In Kubas Hauptstadt Havanna waten die Menschen durch überflutete Straßen. Foto: AP

Irma hat sich abgeschwächt, doch die Katastrophe ist noch lange nicht vorbei. Die Folgen bleiben, nicht nur in Florida, kommentiert Politik-Redakteur Christian Gottschalk.

Stuttgart - Nun, da Irma zwar noch kein laues Lüftchen ist, aber doch viel von seiner gewaltigen Zerstörungskraft eingebüßt hat, werden die Schäden addiert. Häuser ohne Dach, ohne Fenster, ohne Strom. Kaputte Straßen und Schienen, zerstörte Wohnzimmer, Keller und Büros. Die Reporter packen ihre Mikrofone und Kameras zusammen, mit denen sie in den vergangenen Tagen klitschnass vor sich biegenden Palmen standen. Nun werden Augenzeugen befragt, wie sie ihr Hab und Gut verloren haben. Es wird von gestrandeten Seekühen und fehlgeleiteten Alligatoren berichtet. Die meisten Bilder wird es wieder aus Florida geben.

In Kuba waren die Folgen des Sturms gewaltiger. Der Hurrikan hat die Ernte einer ganzen Saison vernichtet, die Landwirtschaft wurde wahrscheinlich um mehrere Jahre zurückgeworfen. Hier gibt es keine Versicherung, bei der die Betroffenen ihre Schäden einreichen können. Die Zerstörung ist, gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes, mit großer Sicherheit um ein Vielfaches höher als beim nördlichen Nachbarn. Die internationale Berichterstattung gibt das nicht ansatzweise wieder. Zugegeben, die Regierung in Havanna hat ihren Anteil dran. Reportern wird der Zugang zur sozialistischen Insel nicht leicht gemacht. Trotzdem ist die Beobachtung richtig: Das Medieninteresse ist höchst ungleich verteilt. Das war vor zwei Wochen nicht anders. Als die Kameras ihre Objektive auf die Wassermassen in Houston richteten, soffen nahezu zeitgleich große Teile Indiens ab.

Was für Kuba gilt, zählt in Indien nicht

Der Mangel an Kameras vor Ort mag dieser Tage die Defizite der Berichterstattung aus Kuba erklären, für Indien gilt diese Begründung nicht. Kaum ein asiatisches Land hat einen so ausgeprägten, amerikanisierten Medienmarkt. Ähnlich wie in Florida, wo es in nahezu jeder Kommune eine private Rundfunkstation gibt, ist die Mediendichte gewaltig. Landesweit senden in Indien um die 800 private Satellitenkanäle. Die Bilder waren also da. Gleichwohl sind sie hierzulande weniger häufig gesendet worden als jene aus Houston.

Sind die Sorgen, Nöte und Katastrophen von Indern und Kubanern weniger wert als die von Amerikanern? Das wäre wohl eine verkürzte Darstellung. Seriöse Medienmacher folgen bei der Nachrichtenauswahl Regeln, um aus der Fülle der täglichen Geschehnisse herauszufiltern, was von besonderer Bedeutung ist. Betroffenheit und Nähe sind dabei zwei wichtige Kategorien. Im Einzelfall mag es anders sein, aber für die meisten von uns sind die Verbindungen nach Amerika intensiver, stärker und älter als die nach Havanna oder Mumbai.

Kein deutsches Phänomen

Nähe und Betroffenheit sind auch dafür verantwortlich, dass Berichte über Anschläge in Paris oder Brüssel mehr Raum einnehmen als Attentate in Kabul oder Bagdad. Das ist kein deutsches Phänomen. Der Amoklauf an der Schule in Winnenden hat es 2009 zwar auch auf die Titelseiten indischer Zeitungen geschafft – war einen Tag später aber aus der Berichterstattung verschwunden, während er hier noch lange die Schlagzeilen beherrscht hat.

Es wird immer Ungleichgewichte oder Übertreibungen in der Berichterstattung geben. Auch bei Irma war das der Fall. Manch ein Reporter im Sturm hat eher an schaulustige Gaffer beim Unfall auf der Autobahn erinnert, als an einen seriösen Transporteur von Informationen. Und weil die Katastrophe mit Ansage kam, war die Berichterstattung im Vorfeld zum Teil von nervtötender Wiederholung und inhaltlicher Luftigkeit geprägt. Wer es ernst meint mit Nachhaltigkeit, der kann es im Nachgang besser machen und die Folgen der Katastrophen in Indien, Florida und Kuba beobachten. Das gilt für Medien und für Hilfsorganisationen, deren Engagement noch Jahre gefordert sein wird. Das gilt aber auch für Mediennutzer und Spender, die sich interessieren und erinnern müssen.

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