Die Zeit läuft: Projektchef Olaf Drescher steht unter der Uhr, die anzeigt, wie viel Zeit noch bis zur Eröffnung der neuen Strecke nach Ulm bleibt. Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone

Am 11. Dezember, in genau 100 Tagen, nimmt die Bahn die neue Strecke zwischen Wendlingen und Ulm in Betrieb. Dann sparen Fahrgäste 15 Minuten. Projektchef Olaf Drescher zieht im Interview Bilanz der Arbeiten.

Seit mehr als zehn Jahren baut die Bahn an der neuen Strecke zwischen Wendlingen und Ulm. Am 11. Dezember, in genau 100 Tagen, soll sie in Betrieb gehen. Projektchef Olaf Drescher plädiert dafür, bei Projekten dieser Größenordnung die Planungen vor Baubeginn deutlich zu intensivieren, um Kostenüberschreitungen und geplatzte Terminpläne zu vermeiden.

 

Herr Drescher, in exakt 100 Tagen, am 11. Dezember, soll die neue Strecke zwischen Wendlingen und Ulm in Betrieb gehen. Was kann bis dahin noch schief gehen?

Eigentlich kann uns nur noch ein Erdbeben stoppen. Aber im Ernst: Technisch kann nichts mehr passieren. Es laufen noch Restarbeiten, es wird noch Feinkosmetik betrieben, die aber nicht relevant für die Inbetriebnahme am 11. Dezember ist. Schon in der nächsten Woche übergeben wir die Strecke für weitere Tests an die DB Netz AG.

Dann sind Fahrgäste 15 Minuten schneller in Ulm als heute. Das erkauft man sich mit mehr als 3,9 Milliarden Euro. Lassen sich solche Investitionen noch rechtfertigen?

Die Neubaustrecke ist Teil des Gesamtprojekts Stuttgart-Ulm. Das muss man im Zusammenhang sehen. Die volle Wirkung entfaltet sich zusammen mit Stuttgart 21. Dann gibt es eben nicht nur eine Fahrzeitverkürzung im Fernverkehr zwischen Stuttgart und Ulm um eine halbe Stunde und den Anschluss des Flughafens ans Fern- und Regionalverkehrsnetz, sondern auch einen massiven Ausbau im Nahverkehrsangebot in weiten Teilen des Landes. Außerdem hat die Strecke auch eine europäische Komponente, weswegen die EU 556 Millionen Euro investiert und damit das transeuropäische Hochgeschwindigkeitsnetz weiter vorantreibt. Ganz davon abgesehen wird nur mit dem Bahnprojekt Stuttgart-Ulm der Deutschlandtakt möglich, also die bessere Verknüpfung der Metropolen in Deutschland. Ziel ist, dass die großen Städte Mannheim, Stuttgart, Ulm, Augsburg und München mit dem Zug jeweils nur noch eine halbe Stunde auseinander liegen. Dafür sind eben gewaltige Investitionen notwendig, die aber unerlässlich sind im Kampf gegen den Klimawandel.

Bleibt es am Ende bei unter vier Milliarden Euro?

Wir haben derzeit keine Veranlassung zur Annahme, dass es nochmals mehr werden könnte.

Beim Abschluss der Finanzierungsvereinbarung hätte die Strecke 2,025 Milliarden Euro kosten sollen. Woher kommen die Mehrkosten?

Ganz grundsätzlich gab es seit der Finanzierungsvereinbarung im Jahr 2009 allgemein Preissteigerungen, die auch den Verbrauchern nicht verborgen geblieben sind – und besonders heftig waren diese im Bausektor. Diese wurden wegen der Grundsätze zum Abschluss von Finanzierungsvereinbarungen dort nicht abgebildet. Zudem gibt es in einem Projekt dieser Dimension Risiken, die nicht absehbar sind. Bei der Strecke nach Ulm waren das vor allem geologische Herausforderungen. Wir mussten dort viel Pyrit entsorgen und konnten das Material nicht wie vorgesehen in Steinbrüche in der Nähe bringen, obwohl dafür extra eine Verordnung erlassen worden war. Das hat die Kosten beispielsweise sehr getrieben.

Was muss sich an den Rahmenbedingungen ändern, damit schneller und kostengünstiger gebaut werden kann?

Das sind hehre Ziele. Wir brauchen sicherlich einfachere Regeln für die Plangenehmigung und bei den Finanzierungsfragen. Es gab da in der Vergangenheit vonseiten der Politik die verschiedensten Anstrengungen, die sich aber nicht so ausgewirkt haben, wie man sich das gewünscht hat. Wir setzen darauf, künftig die Bauunternehmen frühzeitiger in die Planung einzubinden, was sicherlich die Bauzeit signifikant verkürzt. Auf der Kostenseite müssen wir die Risiken besser abschätzen können. Dafür muss die Intensität in den frühen Planungsphasen deutlich erhöht werden.

Ärgert es sie, dass die Strecke ohne die Fortführung Stuttgart 21 zunächst nur Stückwerk bleibt?

Die Neubaustrecke ist kein Stückwerk, sondern ein sehr bedeutender Baustein im Projekt Stuttgart-Ulm und somit auch für die Mobilitätswende im Südwesten. Und ganz nebenbei hilft es uns im Blick auf Stuttgart 21 im Projektgeschäft, wenn wir die komplexe Inbetriebnahme des ersten Teils bereits gemeistert haben. Eine gestufte Inbetriebnahme, wie wir sie jetzt erleben, dient auch der Terminsicherheit.

Kritiker der Strecke monieren deren steile Abschnitte und den hohen Scheitelpunkt auf mehr als 700 Meter Höhe. Würde man die Streckenführung heute noch so wählen?

Eine Prämisse bei der Streckenführung war, dass wir landschaftsschonend parallel zur Autobahn fahren. Diese Idee des Eisenbahnwissenschaftlers Professor Heimerl war genial, und so würden wir heute sicher immer noch planen. Dazu kommt: Hätten wir eine deutlich flachere Trassenführung gewählt, wäre der Tunnelanteil, der heute schon bei fast 50 Prozent liegt, weiter gewachsen. Das hätte die Kosten in die Höhe getrieben. Eine andere Trasse hätte auch nicht die Fahrzeitreduzierung gebracht, die wir bald haben werden.

Wenn Stuttgart 21 tatsächlich im Dezember 2025 in Betrieb gehen sollte, sind sie 66 Jahre alt. Denken Sie an den Ruhestand?

Ich denke nur an die Inbetriebnahmen (lacht). Für mich ist entscheidend, dass wir Stuttgart 21 im Jahr 2025 in Betrieb nehmen. Das haben wir versprochen. Darauf richten sich viele ein, etwa das Land mit dem Nahverkehr und die Region Stuttgart mit der S-Bahn.

Sich nun abzeichnende Ergänzungen wie der Pfaffensteigtunnel auf den Fildern reizen Sie nicht?

Den werde ich mit Sicherheit nicht zu Ende bauen. Ich werde den Tunnel aber noch mit aufs Gleis heben. Wir wollen schon 2025/2026 mit der Bauausführung beginnen. Daneben gibt es auch nach 2025 bei Stuttgart 21 etwas zu tun, wenn Sie an die Große Wendlinger Kurve denken, deren Bau ursprünglich im Rahmen von Stuttgart 21 nicht vorgesehen war. Da untersuchen wir gerade zusammen mit dem Verkehrsministerium, ob wir die im Finanzierungsvertrag für 2027 vorgesehene Eröffnung nicht auf 2026 vorziehen können. Ganz klar ist: Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist der entscheidende Schritt zur Mobilitätswende im Südwesten – wenn ich das geschafft habe, bin ich zufrieden und gehe möglicherweise auch in den Ruhestand (lacht).