständige nicht mehr beauftragt werden, obwohl sie über die benötigten Qualifikationen verfügen“. Innovations- und Digitalisierungsprojekte könnten so oft nicht (mehr) im Inland durchgeführt werden und dauerten viel länger als nötig, weil die Kommunikation untereinander stark erschwert sei. „Die Selbstständigen fühlen sich in dieser Frage von der Regierung nicht gehört“, so der Verbandschef. „Es bestehen nachvollziehbar zunehmend Zweifel an der Funktionsweise des Rechtsstaats.“
Als Beispiel nennt er die agile Methodik als weltweiten Standard für Softwareentwicklung. In Deutschland könne sie mit externen, selbstständigen IT-Experten, aber auch mit Angestellten von Dienstleistern nicht mehr rechtssicher praktiziert werden. Denn „die DRV wertet die agile Methodik regelmäßig als starkes Indiz für Scheinselbstständigkeit, was zu hohen Nachzahlungen für die Auftraggeberunternehmen bis hin zu strafrechtlichen Konsequenzen für deren Führungspersonal führt“. Weil die Reform von 2022 aus Expertensicht ein „kompletter Fehlschlag“ gewesen sei, werde „dringend eine wirksame Reform“ benötigt.
Mehr Pleiten von Selbstständigen Nach Angaben des Statischen Landesamtes wurden 2023 allein in Baden-Württemberg 507 000 Selbstständige (inklusive mithelfender Familienangehörigen) gezählt. Der Schwund schreitet kontinuierlich voran: Im Jahr 2014 waren es noch 603 000.
Von Januar bis September 2024 wurden im Südwesten 9878 Insolvenzverfahren registriert (plus 18 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum). Davon entfielen 2370 Pleiten (plus 17 Prozent) auf ehemals selbstständig Tätige (1604 mit Regelinsolvenzverfahren und 766 vereinfachte Verfahren).
Die Bundesagentur für Arbeit gibt die Zahl der neu registrierten Arbeitslosen aus selbstständiger Erwerbstätigkeit für Oktober mit 528 an, was einem Zuwachs von 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.