Vier ambitionierte Projekte in vier Kommunen im Kreis Esslingen sollen zeigen, wie günstiges Wohnen nach ökologischen und sozialen Standards aussehen kann.
Lauter innovative Ideen rund um das Zusammenleben und die bauliche Umsetzung treiben die Akteure im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 um. Im Kreis Esslingen tragen vier Projekte das Gütesiegel der Architektur-Ausstellung, die die Themen lebenswerte Stadt, Baukultur, neue Technologien, integrierte Quartiere, Ökologie und die Neue Moderne in den Fokus nimmt.
Esslingen Lebendig, inklusiv und bunt soll das neue Wohnquartier rund um die Tobias-Mayer- und die Palmstraße auf der Esslinger Flandernhöhe werden. Schritt für Schritt sollen bis zum Jahr 2035 die Ideen umgesetzt werden, die sich in einem Architektenwettbewerb durchgesetzt haben.
Von Anfang an hat die IBA’27 den Prozess begleitet und bei der Bestimmung des Wettbewerbsverfahrens und der Teilnehmenden mitgewirkt. Andreas Hofer, der Intendant und Geschäftsführer der IBA’27, war in der Jury und hat in der Folge die Zusammenarbeit eines lokalen Büros mit dem ausländischen Gewinnerteam Wittfoht Architekten und Vlay Streeruwitz (Wien) unterstützt. Auch die Integration des innovativen Wohnprojekts Alternatives Wohnen Esslingen (AlWo) wurde bei Aufsichtsratssitzungen und bei zahlreichen anderen Gelegenheiten begleitet, erklärt Alexa Elsässer vom IBA-Büro. Dabei geht es auch um die langfristige Perspektive, die Palmstraße in ein Gartenfeld umzugestalten. Das Tobias-Mayer-Quartier sei ein gutes Beispiel für einen Erneuerungsprozess im kommunalen/genossenschaftlichen Kontext mit hervorragend geplanter Architektur, typologischer Erfindung und Antworten auf die demografischen Herausforderungen und auf die Frage nach einer angemessenen Verdichtung unter Schaffung von mehr Freiraum und Außenraumqualität, heißt es seitens der IBA.
Wendlingen Vor wenigen Tagen hat der Wendlinger Gemeinderat den Bebauungsplan für die Neckarspinnerei auf den Weg gebracht. Damit Bahn frei für die urbanen Visionen, die das Büro Rustler Schriever Architekten (Berlin) zusammen mit den Gornik Denkel Landschaftsarchitekten (Heidelberg) in einem internationalen Architektenwettbewerb zur Weiterentwicklung des Quartiers im Wendlinger Stadtteil Unterboihingen entwickelt hat.
Das historische 4,7 Hektar Areal mit seinem Gebäudeensemble soll durch Neubauten zu einem Stadtquartier mit urbanem Flair verdichtet werden. Der Gemeinderat hat Brand-, Schallschutz und die Verkehrsplanung optimiert und die Mobilitätszentrale etwas verkleinert. Richtung Autobahn entstehen Neubauten mit gewerblicher Nutzung im Erdgeschoss und Wohnraum in den oberen Etagen.
Der Wendlinger Transformationsprozess entwickelt sich laut dem IBA-Intendanten Hofer zum Vorzeigeprojekt der IBA’27. „Hier bestätigen sich die IBA’27-Hypothesen der gemischten Quartiere, des Lernens von der Vergangenheit und der Qualitäten einer anderen – historisch erprobten – und vermutlich zukunftsfähigen Einheit von Natur, Wohnen und Arbeiten“, sagt der Planer.
Leinfelden-Echterdingen Beispielhaft soll auch das Wohngebiet Kaepsele-Goldäcker werden, das am westlichen Rand von Echterdingen in einem dialogischen Konzeptverfahren entstehen soll. Die pfiffigen Ideen rund um Ökologie, Wirtschaftlichkeit und Soziales sollen vor allem auch bezahlbaren Wohnraum in klimaneutralen Gebäuden mit einem hohen Anteil gefördertem Wohnraum schaffen. Zunächst suchte – und fand – die Kommune für die drei getrennt zu vergebenden Baufelder per Konzeptvergabe Investoren. Dann entwarfen je drei Architektur- und Landschaftsarchitekturteams im Dialog mit den Investoren drei- bis sechsgeschossige Gebäude in modularer Holzbauweise aus Recycling-Materialien und lokal verfügbaren Baustoffen. Begrünte Fassaden, Dachgärten und naturnahe Gemeinschaftshöfen gehören ebenfalls dazu. Der IBA-Intendant Hofer lobt „hohe und klare Ansprüche, den vorbildlichen Prozess, den beispielhafte Dialog zwischen unterschiedlichen Investoren und Architekturteams“ und ergänzt: „Wir hoffen, dass die Investoren unter den aktuell schwierigen bauwirtschaftlichen Bedingungen bei der Stange bleiben.“
Nürtingen In der Östlichen Bahnstadt in Nürtingen soll ebenfalls ein innovatives und ökologisch ausgerichtetes Stadtquartier mit gemeinschaftlichen Flächen sowie kurzen Wegen in die Innenstadt und zum Bahnhof entstehen. Anstatt die Flächen an Investoren zu veräußern, ermutigt die Stadt Nürtingen alle Bauwilligen, sich an bürgerschaftlichen Wohnprojekten zu beteiligen.
Solche Baugemeinschaften können sich im Rahmen des gerade angelaufenen Konzeptverfahrens zusammentun. Am 26. Oktober gibt es Gelegenheit, sich in der Nürtinger Stadthalle mit Gleichgesinnten wie Projektinitiativen, Planern, Bauträgern und Genossenschaften zu vernetzen. Die Grundstücke werden im Frühjahr 2024 ausgeschrieben.
Wie die Kommune angekündigt hat, sollen die Grundstücke nicht zum Höchstpreis, sondern im erwähnten Konzeptverfahren an die Bewerber und Bewerberinnen mit dem besten jeweiligen Konzept vergeben werden, um innovative Ideen zu fördern.
Die Weissenhofsiedlung ist Vorbild
IBA’27
Die Internationale Bauausstellung StadtRegion Stuttgart (IBA’27) soll die Zukunft des Bauens und Zusammenlebens in der Region Stuttgart fördern und vorstellen. In der Landeshauptstadt und der Region Stuttgart wurden bisher 17 IBA’27-Projekte ernannt und über 70 weitere Vorhaben ins IBA’27-Netz aufgenommen.
Vorbild
Im Jahr 1927 schufen 17 Architekten um Mies van der Rohe, Walter Gropius, Hans Scharoun und Le Corbusier mit der viel beachteten Weissenhofsiedlung Stuttgart Ikonen der Neuen Moderne in der Architektur. Die funktionalen Häuser mit viel Licht, Luft und Wärme waren ein Novum.