Die Debatten-App „Clubhouse“ erfährt einen Hype. Doch sie ist in vielerlei Hinsicht zu exklusiv, um Ort für einen echten politischen Diskurs zu sein, meint StN-Autorin Annika Grah.
Stuttgart - Im Grunde war es Bodo Ramelow, der kürzlich der Diskussions-App Clubhouse in Deutschland eine breite Öffentlichkeit bescherte. „Merkelchen“ nannte er die Bundeskanzlerin in einer der Diskussionsrunden und gab unumwunden zu, das Handyspiel Candy Crush während der langen Coronarunden zwischen Ministerpräsidenten und Kanzlerin zu spielen. Der Skandal war groß. Und seitdem ist Clubhouse in aller Munde.
Tatsächlich spielt die App in Deutschland überhaupt erst seit einigen Wochen eine Rolle – nachdem der erste deutschsprachige Clubhouse-Talk initiiert wurde. Dabei gibt es die App schon seit vergangenem April. Dort werden Gesprächsrunden im reinen Audio-Format geführt. Die App befindet sich offiziell noch im Test-Stadium – im Software-Sprech: in der Betaversion. Installieren kann sie bislang nur, wer ein Apple-Gerät besitzt – und wer von einem Mitglied eingeladen ist. Exklusivität als Währung?
Tübinger OB wollte Haushalt debattieren
Es scheint zu funktionieren. Darauf deuten zumindest die Nutzerzahlen hin. Die Angst etwas zu verpassen, treibt die Nutzer zu Clubhouse – zuletzt stellte sich sogar Tesla-Gründer Elon Musk dort zur Schau. Doch auch in Deutschland exponieren sich mehr und mehr Politiker auf Clubhouse – und stolpern über die Fallstricke. Das zeigt nicht nur das Beispiel Ramelow.
Auch der medienaffine Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer wollte sich Ende Januar kurz vor der örtlichen Gemeinderatsdebatte zum städtischen Haushalt in einem Clubhouse-Talk den Fragen der Öffentlichkeit stellen. Und erntete dafür Kritik. Zu recht.
Denn es mag in Ordnung sein, wenn sich das politische Berlin in einer Melange aus echten Politikern, Lobbyisten und im weitesten Sinne Medienschaffenden in Zeiten der Pandemie statt in den angesagten Hauptstadt-Kneipen in mehr oder weniger exklusiven Clubhouse-Talks begegnet und austauscht. Eine Renaissance des politischen Salons mag der ein oder andere jubeln.
Ein Ort für eine breite politische Debatte kann Clubhouse aber nicht sein. Das liegt vor allem an den Zugangsbeschränkungen: Denn zwar lässt sich nach den Erfahrungen der bisherigen Nutzer das Problem der Einladung lösen, da die inzwischen freizügig auf sozialen Medien geteilt werden. Mit ihrem Ausschluss von Betriebssystemen schafft die App – zumindest bislang – eine Zugangsbedingung, die sich kaum umgehen lässt. Hinzu kommen die Bedenken von Datenschützern, weil Clubhouse auf Kontakte seiner Nutzer zugreifen will – zumindest wenn diese neue Mitglieder einladen wollen. Hinzu kommen Barrierefreiheit und die Frage, welcher Teil der Gesellschaft sich auf Clubhouse tummelt.
Kein Ort für politische Debatte
Hierzulande wird die App noch dafür gelobt, dass Hasskommentare wegen des direkten Austausches kaum vorkommen. In den USA, wo Clubhouse schon länger in Gebrauch ist, zeigt sich längst, dass das nicht anhält. Dort sorgten antisemitische und frauenfeindliche Äußerungen schon vergangenen Sommer für Furore. Die vermeintliche Intimität gepaart mit der Flüchtigkeit der nur hörbaren Debatte schützt ganz offensichtlich nicht vor Hassreden.
Die Diskussionen, die auf Clubhouse geführt werden, werden zwar aufgezeichnet. Offiziell um eine Handhabe gegen Rassismus oder Sexismus zu haben. Doch bislang ist unklar, wie die Macher dagegen einschreiten. Und wer in einer Debatte ans Rednerpult vorgelassen wird, entscheidet der Moderator. Ein Raum für einen freien, öffentlichen Diskurs kann Clubhouse also nicht sein – auch wenn die App irgendwann einmal über die Betaversion hinauskommt.
annika.grah@stuttgarter-nachrichten.de