Ein Roboter wie Du und ich steht im Mittelpunkt von Ian McEwans neuem Roman. Mehr zu dem britischen Autor finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Jonathan Cape Verlag

Ian McEwan schreibt einen Frankenstein-Roman für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: Was passiert wenn sich ein Roboter verliebt und Haikus dichtet?

Stuttgart - Für die Idee, einen künstlichen Menschen zu schaffen, sind Schriftsteller heute nicht mehr auf die Ausgeburten ihrer Fantasie zurückgeworfen, wie einst Mary Shelley in ihrem vor rund zweihundert Jahren erschienenen „Frankenstein“-Roman. Robotertechnik und die Fortschritte auf dem Gebiet der Künstlichem Intelligenz geben ganz andere Mittel an die Hand als die romantische Gewitternachts-Energie, die das makabre Monster-Flickwerk der britischen Schauer-Pionierin belebte. Und so kann Shelleys Nachfolger Ian McEwan in Zeiten, in denen Roboterbordelle keine Erfindung mehr von Romanautoren sind, einen schmucken Adam aus der ersten Baureihe künstlicher Menschen ins Rennen schicken, ohne allzu sehr gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit zu verstoßen.

Adam wiegt 85 Kilo, kostet 86 000 Pfund und steht kraft leistungsfähiger Algorithmen als intellektueller Sparringspartner ebenso seinen Mann wie dank funktionierender Schleimhautmembrane als Liebhaber. Die entsprechenden Eigenschaften der schwesterlichen Baureihe Eva mögen dazu geführt haben, dass sich ein Scheich in Riad vier der weiblichen Exemplare gesichert hat. Den Turing-Test bestehen Adam und seine insgesamt 25 Geschwister mit Bravour. Er bescheinigt einer Maschine dann Intelligenz, wenn ihre Antworten nicht mehr von denen eines Menschen zu unterscheiden sind.

Menschlicher Vibrator

McEwans neuer Roman „Maschinen wie ich“ erweitert die Paarkonstellationen, die der englische Romancier in seinem bisherigen Werk als Feinmechaniker der Seele schon lustvoll auseinandergenommen hat, um die Variante Ménage-à-trois mit einem Roboter. Wie kommt ein moralisch absolut einwandfrei programmiertes Bewusstsein in einer Welt zurecht, die von typischen McEwan-Konflikten beherrscht ist: von Menschen, die glauben, um der Gerechtigkeit willen Unrecht tun zu können, bei denen sich Empathie und Selbstsucht, Unschuld und Lüge unauflöslich ineinanderschlingen. Und was, wenn sich ein Wesen wie Adam verliebt und beginnt, Haikus zu dichten?

Der technikbegeisterte Ich-Erzähler jedenfalls, der sich den gut aussehenden Androiden für sein Erbe ins Haus geholt hat, ist wenig begeistert, als er feststellen muss, dass seine Freundin mit Adam eine Liebesnacht verbracht hat. „Würdest du dich genauso fühlen, wenn ich mit einem Vibrator ins Bett gegangen wäre?“, wird ihm auf seine allzumenschlichen Eifersüchteleien beschieden.

Dass einem die gerufenen Geister über den Kopf wachsen, ist der übliche Verlauf von Geschichten dieser Art. McEwan weicht davon gleich in zweifacher Hinsicht ab. Zum einen setzt er nicht auf Science-Fiction, sondern auf alternative Geschichtsschreibung. Die Handlung ist in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts verlegt: Was wäre, wenn die eiserne Lady Maggie Thatcher den Falklandkrieg verloren hätte und der Mathematiker und Computerpionier Alan Turing nicht wegen seiner Homosexualität in den Selbstmord getrieben worden wäre? Dass die Adams und Evas den nach ihm benannten Test so gut bestehen, liegt auch daran, dass sie Geschöpfe seiner genialen Forschungen sind.

Universalgebildeter Kaspar Hauser

McEwan erzählt nicht ein weiteres Mal von der Machtergreifung des maschinellen Übermenschen. Adam ist ein höchst begabter, universalgebildeter Kaspar Hauser, dessen widerspruchsfrei arbeitender Intellekt sich an den Ungereimtheiten und Inkonsequenzen seiner menschlichen Gastfamilie aufreibt. Im Verlauf dieses Bildungsromans im Zeitalter der technisch reproduzierbaren Intelligenz kommt es denn auch zu einer Selbstmordwelle unter den empfindsamen Kunstwesen, die einfach nicht aushalten, was ihre Erfinder rings um sie anrichten.

Die Unvereinbarkeit der Wirrnis menschlicher Angelegenheiten mit den Gesetzen der Logik macht allerdings auch dem Roman selbst zu schaffen. ­„Maschinen wie ich“ ist ein Hybrid aus Erzählung und Denkspiel. McEwan schleust seine Gestalten durch Dilemmata und Problemstellungen, die er im Kamingespräch mit den wissenschaftlichen Koryphäen ersonnen haben mag, denen er im Nachwort dankt. Gäbe es den Turing-Test auch für Romanfiguren – es wäre fraglich, ob ­­­Mc­Ewans Personal hier bestünde.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag. 416 Seiten, 25 Euro.

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