Vor der Grundschule stehen die Poller schon. In ihrer Verlängerung sollen bald noch 50 weitere die Fußgänger schützen. Foto: Horst Rudel

Weil im Lenninger Tal die Bundesstraße 465 für Lastwagen gesperrt ist, rollt der Tunnelaushub der künftigen ICE-Trasse durch Erkenbrechtsweiler. Die Gemeinde versucht, die Lawine zu bändigen.

Erkenbrechtsweiler - Seit sich die Tunnelbohrmaschinen Wanda und Sibylle neben der Autobahn bei Kirchheim ins Gestein des Albvorlands fressen, hat der Lastwagenverkehr im Lenninger Tal und auf der Schwäbischen Alb zugenommen. Nicht so stark wie ursprünglich befürchtet, aber spürbar und vor allem dort, wo es nicht unbedingt erwartet worden war. Nachdem die durch Owen nach Lenningen führende Bundesstraße 465 wegen einer Baustelle von der Ortsmitte an den Schwerverkehr gesperrt ist, ist unverhofft die Ortsdurchfahrt von Erkenbrechtsweiler zum schwächsten Glied in der Kette geworden.

Roman Weiß, der Bürgermeister der rund 2100 Einwohner zählenden Albgemeinde, muss in seiner Amtsstube nur ans Fenster treten. „Kürzlich sind da unten auf der Hauptstraße acht Lastwagen im Konvoi auf einer Strecke von 70 Metern durchgekommen“, sagt er. Und als sich die Verwaltung mit Vertretern der Polizei und des Landratsamts zu einem Vor-Ort-Termin getroffen habe, sei wie auf Bestellung ein Lastwagen im Begegnungsverkehr über den Gehweg gedonnert. „Obwohl dort deutlich sichtbar Polizisten in Uniform standen“, wundert sich Weiß noch jetzt.

Poller sollen die Fußgänger schützen

Zumindest der Ausflug über den Gehweg soll den 40-Tonnern in absehbarer Zeit verwehrt werden. Die Gemeinde hat 50 Poller bestellt, mit denen die Hauptstraße eingefasst wird. Sie sollen in den Bereichen, in denen abgesenkte Randsteine zum Überfahren einladen, die Fußgänger schützen. „Das sieht hässlich aus, aber wir haben keine andere Möglichkeit“, sagt der Schultes, der den verkehrsgeplagten Anwohnern eine erstaunliche Gelassenheit attestiert. „Wir haben eine Spedition und den Steinbruch am Ort. Lastwagen gehören zum Ortsbild“, so seine Erklärung.

Wenn sich allerdings, wie geschehen, Frauen beim Streichen des Gartenzaun nur durch einen Sprung in des Nachbars Vorgarten in Sicherheit bringen können oder den Schülerinnen und Schülern der an der Uracher Straße liegenden Grundschule der Fahrtwind der Lastwagen um die Ohren pfeift, dann hört sogar der Langmut der Älbler auf. Und beim Geld sowieso. „Die Poller werden uns inklusive der Installation rund 10 000 Euro kosten. Und es ist weit und breit niemand in Sicht, dem wir die Rechnung schicken könnten“, beklagt sich der Schultes. Auch auf die Kosten für die Reparatur der jetzt schon in die Knie gegangenen Gehwege wird die notorisch klamme Gemeinde wohl selbst sitzen bleiben.

Immerhin haben die Tempo-30-Schilder, die seit dem Herbst die Hauptstraße säumen, laut Weiß nicht nur den Verkehr, sondern auch die Anwohner beruhigt. „Das wirkt sich vor allem in den frühen Morgenstunden aus“, sagt der Rathauschef unter Hinweis auf den schon gegen 5.30 Uhr einsetzenden Schwerverkehr. Die Schilder sollen so lange stehen bleiben, bis die Bohrmaschinen im Tal ihr Werk vollendet haben.

Weniger Lastwagen als befürchtet

Die Bahn selbst, so scheint es, ist mittlerweile außen vor. „Die Belastung entspricht den Zahlen, die wir bei der Bürgerinformation kommuniziert haben. Stellenweise sind es sogar noch weniger“, sagt ein Bahnsprecher. Aktuellen Berechnungen zufolge werden, um die unterm Strich 3,6 Millionen Tonnen Gestein auf Deponien abzufahren, täglich bis zu 180 Lastwagen mit Tunnelaushub durch das Lenninger Tal geschickt. Ihr Ziel ist das Schotterwerk Moeck in Grabenstetten (Kreis Reutlingen), das Schotterwerk Bauer in Erkenbrechtsweiler und der auf der Albhochfläche gelegene Steinbruch der Reutlinger Kreisgemeinde Römerstein-Zainingen. Rund 40 Fuhren, beladen mit Material, das für den unterirdischen Bau des 8,2 Kilometer langen Schienenstrangs benötigt wird, nehmen den entgegengesetzten Weg von den Steinbrüchen zum Tunnelportal. Zusammengerechnet sind das deutlich weniger als die 500 Lastwagen, von denen vor Jahresfrist noch die Rede gewesen war.

„Das ist immer noch eine starke Belastung, aber die Anwohner an der Hauptstraße sind leidensfähig“, sagt die Owener Bürgermeisterin Verena Grötzinger unter Hinweis auf die knapp 30 000 Autos und mehr als 1500 Lastwagen, die schon durch die Teckstadt gefahren sind, bevor der Bahn-Pendelverkehr eingesetzt hat. Von voraussichtlich Mitte Dezember an wird der Verkehr ein paar Monate lang wieder ungehindert durch Owen rollen, bevor er im März erneut von Baumaschinen ausgebremst wird. Dann wird der zweite Teil der Hauptstraße bis zum Ortsschild Richtung Lenningen grundsaniert. Die vier Monate dauernde Sperrung wird nicht die letzte im Lenninger Tal sein. Geht es nach den Plänen des Stuttgarter Regierungspräsidiums, dann wird im kommenden Jahr auch die Gutenberger Steige hinauf auf die Albhochfläche von Grund auf repariert.

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