Seit Januar führt Matthias Hartmann IBM Deutschland. Bei der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz spielen für ihn auch ethische Fragen eine große Rolle. Foto: Factum/Granville

Warum der Deutschland-Chef von IBM mehr Transparenz für Kunden und die Regulierung von Internetplattformen fordert.

Ehningen - Kaum ein anderes Unternehmen steht mehr für den Siegeszug Künstlicher Intelligenz als IBM. Deshalb hat das Wort des Deutschland-Chefs, Matthias Hartmann, besonderes Gewicht. Ein Gespräch über neue Jobs in der Region und Kunden, die Maschinen für Menschen halten.

Herr Hartmann, Sie spielen als Hobby Schlagzeug in mehreren Bands. Was hat Musik mit IT gemein?

IT ist ebenfalls kreativ, man muss zusammen spielen und ist auf seine Mitstreiter angewiesen. In einer IT-Umgebung lässt sich auch nicht alles planen, man muss auch hier schnell reagieren können.

Das klingt nach Improvisation, nach Jazz.

Ich würde ungern lesen, dass unter meiner Leitung IT nicht mehr vorhersehbar wird, sondern nur noch improvisiert wird. Aber heute geht es tatsächlich mehr darum, Menschen in agilen Projekten zusammenzubringen, um die Ziele in einer schnelleren Taktung zu erreichen: in drei Tagen ein Konzept, in drei Wochen einen Prototypen und in drei Monaten ein erstes Produkt. Früher wurde alles lange geplant und fachlich detailliert unterlegt – und häufig kam dann etwas heraus, was man so gar nicht wollte.

Sie duzen Ihre Mitarbeiter, heißt es. Ist das Teil Ihrer neuen Führungskultur?

Ich komme ursprünglich aus dem Beratergeschäft, da wird häufig geduzt. Grundsätzlich geht es bei einer guten Führung um Offenheit, Klarheit und um Werte. Man muss gut zuhören können, den Mitarbeitern und den Kunden.

Nach Jahren massiven Stellenabbaus baut IBM in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis 2021 bis zu 2200 Stellen auf. Wen suchen Sie?

Wir suchen vorwiegend im Bereich der Dienstleistungen, vor allem Berater. Hier spielen die neuen Technologien eine wichtige Rolle wie Künstliche Intelligenz, die Blockchain, bei der Datenbanken sicher und transparent verwaltet werden, und die Mietmodelle im Internet – also die Cloud-Architektur. Diese Schwerpunkte wollen wir weiter ausbauen. Generell suchen wir auch Datenwissenschaftler und Leute, die Geschäftskunden in punkto Nutzererlebnis beraten.

Künftig soll das Forschungslabor in Böblingen mit den rund 1500 Mitarbeitern in einen Neubau in Ehningen ziehen, wo bereits die Deutschlandzentrale ist. Was waren Ihre Hauptgründe für den Zusammenschluss?

Wir wollen die Präsenz in der Region stärken und uns jünger, frischer und noch zeitgemäßer aufstellen. Dazu gehört ein neues Gebäude. Das innovative Konzept wird modernste Arbeitsplätze für die bereits vor Ort ansässigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch für die Teams des deutschen IBM Forschungs- und Entwicklungszentrums bieten. Vorbehaltlich aller notwendigen Genehmigungen werden die ersten Arbeiten Ende 2019 beginnen.

Aus Ehninger Sicht wurde vor allem der Standort München über Gebühr gestärkt – dort ist inzwischen die weltweite Zentrale für den Geschäftsbereich angesiedelt, der sich mit dem Internet der Dinge und der künstlichen Intelligenz Watson befasst.

Das sehe ich nicht so. Deutschland ist nicht wie Frankreich oder England zentralistisch organisiert. Deshalb stellen wir uns regional auf. So ist für uns Berlin im Zusammenhang mit der öffentlichen Hand oder Start-ups wichtig. In Ehningen konzentrieren wir uns unter anderem auf die Blockchain-Technologie und die globale Automotive-Kompetenz. Wir müssen dort sein, wo unsere Kunden sind und diese Märkte entsprechend berücksichtigen.

Was bringt den Verbrauchern eigentlich die Blockchain-Technologie?

Mit dieser Technik verhelfen wir zum Beispiel Ritter Sport zu mehr Transparenz gegenüber den Verbrauchern. Wenn Sie in Zukunft als Konsument einer Schokolade wissen wollen, wo die Nüsse herkommen, können sie über einen gescannten Code die Lieferkette nachverfolgen. Die Zulieferer können Informationen durch die Blockchain-Technologie kaum manipulieren. Und sollte es zu einem Rückruf kommen, dann ist eine Zutat binnen Sekunden sichtbar und nicht erst nach Tagen oder Wochen.

IBM steht mit Watson vor allem für Künstliche Intelligenz. Wo kommen Verbraucher damit in Kontakt?

Wir setzen Künstliche Intelligenz mithilfe von Watson zum Beispiel bei Chatbots – virtuellen Assistenten – ein. Wenn ein Kunde zum Beispiel einen Versicherer über seine Webseite kontaktiert, kommuniziert er für die einfacheren, häufig gestellten Fragen erst einmal mit einer Maschine. Diese leitet dann bei Bedarf das Anliegen weiter. Ähnliche Lösungen gibt es für Banken, den Handel oder Telekommunikationsunternehmen.

Können diese Chatbots eine komplette Erstberatung übernehmen?

Wenn Sie sich zum Beispiel bei der Inter Versicherung über eine Zahnzusatzversicherung informieren, können Sie am Ende des Dialogs, wenn alle ihre Fragen beantwortet wurden, ein Angebot anfordern. In England können Sie sich wegen eines Karosserieschadens bei der Firma Autoglass Bodyrepair melden und ein Foto mit dem Schaden schicken, dann bekommen Sie mit unserer technischen Hilfe nach wenigen Sekunden ein Angebot. Künstlich intelligente Systeme können schon heute automatisch das Bild erkennen, den Schaden bestimmen und ein Angebot erstellen.

Etliche Verbraucher sind sich doch gar nicht mehr bewusst, dass Sie nicht mehr mit einem Menschen kommunizieren.

Das stimmt, das Thema beschäftigt auch uns. Um eine breitere Akzeptanz zu erreichen, dürfen die Unternehmen, die Chatbots einsetzen, ihren Kunden nichts vormachen. Die Verbraucher müssen wissen, mit wem sie gerade kommunizieren und sollten zugleich die Möglichkeit bieten, im Zweifelsfall auf vertraute Kanäle zu wechseln.

Entscheidet am Ende die Künstliche Intelligenz?

Die künstliche Intelligenz, die wir für unsere Kunden entwickeln, dient der Unterstützung des Menschen, die letztendliche Entscheidung trifft der Mensch. Die Frage ist auch, ob die Menschen überhaupt wissen, wie so eine Technologie funktioniert. Wir müssen den Menschen vermitteln, wie KI zu Ergebnissen kommt, wie ein Algorithmus aufgebaut ist und welche Daten verwendet werden. Dann wird sich die Technologie in der Breite durchsetzen. Wir müssen transparent machen, wer am Ende des Tages entscheidet. Und wir müssen die Grenzen und Maßstäbe für diese Entscheidungen bestimmen.

Das heißt, Sie würden wichtige Algorithmen frei zugänglich machen?

Unseren Kunden zeigen wir für die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten auf, wie ein KI-System lernt und entscheidet. Die Datenqualität und -konsistenz ist sehr wichtig, damit ein Algorithmus nicht zu Fehlschlüssen kommt. Das Anlernen des Systems übernimmt ein gemeinsames Team von uns und unseren Kunden.

Facebook und Google entscheiden mit ihren Algorithmen oft über Sichtbarkeit und damit über wirtschaftlichen und politischen Erfolg. Sollten Internetkonzerne wie Google ihre Algorithmen offenlegen müssen?

Der Mensch muss verstehen können, wie ein Algorithmus arbeitet. Dafür hilft es aber nicht, zu wissen, wie der Programmcode geschrieben ist. Deshalb fordern wir Transparenz und Nachvollziehbarkeit der grundlegenden Arbeitsweise von Algorithmen. Unsere CEO Ginni Rometty hat vor Kurzem in Brüssel im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit dem Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Andrus Ansip, die Regulierung von verbraucherorientierten Plattformen befürwortet. Ihre Botschaft an die Regierungschefs ist: Das eigentliche Problem lösen, aber Kollateralschäden vermeiden! Die Verbraucher haben in der Regel sehr wenig Macht gegen die meisten Internet-Plattformunternehmen. Hier sind regulatorische Maßnahmen gerechtfertigt.

Wird generell noch zu wenig über die gesellschaftlichen Auswirkungen von IT debattiert?

Auf jeden Fall. Wir brauchen ganz klar eine stärkere gesellschaftliche und politische Diskussion und wir brauchen seitens der Politik nicht nur Gremien, sondern Entscheidungen. Das muss jetzt in konkrete Erfolge für den Bürger und die Wirtschaft münden, damit Deutschland in der EU, aber auch global nicht den Anschluss verliert. Das heißt konkret: die Leistungen der öffentlichen Verwaltung und den Gesundheitsbereich digitalisieren, Gründern und Start-ups helfen, ihre Ideen zu digitalen Geschäftsmodellen schnell auch in Deutschland zu realisieren. Und High-Tech-Forschung fördern, um Ergebnisse in Geschäftsmodelle umsetzen.

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