Sonja Zietlow und Daniel Hartwich sprechen aus, was endlich mal ausgesprochen werden musste. Foto: RTL

Warum die ganze Verlogenheit des Privatfernsehens im Dschungel Pause hat: Das Dschungelcamp holt einen Quotenrekord nach dem anderen. RTL platzt bald vor Freude. Doch warum schauen Millionen diese Sendung?

Warum die ganze Verlogenheit des Privatfernsehens im Dschungel Pause hat: Das Dschungelcamp holt einen Quotenrekord nach dem anderen. RTL platzt bald vor Freude. Doch warum schauen Millionen diese Sendung?

Coolangatta - Der RTL-Dschungel hat einen schwerwiegenden Nachteil: Er ist zu kurz. Nur karge zwei Wochen reichen längst nicht mehr aus für all den wundersamen Wahnsinn, der uns derzeit wieder jeden Abend in „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ aufgetischt wird. Der Dschungel sollte als Dauerschleife laufen, das ganze Jahr über. Und warum auch nicht? Zu Hause wartet eh keine Arbeit auf die Dschungelaner. Einmal im Jahr wird die ganze Truppe ausgetauscht, immer im Januar, und weiter geht’s im Kakerlakenschweinsgalopp.

Wobei: Wäre auch nicht gut. Denn die Dschungel-Fans, Abend für Abend acht Millionen, sind jetzt, nach elf Tagen, schon erschöpft genug. Heute hat RTL schon wieder bis Mitternacht verlängert. Aber wer braucht Schlaf, wenn er Larissa haben kann – schön, verstört und auch noch aus Österreich, quasi die Kaiserin Sisi des Urwalds? Ja, der Dschungel macht süchtig.

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Aber warum nur? Nein, es sind nicht die albernen Dschungelprüfungen, die Kakerlaken, die Känguru-Penisse und Stinkfrüchte. Okay, die gehören zur Folklore. Und aufregend ist es allemal, wenn Ösi-Doc Marco Angelini, angeblich der einzige studierte Dschungelteilnehmer, auf der Sternejagd in der Unterwasser-Schlangengrube nach Luft ringt. Aber lohnender ist es doch, auf die Menagerie wunderlicher Menschen zu blicken, die RTL jedes Jahr für uns zusammenträgt – mit einem goldenen Händchen fürs Casting.

Schluss mit dem Gerede von Mediatheken

Wenn am Abend mehr als ein Drittel der TV-Zuschauer das Urwaldtreiben verfolgt, klingt das Gerede von Mediatheken und zeitunabhängigem Fernsehen wie eine Fehleinschätzung. Die Acht-Millionen-Marke zu knacken – das schafft mancher „Tatort“ nicht. Und selbst Flaggschiffe der Fernsehunterhaltung wie „Wetten, dass . . .?“ stellt das Spektakel in den Schatten.

Man hört ja immer den Vorwurf: Pah, alles nur C-Promis! Aber gerade das ist ja das Schöne. Dieses Jahr hat es RTL erstmals mit einem veritablen B-Promi versucht, dem übel beleumundeten Stimmungssänger Michael Wendler (besser bekannt als „Die Wendlerin“), der in den letzten Jahren mit Liedgut wie „Kikeriki Ciao Ciao, auf Malle ist der Himmel blau“ reüssierte. Und prompt stellte sich heraus: Braucht kein Mensch. C-Promi reicht, C-Promi ist viel besser.

Die Wendlerin entfloh nach vier Tagen. Als er bemerkte, dass es im Dschungel mehr PR gibt als außerhalb, versuchte er, sich den Rückweg ins Camp freizuschlagen – doch RTL ließ ihn am langen Arm verhungern. Niemand ist größer als der Dschungel, und schon gar nicht der Wendler. Der Sender verzichtete auf den billigen PR-Coup, auf „The Return of the Wendler“. Bravo, RTL. Wobei: Wer ohnehin jeden Tag zu nachtschlafender Stunde acht Millionen vor den Fernseher lockt, kann leichten Herzens auf den Quatschmusiker verzichten. Denn wer braucht den Wendler, wenn er den „Glatzenpeter“ hat (unter diesem Künstlernamen firmiert Alt-„Tatort“-Ermittler Winfried Glatzeder im Dschungel) – und natürlich Larissa, die beste Kandidatin von allen.

Einmal der ganze Kafka rauf und runter

Hach, Larissa Marolt, Schatz, Dschungelprinzessin. In den ersten Tagen musste man befürchten, dass RTL mit der exaltierten ehemaligen Klum-Kandidatin überzieht – zu verstörend war es, dem Austro-Model dabei zuzusehen, wie es an Spinnen, am Nikotinentzug und vor allem an sich selbst verzweifelt. Doch mit der Dschungelprüfung, als die Kärntnerin in der Maden-Limousine eine Flasche Schampus köpfte und es sich gutgehen ließ, kam die Wende. Larissa begann zu kämpfen, Larissa hält bis heute durch – und liefert jeden Abend von neuem ein großartiges Schauspiel. In ihrem Gesicht spielen sich ganze Kinofilme, komplette Dramen ab – Verzweiflung, Not und Pein, Freude, Spottlust, einmal der ganze Kafka rauf und runter. Oder doch Freud?

Stundenlang könnte man der feschen Larissa zuhören, wenn sie von ihren Eltern berichtet, angeblich die Kärntner Version von Elvis und Marilyn, die zu Hause eine Art Spukhotel betreiben, durch das der versoffene Kammerdiener Engelbert geistert. Am Sonntag brach der Server des Hotels Marolt zusammen. Alle wollen ein Zimmer buchen. Allerdings sollen die Toiletten nicht ganz sauber sein, liest man im Internet. Auch der Rest des Casts ist herausragend. Der gallige Glatzenpeter schikaniert den Rest, übt sich als Teilzeit-Nudist, berichtet von seinen Tränensäcken, die er sich von einem dubiosen DDR-Doktor entfernen ließ, hat aber irgendwo doch ein großes Restherz. In seinen herzigen Momenten erklärt er Larissa mit der Geduld eines Schaukelstuhl-Opas, dass es nicht der Herr Petroleum war, der die Petroleumlampe erfunden hat.

Ex-Viva-Kasper Mola Adebisi hatte man bisher für beknackt, aber nett gehalten – bis er nach seiner Dschungelprüfung mit Larissa durch selten gesehene Großmäuligkeit jeglichen guten Rest-Ruf verspielte. Zu Recht bekam er im Internet die volle Breitseite ab, war zwischenzeitlich noch unbeliebter als ZDF-Moderator Markus Lanz, selbst als „Molanz“ wurde er geschmäht. Aber das ist das Herrliche am Dschungel: Gründlicher und schneller kann man sich als Promi im Fernsehen nicht entlarven, wenn man das möchte.

Dschungelprüfungs-Weltmeisterin Larissa muss Königin werden

Und auch über die Dschungelaner hinaus ist alles ohne Ende unterhaltsam. Hier macht das ganze Reality-TV-Elend, mit Schandformaten wie „Schwer verliebt“ und „Schwiegertochter gesucht“, einmal im Jahr Pause. Dann verfrachtet RTL sein bestes Personal, die lustigsten Autoren, die fähigsten Cutter, die besten Redakteure und Moderatoren, zur Fernsehlandverschickung nach Australien. Dort dürfen sie zwei Wochen lang Spaß haben wie früher als Kinder im Skilager, und das merkt man der liebevoll gemachten Sendung an. Wenn zunächst die grenzenlos dämliche Begattungssoap „Der Bachelor“ auf RTL läuft und danach der Dschungel, ist das ungefähr so, als ob erst die Flippers singen und dann Pavarotti.

Die ganze Verlogenheit des Privatfernsehens (ja, wir sprechen von Ihnen, Frau Ludowig!) hat im Dschungel Pause. Sonja Zietlow und Daniel Hartwich sprechen aus, was endlich mal ausgesprochen werden musste. Zum Beispiel gilt Comedy-Flachzange Mario Barth überall sonst bei RTL irrtümlich als lustig. Doch wenn nach dem Dschungel Barth kommt, stöckeln Sonja und Daniel in der Abmoderation (ein täglicher Höhepunkt, bloß nicht vorher ausschalten!) über ihr Brückerl, und Hartwich ätzt herzhaft: „Das war’s mit Comedy auf RTL, jetzt kommt Mario Barth.“ Man möchte ihn busseln dafür.

Aber das Wichtigste ist jetzt: Dschungelprüfungs-Weltmeisterin Larissa muss Königin werden. Was soll noch schiefgehen? Sie weiß ja: „Wir können hier nicht sterben, das hat uns RTL vertraglich zugesichert.“ Und eine herrlichere Szene als diese wird es im Dschungel nie mehr geben: Als Zietlow und Hartwich sie bei ihrer x-ten Prüfung mit dem Satz „Wir haben uns so an dich gewöhnt“ begrüßten, giftelte sie zurück: „Aber ich mich nicht an mich.“ Das war Schopenhauer, aber mindestens. Wer bitte nennt den Dschungel da noch Trash-TV?

RTL freut’s. Markus Küttner, zuständig für Comedy & Real Life, jubelt, vom Quoten-Glück berauscht: „Das gesamte Dschungelteam ist völlig aus dem Häuschen!“