Ida Ränzlöv Foto: Staatsope/Matthias Baus

Nach nur einem Jahr im Opernstudio wurde die schwedische Mezzosopranistin Ida Ränzlöv 2019 Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart. An diesem Sonntag singt sie den Hänsel in der Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Wir stellen die 30-Jährige vor.

Stuttgart - Eine geschockte Familie auf dem südschwedischen Land. Ida will singen! Nicht im Chor, sondern allein! Und noch dazu: Oper! Wenn im Radio große romantische Arien erklangen, hat der Großvater immer sofort den Regler runtergedreht. „Dieses Geschrei!“, so sein Kommentar – und wäre seine 17-jährige Enkelin nicht beim ersten Opernbesuch ihres Lebens derart für Bizets „Carmen“ entflammt, dass sie ebenfalls Oper singen wollte: Dann gäbe es einen Sängerinnen-Fanclub weniger. Zu einem solchen ist die Familie von Ida Ränzlöv nämlich mittlerweile geworden, und die Musiktheaterbegeisterte von ehedem ist seit drei Jahren festes Mitglied im Ensemble der Staatsoper Stuttgart.

 

„Großen Sound“ wollte Ida Ränzlöv produzieren – „vielleicht auch deshalb, weil wir in Schweden sonst sehr ruhig sind und uns eher in eine Gemeinschaft einordnen“. Also zum Beispiel im Chor singen. Das hat die Mezzosopranistin tatsächlich zunächst getan. Als auch ihr Chorleiter ihr riet, die Stimme ausbilden zu lassen, ging aber alles ganz schnell. Über die Opernschule am Londoner Royal College of Music kam sie zum Festival nach Glyndebourne, mit dem die Stuttgarter Oper eng verbunden ist. In deren Opernstudio wurde sie 2018 aufgenommen, sprang als Rosina in Rossinis „Barbier von Sevilla“ ein – und erhielt nach nur einem Jahr in Stuttgart einen festen Vertrag. „Schon beim Vorsingen“, sagt Ränzlöv, „habe ich gemerkt: Das hier ist wie zu Hause.“

„Sänger zu sein, ist eine Lebensart“

Seither hat sie ziemlich gut Deutsch gelernt und sich von kleinen bis hin zu großen Rollen empor gesungen. Sehr diszipliniert („Sänger zu sein, ist eine Lebensart“) und „super unterstützt“ von einem Haus, in dem sich die Sängerin manchmal fühlt „wie ein Baby: so liebevoll aufgezogen und bei allen kleinen Schritten an die Hand genommen“. In dieser Saison hat sie schon die Wellgunde in „Rheingold“ gesungen, hat als Prinz Orlofsky in der „Fledermaus“ gähnend bekundet, wie „laaaaaaangweilig“ alles sei, und an diesem Sonntag wird sie bei der Premiere von „Hänsel und Gretel“ der Hänsel sein.

„Hosenrollen singe ich gern“, sagt die Mezzosopranistin, „dabei fühle ich mich sehr geerdet.“ Und so ein „supergiggeliges Girliegirl“ sei sie halt einfach nicht. Deshalb liebt sie auch Mozarts Cherubino (den sie in diesem Sommer in Glyndebourne singen wird). Und den Ruggiero in Händels „Alcina“: eine Traumpartie, die sie in dieser Saison in Stuttgart übernimmt. Händel ist Ränzlövs Lieblingskomponist. Auch wenn ihre Stimme in letzter Zeit größer geworden ist, sodass sie sich tendenziell eher Opern von Strauss und Wagner zuwenden wird, also Komponisten, bei denen sie sich gegen ein großes Orchester durchsetzen muss, aber auch Teil seiner Farbenvielfalt werden kann. Oder, wie sie es formuliert: „Ich liebe es, wenn das Orchester mich umarmt.“

„Wir spielen viel mit dem Publikum“

Das tut es auch bei „Hänsel und Gretel“. „Man hat eine große Freiheit, wenn man ein Kind spielt“, sagt Ida Ränzlöv, „denn Kinder haben keinen Filter.“ Deshalb habe sie bei den Proben versucht, immer dem ersten Impuls zu folgen, der ihr in den Kopf kam, und der Regisseur Axel Ranisch hat nie Nein gesagt.

Herausgekommen ist eine Oper für Kinder und für Erwachsene, ein Stück zum Lachen wie zum Weinen, „keine klassische Lebenkuchenhaus-Inszenierung“. Und: „Wir spielen viel mit dem Publikum“, sagt die Mezzosopranistin. Physisch sei das durchaus anstrengend, oft müsse sie gleichzeitig tanzen und singen. Die Hexe? „Hänsel mag sie am Anfang sehr“. Und die Musik? „In der ersten Probe habe ich geheult.“ Weil’s so schön ist und weil das Schöne so einfach, so volkstümlich klingt. Vor allem der Abendsegen berührt Ida Ränzlöv immer wieder – „das sind Engelsklänge“, dirigiert übrigens von einer Frau, der Russin Aleftina Joffe.

Lob für das offene, unterstützende Stuttgarter Publikum

Auch bei Axel Ranisch ist „Hänsel und Gretel“ kein Märchen aus alter, ferner Zeit. Sondern „eine Hoffnungsoper“. Findet zumindest Ida Ränzlöv. Schließlich gebe das Stück eine Devise aus, die ihr als Schwedin sehr nahe sei: dass man zusammenhalten müsse, um weiterzukommen. Das passe nicht nur gut in unsere Zeit, sondern auch zum Stuttgarter Publikum, das sie immer als sehr offen und unterstützend erlebt hat. Anders als in Schweden, wo der Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum „nicht so dicht“ sei.

Auch wenn sich zuletzt manches geändert hat. Bei ihrem Großvater zum Beispiel. Der hat irgendwann begonnen, den Regler am Radio auch dann hochzudrehen, wenn dort Opernmusik erklang. Wenn das kein Erfolg ist!

„Hänsel und Gretel“ in Stuttgart

Riesenrad
Johannes Schaaf schuf 1995 eine Kult-Inszenierung, die mehr auf ein erwachsenes als auf ein kindliches Publikum zielte. Schornsteine statt Baumstämme, statt Knusperhäuschen ein Riesenrad voller Süßigkeiten, ein Abendsegen als bunter Kindertraum und Hexen mit gewaltigen Brüsten: Die Produktion blieb gut zwei Jahrzehnte auf dem Spielplan.

Afrika
Da Kirill Serebrennikow 2017 in Moskau wegen des Vorwurfs der Unterschlagung von Fördergeldern unter Hausarrest gestellt wurde, konnte er seine Inszenierung in Stuttgart nicht vollenden. Die Sänger gaben das Stück daraufhin halb konzertant. Zu sehen war dazu immerhin der Film, den der Regisseur in Ruanda gedreht hatte, um das Pathos im Stück zu brechen, einen fremden Blick auf unseren Luxus zu implantieren und die Armut in Humperdincks Oper in unserer Gegenwart einzuordnen. Die beiden Kinder, die in diesem Film afrikanische Doppelgänger von Hänsel und Gretel spielten, winkten bei der Premiere von der Königsloge. Lange hoffte die Staatsoper, Serebrennikow würde seine Inszenierung beenden. Der lange Hausarrest hat das verhindert.

Neuinszenierung Axel Ranisch ist in Stuttgart mit „Die Liebe zu den drei Orangen“ schon ein Publikumshit gelungen. Premiere seiner Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ ist an diesem Sonntag um 17 Uhr. Weitere Vorstellungen am 9., 20. und 26. Februar, 9., 11., 13. und 28. März. Karten: 0711 / 20 20 90. ben