Mehr Shoppingqualität zwischen Planie, Marktplatz und Grünem Platz? Foto: Archiv/Bischof

Mit gemischten Gefühlen blickt das Gewerbe in Sindelfingen auf die Jahre 2022 und auch 2023. Um die Innenstadt-Belebung voranzutreiben, verfolgt der Gewerbe- und Handelsverein eine Vision: Ein alternatives Angebot zu dem Shoppingmagneten der Stadt schaffen.

Nachwehen der Coronapandemie, einen sich zuspitzenden Fachkräftemangel, unterbrochene Lieferketten, Materialknappheit, Bürokratie und nun horrend steigende Energiekosten. Derzeit schweben noch immer einige dunkle Wolken am Himmel der Gewerbetreibenden im Kreis Böblingen. Viele werden sich wohl auch im begonnenen Jahr 2023 nicht auflösen – sind die Probleme in Handwerk, Handel und Gastronomie schlicht zu tiefgreifend, um sich schnell in Luft aufzulösen.

 

Dennoch ist die Stimmung bei vielen, wie der Sindelfinger Gewerbe- und Handelsverein (GHV), beschreibt, wahrlich nicht nur schlecht. Wer sich in seinem Bereich mit einem spezifischen Angebot einen Namen gemacht hat, hat offenbar Grund zu Optimismus. Einer von ihnen ist Robert Klotz, Inhaber eines Sportgeschäfts mitten in der Sindelfinger Innenstadt und zweiter Vorsitzender im GHV: „Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken, auch wenn mit Corona und den nun explodierenden Energiekosten große Hürden im Weg stehen. Es war eine schwere Zeit, verbunden auch mit dem Verlust von etabliertem Personal.“

Shoppinghotspot in Sindelfingen liegt nicht im Stadtzentrum

Aufgefangen wurden die lokalen Gewerbetreibenden nicht nur durch die Coronahilfen von Bund und Ländern, sondern auch durch die Unterstützung der Sindelfinger Stadtverwaltung und der Wirtschaftsförderung. „Wir sind dort stets auf offene Ohren gestoßen. Ideen wie der Stadtgutschein haben uns geholfen, weil sie die Kundenfrequenz erhöht haben“, äußert sich Hermann Ayasse, Vorsitzender beim GHV. Dennoch bestehe für die Gewerbetreibenden in der Innenstadt, rund um Planie und Markt-, Grünen- und Wettbachplatz Handlungsbedarf, um die Situation zu verbessern.

GHV-Kollege Robert Klotz bringt die Ausgangslage, die in Sindelfingen noch ein bisschen deutlicher ausgeprägt ist, als in anderen Städten, so auf den Punkt: „Wir haben seit 1980 die Situation, dass das Shoppingzentrum in der Stadt nicht in der Innenstadt, sondern etwas außerhalb liegt – das Breuningerland. Dieses zieht Leute aus der ganzen Region an. Wir können uns durchaus einiges abschauen, um erfolgreicher zu werden.“ Denn, so der Einzelhändler, der für die Freien Wähler auch im Sindelfinger Gemeinderat sitzt, würde bei dem beliebten Einkaufszentrum entlang der A 81, das wieder Mitglied des GHV ist und mit dem daher ein Austausch stattfinde, „ein guter Job gemacht“. Klotz: „Wir müssen den Gesamtstandort Sindelfingen weiterentwickeln. Dazu gehören stadtweite Events wie verkaufsoffene Sonntag, die aktuell nicht möglich sind, genauso wie neue Konzepte zur Belebung der Innenstadt, von der das gesamte Gewerbe mit Handel, Hotels und Gastronomie profitieren würde.“

Eine Idee, wie es gehen könnte, haben die Verantwortlichen des GHV schon. „Die Erfahrung zeigt, dass spezifische Angebote mit verstärktem Service- und Beratungscharakter sowie einer Onlinepräsenz für Einzelhändler gut funktionieren“, meint Klotz und führt weiter aus: „In unserem Sportartikelgeschäft zum Beispiel setzen wir auf Service und Beratung. Wer einen Ski- oder Laufschuh sucht, der per Scanner individuell an den Fuß angepasst werden soll, findet dies bei uns. Mit solchen Angeboten lockt man Kunden auch von weiter hierher.“ Und wenn sich das Gewerbe, ergänzt Hermann Ayasse, von der größeren Konkurrenz abhebe und auf das veränderte Kaufverhalten von Menschen reagiere, könnten auch die Innenstädte wieder attraktiver werden. „Wir wissen, dass Shoppen heutzutage mehr Eventcharakter haben muss. Viele Geschäfte bieten daher Kaffee und Getränke an, um das Einkaufserlebnis zu verbessern. Darüber hinaus braucht es Orte, an denen sich die Menschen gerne länger aufhalten“, erläutert Ayasse, der früher einen Malerbetrieb führte und derzeit für die CDU im Gemeinderat sitzt.

Spezifischer und näher am Kunden

Nur aus eigener Kraft schaffe man dies aber auch in Sindelfingen, wo das Lohnniveau und damit auch die Kauflaune noch vergleichsweise hoch seien, nicht. „Es braucht die entsprechende Infrastruktur. An einigen Stellen in der Stadt ging hier viel zu wenig voran. Gerade in der Innenstadt brauchen wir mehr Tempo“, bemängelt Ayasse. Dabei denkt der Malermeister vor allem an die Untere Planie, den Marktplatz, die Ziegelstraße und das Neubauprojekt auf dem Post-Voba-Areal, das erst im vergangenen Jahr ein architektonisches Gesicht erhielt, dafür aber im Bezug auf die konkrete Nutzung noch zu wenig Klarheit ausstrahle.

Welches Gewerbe soll sich im Post-Voba-Neubau ansiedeln?

„Wir stören uns an den wenigen gewerblichen Flächen, die dort entstehen sollen. Die 800 Quadratmeter, die für Handel und Gastronomie vorgesehen sind, reichen nicht aus, um die Innenstadt weiter zu beleben“, sagt Robert Klotz. Wolle man inhabergeführte Geschäfte in dem Neubau am heutigen Grünen Platz ansiedeln, könnte die Stadt die Flächen selbst erwerben und zu reduzierten Preisen an kleinere Ladeninhaber verpachten – so der Vorschlag des GHV an die Adresse der Stadtverwaltung. Diese hat das Nutzungskonzept auch nach Veröffentlichung des Siegerentwurfs noch nicht festgezurrt.

Auch ganz spezielle Geschäfte – wie jenes für Kinderschuhe, das einst in Sindelfingen existierte und durch sein Angebot ein regionales Alleinstellungsmerkmal gehabt habe – hätten dann eine Chance, im Dreieck zwischen Marktplatz, Wettbachplatz und Bahnhof unterzukommen und die Besucherfrequenz zu erhöhen. „Damit wäre dieser Bereich gestärkt, gerade im Hinblick auf die Zukunftspläne, nahe des Breuningerlandes mit dem Goldbachquartier einen neuen Einkaufsschwerpunkt zu setzen“, so Klotz.