Auf dem Schlossplatz hat Lucas Fischer bei seinem letzten Stuttgart-Besuch die „Fahne“ gemacht. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Die Kunstturn-WM im Oktober 2019 in Stuttgart wird ein großes Fest. Der frühere Spitzensportler Lucas Fischer singt die Hymne „Set New Signs“ dazu. Die Reaktionen auf sein Outing, sagt er unserer Zeitung, waren „durch die Bank toll“.

Stuttgart - Überzeugend hat er selbst Zeichen gesetzt. Der frühere Spitzenturner Lucas Fischer, der „Set New Signs“ singt, die Hymne zur Kunstturn-WM 2019 in Stuttgart, führt vor, wie man sich nach Abstürzen hochkämpft. Die Krankheiten Epilepsie und Depressionen konnten ihn nicht stoppen. Mit seinem jüngsten Outing will der 28-jährige Schweizer außerdem Spitzensportler Mut machen, zu ihrer Homosexualität zu stehen. An diesem Wochenende stellt „Lucci“, wie ihn seine Freunde nennen, beim Turn-Weltcup in der Porsche-Arena den offiziellen WM-Song vor, den er im Auftrag der Veranstalter für das Treffen der internationalen Turn-Elite im Oktober in Stuttgart geschrieben hat.

Es läuft gut für Lucas Fischer, der in ein dunkles Loch gefallen war, als die Epilepsie, die neurologische Erkrankung, an der etwa ein Prozent der Menschen leidet, all seine Träume auszulöschen schien. „Neue Kraft wird aus Leid gemacht“, weiß er heute. 2013 wurde „Lucci“ Vize-Europameister am Barren. „Ich freu’ mich riesig auf Stuttgart“, sagt Fischer unserer Zeitung am Telefon vor seiner Abfahrt aus der Schweiz. Sein Song, den er zum WM-Motto „Neue Zeichen setzen“ getextet und komponiert hat, ist eingängig und dürfte zum Mitklatschen und Mitsingen animieren. Seit dreieinhalb Jahren hatte der Finalist der RTL-Show „Das Supertalent“ keinen Epilepsie-Anfall mehr. So gut geht es ihm auch, weil er vor wenigen Monaten seine Homosexualität öffentlich gemacht hat und sich seitdem sehr viel besser fühlt.

„Im Spitzensport ist Schwulsein immer noch ein Tabu“

„Die Reaktionen auf mein Outing waren durch die Bank toll“, berichtet der Popsänger Lucas Fischer, der auch in Varietés als singender Akrobat auftritt. Im Spitzensport sei Schwulsein noch immer ein Tabu, bedauert der 28-Jährige. Da brauche es Vorbilder, die sich nicht versteckten. Dass er seine sexuelle Orientierung erst nach Ende seiner aktiven Zeit als Turner bekannt gegeben hat, liege allein daran, dass es bei ihm lange gedauert habe, bis er sich klar über seine Gefühle geworden sei. Früher habe er sich in Frauen verliebt. Doch die Begegnung mit einem Mann, ein einziger Kuss, habe alles verändert. In seinem Song „So bist du“ erzählt der Schweizer von den Kapriolen seiner Emotionen, von der Freude, wenn man entdeckt, wer man ist, und wenn man dazu steht. Etwa ein Jahr ließ er sich Zeit, um über alles nachzudenken und sein Bekenntnis zu sich selbst seinen Fans mitzuteilen. Das Outing hat ihn noch stärker gemacht.

Heute tourt Fischer als Künstler und redet vor Eltern von jungen Epileptikern. Er bittet sie, ihre Kinder nicht aus Angst einzuengen. Sein Beispiel zeige, wie weit man mit dieser Krankheit kommen könne. Wenn eine Tür sich schließt, sagt er, müsse man nur den Zugang zur nächsten finden. „Lucci“ macht es vor: Manchmal führen Umwege zum Glück.

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